Eine Frau steht mit einer Tasche vor zerstörten Häusern in Grosny (Archivbild vom 23.2.2000). | picture-alliance / dpa

Ukraine-Krieg Kiew und das "Grosny-Szenario"

Stand: 03.03.2022 14:52 Uhr

Wird die russische Armee im Kampf um Kiew ähnlich vorgehen wie in den Tschetschenien-Kriegen und die Stadt unter massiven Beschuss nehmen? Viele Einwohner fürchten das. Ein Militärexperte sieht die russische Armee in einem taktischen Dilemma.

Von Eckart Aretz, tagesschau.de

Der russische Präsident sprach das Offensichtliche aus, und es gab keinen Grund, ihm zu widersprechen. Grosny sehe "einfach schrecklich" aus, sagte Wladimir Putin 2004 nach einem Flug über die Hauptstadt Tschetscheniens. Russland hatte den zweiten Krieg gegen die Separatisten im Kaukasus für beendet erklärt, und Putin nahm eine Stadt in Augenschein, die zum modernen Symbol für russische Kriegsführung geworden war. Was die Bewohner Grosnys erlebten, könnte nun auch den Bewohnern von Kiew und Charkiw drohen, befürchtet man nicht nur in der Ukraine.

Eckart Aretz tagesschau.de

Nach zwei Kriegen war Grosny weitgehend verwüstet. Im ersten Tschetschenien-Krieg 1994/1995 hatte die russische Armee die Stadt wochenlang belagert und dabei tagelang mit Artillerie beschossen. Auch aus der Luft griffen die russischen Streitkräfte die Stadt an. Dabei starben nach Schätzungen 25.000 Menschen.

Im zweiten, kürzeren Tschetschenienkrieg ab Mitte 1999 wurde die Stadt erneut aus der Luft und mit Artillerie angegriffen und Anfang 2000 von russischen Truppen eingenommen. 2002 bezeichnete die UN Grosny als die am schwersten zerstörte Stadt der Welt.

Die Folgen für die Zivilbevölkerung, sagt der Kaukasus-Experte Uwe Halbach, "waren in den massiven Kriegsphasen verheerend". Die Zahl der Todesopfer wird, beide Kriege zusammengenommen, auf zwischen 100.000 bis annähernd 200.000 Menschen geschätzt. Damit, so Halbach, "bildeten die Tschetschenienkriege die schlimmsten Gewaltereignisse im postsowjetischen Raum".

Ein russischer Soldat hält auf dem Platz vor dem zerstörten Präsidentenpalast in Grosny Wache (Archivfoto vom 14.02.1995). | picture alliance / dpa

Grosny im Jahr 1995: Die Kämpfe zwischen der russischen Armee und den Separatisten haben die Stadt in ein Trümmerfeld verwandelt. Bild: picture alliance / dpa

"Brachialer Ansatz"

Müssen sich die Bewohner Kiews nun auf dieses Szenario einstellen? "Die russische Streitkräfte sind zuallererst eine Artillerie-Armee", sagt der Wiener Militäranalyst Franz-Stefan Gady. Die russische Armee setze "auf Feuerkraft", die - zusammen mit Luftangriffen und großflächigen Bombardements - die Bevölkerung einschüchtern und den eigenen Truppen den Weg bahnen solle. Diesen "frontalen, brachialen Ansatz" werde man auch in Kiew sehen, befürchtet Gady.

Der russischen Armee gehe es vor allem darum, einen längeren Kampf in der Stadt zu vermeiden, analysiert er - und hier spiele auf Seiten der Angreifer auch die Erinnerung an die Tschetschenien-Kriege, aber auch an den Georgien-Krieg von 2008 eine Rolle.

Hilflos wie in Afghanistan

In Tschetschenien hatte sich die russische Armee im ersten Krieg überaus verwundbar gegen die Guerilla-Taktik der tschetschenischen Kämpfer gezeigt. "Die russische Armee war dem Partisanenkampf wie schon in Afghanistan kaum gewachsen", ruft Uwe Halbach in Erinnerung. Im zweiten Tschetschenienkrieg habe sie dann die Bekämpfung der Separatisten ab 2001 mehr und mehr den lokalen Streitkräften unter Führung des Kadyrow-Clans übertragen.

2008 habe sie starke Defizite in der Gefechtsführung, in der Kommunikationssicherheit und in der Kommunikation zwischen den einzelnen Einheiten gezeigt, sagt Gady - phasenweise sei die kleinere georgische Armee den russischen Streitkräften überlegen gewesen. Am Ende habe sie "die Masse der russischen Streitkräfte erdrückt".

Ein bewaffneter Soldat steht vor einem im Hintergrund brennenden Panzer (Archivbild vom 13.01.2000). | picture-alliance / dpa

Die Überlegenheit an Waffen und Soldaten konnte nicht verhindern, dass die russische Armee in Tschetschenien und in Georgien erhebliche Probleme bekam. Bild: picture-alliance / dpa

Die Probleme bleiben

Militärische Beobachter erkennen einige dieser Probleme - zu ihrem Erstaunen - auch jetzt im Ukraine-Krieg. Der frühere NATO-General Hans-Lothar Domröse wunderte sich in Hart aber fair darüber, dass zu Kriegsbeginn nicht alle Teilstreitkräfte koordiniert und massiv eingesetzt wurden.

Auch Militäranalyst Gady ist überrascht, dass sich die Armee bei diesem "Kampf der verbundenen Waffen" "relativ schwach" gezeigt und offenbar aus den vergangenen Kriegen "nicht mehr Lektionen gelernt" habe. Es deute sich an, dass die Armee doch nicht die Erfahrung im Kampf "im urbanen Gelände" habe, wie man es vielleicht erwartet hätte.

Belagern und schießen

Gady schließt daraus, dass die russischen Streitkräfte auch in Kiew den brachialen Ansatz wählen werden und entwickelt dieses Szenario: Um die Stadt könne ein Belagerungsring gebildet werden, um dann die Bevölkerung mit gezielten Bombardements und Artilleriebeschuss einzuschüchtern. Ihr würde dann über humanitäre Korridore die Chance gegeben, die Stadt zu verlassen, "um die internationale Reputation Russlands nicht komplett zu zerstören" - aber auch, um den Kampf im städtischen Gelände zu erleichtern.

Denn die russische Armeeführung könne kein Interesse an einem langen innerstädtischen Kampf haben - darin sind sich westliche Militärexperten einig. Durchgängig wird auf die hohe Motivation der Ukrainer verwiesen, die Defizite der russischen Armee und den strategischen Vorteil, den selbst unerfahrene Kämpfer in einer Verteidigungsposition haben.

Erfahrungsgemäß brauche eine angreifende Armee für einen Verteidiger bis zu fünf Kämpfer, in einer Stadt wie Kiew könne dieses Verhältnis sogar auf bis zu zehn zu eins anwachsen. "Diese Anzahl an Kämpfern hat Russland einfach nicht", stellt Gady fest.

Das wiederum verstärke das Dilemma der Angreifer. Denn die russische Armee müsse auf verstärkten Artilleriebeschuss setzen. Zerstörte Gebäude aber seien "perfekte Verteidigungsanlagen". Und der Kampfwille auf ukrainischer Seite sei sehr hoch - vielleicht auch, weil man gar nicht wisse, was ein Kampf im urbanen Gelände wirklich bedeutet, der für Gady "die brutalste Art des Krieges" darstellt.

Tschetschenen als Abschreckung?

Vielleicht macht auch deshalb schon in den ersten Kriegstagen das Gerücht die Runde, die russische Armee wolle im Kampf gegen die Ukrainer auch tschetschenische Einheiten einsetzen. Sie gelten seit den beiden Kriegen als besonders skrupellos.

Der französische Russland- und Kaukasus-Experte Jean-François Ratelle sieht dafür noch keine Anzeichen - er hält solche Gerüchte für einen Teil psychologischer Kriegsführung. Es gehe darum, die Ukrainer "glauben zu machen, was in Tschetschenien passiert ist, werde auch in der Ukraine geschehen: dass sie in der Stadt Amok laufen werden, dass geplündert, vergewaltigt und getötet werde", zitiert die Zeitschrift "Foreign Policy" den Franzosen.

Tatsächlich eingetreten ist bislang der Dauerbeschuss der Städte, teils mit Streumunition. Versuche, Metropolen wie Charkiw einzunehmen, konnten zunächst zurückgeschlagen werden. Doch die Angriffe nehmen an Intensität zu und treffen zunehmend Zivilisten, während Russland seine Truppen weiter verstärkt.

Und so ist das Grosny-Szenario auch eine der vielen Ungewissheiten und bleibt Teil des Rätselratens über die russischen Pläne in diesem Krieg.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 03. März 2022 um 08:40 Uhr.