Einige Besucher baden im Meer am Strand von Terracina.  | dpa
Weltspiegel

Italien Wahlkampf um die Strände

Stand: 25.09.2022 07:02 Uhr

Italiens Badestrände sind seit Generationen in der Hand privater Unternehmen - eine lukrative Tradition. Nun fordert die EU, die Konzessionen transparent auszuschreiben. Das haben Italiens rechte Parteien im Wahlkampf ausgenutzt.

Von Anja Miller, ARD-Studio Rom

Andrea D'Auria hat in seiner Strandbar ein Foto aufgehängt, das viel darüber erzählt, wie er denkt - und wie er wählen wird. Die Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt den Strand im Jahr 1946. Ein paar Holzhütten und Schirme umgrenzen ein kleines Areal in der Mitte. D'Aurias Vater hat im Badeort Maiori eines der ersten Strandbäder der Amalfiküste errichtet. Der Vater erwarb die Strandkonzession und vererbte sie an Andrea weiter - und der wiederum an seinen Sohn Vincenzo. Die Strände Italiens sind eine Familienangelegenheit.

Anja Miller ARD-Studio Rom

Seit Generation, erzählt Vincenzo D’Auria, hätten sie nur das gemacht. "Hier sind unsere Wurzeln seit 1946, nach dem Zweiten Weltkrieg. Mein Großvater begann, mit den hier gelandeten Amerikanern ein paar Hütten und Schirme für all die Menschen am Strand aufzubauen, die hier kurz nach Ende des Krieges herkamen. Und seit 1946 sind wir ohne Unterbrechung hier und geben das Beste für unsere Kunden, die uns seit Generationen treu sind."

Der größte Teil der fast 8000 Kilometer Küste Italiens ist seit Generationen in privater Hand. An beliebten Touristenorten wie der Amalfiküste sind es fast 100 Prozent. Eine äußerst lukrative Tradition: 30 Euro am Tag kostet in dem Strandbad ein Schirm mit zwei Liegen.

Meloni wettert gegen Vergabe

Nun soll die Vergabe neu und transparent geregelt werden: Die EU verlangt von Italien, die Konzessionen ab 2024 europaweit nach nachvollziehbaren Kriterien auszuschreiben. Die Regierung unter Ministerpräsident Mario Draghi hat das entsprechende Gesetzt bereits verabschiedet, umgesetzt ist es allerdings noch nicht. Hier kommt der Wahlkampf ins Spiel: Giorgia Meloni, deren postfaschistische Partei "Fratelli d’Italia" in den Umfragen vorne liegt, hat hier ein enormes Wählerpotential entdeckt.

Bei einem Wahlkampfauftritt im August in Pescara sagte Meloni: "Wir haben das Meer und tun so, als ob es nicht da wäre. Wir handeln, als ob wir die Schweiz wären!" 30.000 Strandbad-Unternehmen, die dem italienischen Staat vertraut hätten, seien "enteignet" worden, wetterte sie - und der wolle das Geld der Unternehmer "jetzt den ausländischen multinationalen Firmen überlassen".

Das sieht das Gesetz zwar überhaupt nicht vor. Denn getätigte Investitionen sollen danach geschützt werden und Unternehmer, die in den letzten fünf Jahren hauptsächlich von den Strandbädern gelebt haben, bei der Ausschreibung berücksichtigt werden. Trotzdem sind die Strandbetreiber in Sorge um ihre Familienunternehmen - und das wird das Wahlverhalten Tausender Menschen an der Küste beeinflussen.

eine alte Aufnahme vom Strandbad der Familie D'Auria | ARD-Studio Rom

Eine alte Aufnahme vom Strandbad der Familie D'Auria hängt bis heute im Inneren der Bar. Bild: ARD-Studio Rom

Entscheidung für das Rechtsbündnis

"Es gibt einige Parteien, die sich mit unserer Situation auseinandersetzen: die 'Fratelli d'Italia' oder Berlusconi mit seiner 'Forza Italia', die Lega mit Salvini, der auch unser Anliegen an den Küsten auf gewisse Weise unterstützt", sagt Andrea D'Auria. Seine Stimme bekommt das rechte Bündnis. Sohn Vincenzo teilt die politischen Ansichten des Vaters. Er sei kein Fan von Politik, sagt er, aber er werde die wählen, die die Strandbetreiber unterstützen.

Andrea D'Auria | ARD-Studio Rom

Andrea D'Aurias Strandbad wird seit 1946 von der Familie geführt. Die Lizenz dafür in einer Ausschreibung erwerben zu müssen, behagt ihm gar nicht. Bild: ARD-Studio Rom

Vincenzo D’Auria | ARD-Studio Rom

Vincenzo D’Auria hat das Strandbad von seinem Vater Andrea übernommen. Auch er will das Rechtsbündnis wählen - für ihn als Unternehmer die beste Wahl, meint er. Bild: ARD-Studio Rom

Die Unternehmer am Meer sind eine mächtige Lobby in einem Land, in dem der Strand-Tourismus eine so wichtige Einnahmequelle ist. Das weiß auch D'Auria. Hunderttausende von Unternehmern und Händlern, die Geschäfte am Strand haben, sagt er, könnten sonst alle auf der Straße stehen: "Es wäre schlimm, wenn so viele Menschen ihren Job verlieren. Das Thema ist also sehr wichtig".

Deren Wählerstimmen sind den rechten Parteien wohl sicher - auch wenn das Gesetz das alles gar nicht vorsieht.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag, 25.09.2022 um 18.30 Uhr im "Weltspiegel".

Über dieses Thema berichtete das Erste am 25. September 2022 um 18:30 Uhr in der Sendung "Weltspiegel".