Boris Johnson fasst sich während eines Wahlkampfauftritts an den Kopf | AFP

Großbritannien Johnson in Erklärungsnot

Stand: 27.04.2021 20:32 Uhr

Es hagelt schlechte Nachrichten für Boris Johnson: Aus dem engsten Kreis des Premiers werden immer wieder Informationen an die Presse durchgestochen. Steckt Ex-Berater Cummings dahinter?

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Boris Johnson dementiert deutlich. Ob er im vergangenen Jahr in vertrauter Runde tatsächlich gesagt habe, lieber nehme er in Kauf, dass sich die Leichen stapeln, als einen dritten Lockdown zu verantworten, fragte eine Journalistin. Und Johnson erwiderte mit einem klaren "No".

Christoph Prössl

Johnson ist in der Defensive - wenige Tage vor Kommunal- und Regionalwahlen. Er muss sich verteidigen für seine Corona-Politik. Das Vereinigte Königreich verzeichnete deutlich mehr Personen, die mit oder an Corona gestorben sind, als andere Länder, fast 130.000. Der Vorwurf lautet: weil Johnson zu spät reagiert hat.

Aber da ist noch mehr: Johnson sieht sich auch konfrontiert mit geleakten Textnachrichten und der Frage, wer eigentlich die teure Renovierung seiner Wohnung in der Downing Street finanziert hat. "Tag für Tag gibt es neue Anschuldigungen. Es gibt Filz. Das muss alles aufgeklärt werden. Und wir müssen neue Regeln einführen", sagte der Oppositionsführer und Parteichef von Labour, Keir Starmer.  

Zurück zum Drama

Das Drama ist zurück in der britischen Politik. Es geht um pietätslose Sprüche, nicht veröffentlichte Spenden und die mögliche Gewährung von Vorteilen für einen Unternehmer. Und es geht um einen Mann, der im November 2020 abgetreten war: Dominic Cummings. Viele in der Regierung hatten damals aufgeatmet und gehofft, den eigenwilligen und machtbewussten Berater des Premierministers, der auch die Brexit-Kampagne geleitet und vor allem zum Erfolg geführt hatte, nie wiedersehen zu müssen.

Monate vor Cummings Abgang, im Frühjahr 2020, verhandelte Johnson mit dem Staubsauger-Hersteller Dyson. Es ging darum, Beatmungsgeräte in Großbritannien zu fertigen. Der Unternehmer Sir James Dyson schrieb dem Premier eine Textnachricht. Er sah Probleme steuerlicher Art auf seine Mitarbeiter zukommen, die er von Singapur nach Großbritannien schicken wollte.

Johnson antwortete, er habe dies geregelt. Vor einigen Tagen berichteten Medien über diesen Austausch und veröffentlichten Auszüge daraus. Eine Debatte über Einflussnahme und Transparenz von Regierungsgeschäften folgte. Diese guten Kontakte - vorbei an allen Regierungsstellen - hätten mitten in der Krise gerne viele Unternehmer gehabt, kritisieren Labour-Politiker.

Suche nach der "geschwätzigen Ratte"

Johnson beschäftigte fortan vor allem die Frage, wer die "geschwätzige Ratte" sei, die diese Textnachrichten und andere Informationen weitergegeben haben soll. Diesen Begriff soll Johnson in Gesprächen mit Chefredakteuren mehrerer Medien gebraucht haben - und er soll in diesem Zusammenhang Cummings genannt haben.

Der wehrte sich in einem Blog-Eintrag und dementierte. Im gleichen Eintrag erhob er schwere Vorwürfe gegen Johnson im Zusammenhang mit der Renovierung des Appartements in der Downing Street, das Johnson mit seiner Verlobten Carrie Symonds bewohnt. 200.000 Pfund soll die Inneneinrichtung gekostet haben. 30.000 Pfund jährlich stehen dem Premierminister zu. Und debattiert wird die Frage, welcher Geldgeber hinter der Finanzierung steht und ob damit eine Einflussnahme verbunden sein könnte. Das sei eine unbedeutende Frage, weil die Renovierung den Steuerzahler keinen Penny gekostet habe, verteidigte der konservative Abgeordnete Charles Walker den Regierungschef.

Ob das wirklich so ist, zeigt sich in den kommenden Wochen. Cummings wird im Mai vor einem Parlamentsausschuss aussagen. In der Konservativen Partei gibt es die Befürchtung, er könnte bewaffnet mit Tonbandaufnahmen und Fotos interner Mails weitere Anschuldigungen vorbringen. Gemocht haben die Tories den parteilosen Berater an der Seite von Johnson nie.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. November 2020 um 18:33 Uhr.