Boris Johnson | REUTERS

Großbritannien Johnson blamiert sich mit Rede

Stand: 24.11.2021 02:28 Uhr

Der britische Premierminister hat sich in einer Rede zwischen Comicfiguren und imitierten Autogeräuschen verheddert, und langsam fragen sich einige im Land: Hat Johnson noch alle Sinne beisammen?

Von Gabi Biesinger, ARD-Studio London

Boris Johnson ist für seine hemdsärmeligen Reden bekannt und geht offenbar davon aus, dass sein Publikum ihm am besten folgen kann, wenn er ihm kindlich oder eigentlich besser gesagt: kindisch begegnet.

Gabi Biesinger ARD-Studio London

Im Plenum der Vereinten Nationen staunten im September vor allem internationale Herrschaften mit ungewöhnlichen Kopfbedeckungen ungläubig und schraubten an ihrem Dolmetscherknopf im Ohr, als der britische Premierminister in seiner Rede über Umweltschutz von Kermit, dem grünen Frosch erzählte - der fälschlicherweise behaupten würde, es sei nicht so leicht, grün zu sein.

Von Comicfiguren und Freizeit-Schweinen

Am Montag lief Johnson wieder zu Hochform auf, und die Delegierten des Industrieverbands CBI lachten hörbar verunsichert, als der Premierminister von einer anderen Comicfigur, nämlich vom Besuch im Peppa Wutz Kinderland erzählte - bei den Briten bekannt als Peppa Pig: "Hände hoch, wer von Ihnen war schon da in dem Themenpark? Nicht genügend, wie mir scheint."

Johnson fuhr mit Verweis auf britische Kreativität fort, es sei doch wirklich erstaunlich, dass ein Schwein, das wie ein von Picasso designter Fön aussehe, in 180 Länder erfolgreich exportiert werde, mit Freizeitparks in den USA und China. Neben Comicfiguren zog Johnson in seiner Rede auch historische Referenzen heran, machte eine Anspielung auf den kommunistischen Revolutionsführer Lenin und verglich sich selbst mit Moses.

Er schwärmte von seinen Testfahrten in schnellen Autos als Journalist für die Motorpresse und lautmalte, wie Elektroautos nicht klingen. Zwischendurch verlor der Premier sekundenlang den Faden und wühlte Entschuldigungen murmelnd nach seinem Text.

"Geht es Ihnen gut?"

Ein Journalist fragte voller Anteilnahme: Geht es Ihnen gut? Der "Daily Telegraph", für den Johnson früher schrieb, sprang dem Premierminister artig zur Seite, und Kolumnist Quentin Letts konnte dem Auftritt noch Gutes abgewinnen: "Das war ein sehr ungewöhnlicher Ansatz. Der Premierminister verlor seinen Faden, er redete länglich über einen Ausflug mit seinem Sohn Wilfred ins Peppa Wutz Land. Es war lächerlich und eine Farce, aber es hat Aufmerksamkeit erregt. Mir hat's gefallen."

Doch das überwältigende Presseecho war verheerend. "Die Wirtschaftsvertreter mussten dem wahnhaften Geschwafel eines Idioten folgen", kommentierte der Guardian. Die "Times" kritisierte in ihrem Leitartikel, der Parteichef der oppositionellen Labour-Party, Keir Starmer, habe auf dem Wirtschaftsgipfel die passende Rede gehalten, während Johnson über den Peppa-Wutz-Park schwadroniert habe.

Und der politische Korrespondent der BBC, Nick Watt, stellte im Radio fest: "Bei konservativen Abgeordneten aller Richtungen der Partei macht sich das ungute Gefühl breit, dass Boris Johnson die Dinge nicht mehr im Griff hat."

Verliert Johnson die Kontrolle?

Dass der Premierminister dabei sein könnte, die Kontrolle zu verlieren, zeigte auch eine Abstimmung über eine umstrittene Sozialreform, die die Konservativen trotz großer Mehrheit im Parlament am Montag nur knapp gewinnen konnten. Dutzende Fraktionsmitglieder enthielten sich. Und derzeit ist kein Politikfeld in Sicht, mit dem Johnson wieder punkten könnte.

Wegen der Folgen von Brexit und Corona-Pandemie bleibt die wirtschaftliche Erholung aus und wegen Lieferengpässen ist ein zufriedenstellendes Weihnachtsfest in Gefahr. Über den Ärmelkanal kommen mehr Migranten illegal ins Land als je zuvor.

Und dann sind da noch die verschiedenen Filz- und Korruptions-Skandale, in die die Tories sich selbst verstrickt haben. BBC-Korrespondent Watt zitiert anonym hochrangige Politiker, die Johnson mit dem Regierungschef in der Polit-Dramaserie "House of Cards" vergleichen: Er schaut in den Spiegel und fragt sich: Ist die Magie verschwunden?

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 24. November 2021 um 03:18 Uhr in der ARD Infonacht.