Ein Haus am Meer im Nationalpark Zingaro, Sizilien. | Jörg Seisselberg (ARD Rom)

Italien Die Mafia greift wieder nach Zingaro

Stand: 06.05.2021 13:19 Uhr

Siziliens Naturreservat Zingaro ist ein Symbol weit über die Insel hinaus. Mit seiner Gründung wurden vor 40 Jahre Baupläne der Mafia durchkreuzt. Doch die hat nicht aufgegeben - und zündelt wieder.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Mariangela Galante war mittendrin, als die Flammen kamen. "Wir haben unser Haus überstürzt verlassen müssen, um uns in Sicherheit zu bringen", erzählt sie. Ihr Mann sei mit dem Boot gefahren, und sie sei zusammen mit anderen gelaufen. "Immer haben wir uns umgedreht in der Angst, dass uns das Feuer erreichen könnte."

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Die Lehrerin ist eine der wenigen, die direkt im Parco dello Zingaro wohnen. Im Naturschutzpark, der vor genau 40 Jahren von einer Bürgerbewegung der Mafia entrissen wurde und in Sizilien ein Symbol im Kampf gegen die organisierte Kriminalität ist.

Der große Brand im vergangenen Herbst, befürchten Galante und ihr Mann, Paolo Arena, zeige, dass die Mafia wieder ihr Haupt erhebt. "Wenn es isolierte Einzelfälle wären, könnte es die Aktion eines Verrückten sein", meint Arena. Diese Brände aber seien genau geplant gewesen, beim passenden Wind, am passenden Tag, um möglichst viel Schaden anzurichten. "Die einzige Organisation, die zu derartig vorbereiteten kriminellen Aktionen hier in der Lage ist, ist die Mafia", sagt Arena. Diese habe offensichtlich das Interesse zu zeigen: "Wir sind immer noch da."

Mariangela Galante hält ein Schild in die Kamera. | Jörg Seisselberg / ARD-Studio Rom

Mariangela Galante kämpft um den Park - und ruft zu Widerstand auf. Bild: Jörg Seisselberg / ARD-Studio Rom

Die Wächter glauben nicht an Zufall

Der große Brand im ersten Naturschutzgebiet Siziliens sei kein Zufall gewesen, sagt auch Inspektor Giuseppe Geloso von der regionalen Forstwacht. Geloso ist mit seinen Leuten auch dafür zuständig, den Parco dello Zingaro vor Feuer zu schützen.

Die Umstände des letzten Brandes ließen keinen Zweifel, meint Geloso: "Es gab da eine wirklich kriminelle Strategie." Gezielt an mehreren Stellen gleichzeitig sei das Feuer gelegt worden. "Da steckt ein Interesse, eine Absicht dahinter."

Ein Erfolg mit Symbolwirkung

Der Parco dello Zingaro ist kein Park wie jeder andere. Rund eine Autostunde von Palermo entfernt, wurde die mit Zwergpalmen, wilden Oliven- und Mandelbäumen bewachsene Steilküste im Mai 1981 zum Naturschutzgebiet erklärt. Ein landesweit beachteter Erfolg der damals beginnenden Antimafia- und Umweltschutzbewegung.

Geplant war von den Behörden, durch dieses Stück Natur eine Schnellstraße zu ziehen und an den Kieselstränden mit smaragdblauem Wasser Touristenresorts zu errichten. Giovanni Locifero steht am Eingang des Zingaro und schüttelt den Kopf: "Wenn sie diese Straße vollendet hätten, hätten sie die Küste zubetoniert." Durch das jetzige Naturschutzgebiet aber sei das Ökosystem erhalten worden.

Eine Bucht im Nationalpark Zingaro | Jörg Seisselberg (ARD Rom)

Intaktes Ökosystem statt zubetonierter Touristenmagnet: das Naturreservat Zingaro Bild: Jörg Seisselberg (ARD Rom)

Bauprojekte - auch eine Domäne der Mafia

Die Cosa Nostra mit ihren Interessen im Baugeschäft hatte das Schnellstraßenprojekt vorangetrieben, zeigten später Ermittlungen der Justiz. Damals junge Sizilianerinnen und Sizilianer wie der heute 66 Jahre alte Locifero organisierten einen Protestmarsch - und stoppten den Bau der Schnellstraße. Die anschließende Einrichtung eines Naturparks war eine schmerzhafte Niederlage für die Mafia.

Der Hintergrund der jetzigen Brandattacken? Parkbewohner Arena glaubt, es gehe vor allem darum geht, Zweifel daran zu säen, dass ein öffentliches Naturschutzgebiet in Sizilien funktionieren kann: "Dieses mangelnde Vertrauen in die öffentliche Verwaltung kann die Tür öffnen für private Interessen. Nach dem Motto: Wenn das so nicht funktioniert, geben wir die Verwaltung der Naturschutzgebiete in die Hände der Privaten."

Paolo Arena | Jörg Seisselberg / ARD-Studio Rom

Befürchtet eine Rückkehr der Mafia: Parkbewohner Paolo Arena Bild: Jörg Seisselberg / ARD-Studio Rom

Umweltgruppen schließen sich zusammen

Vor wenigen Tagen ist der Parco dello Zingaro nach dem großen Brand wiedereröffnet worden, pünktlich zum 40. Geburtstag. Die Kraft der mediterranen Natur hat die Brandspuren weitgehend überwuchert. Galante und Arena haben die Initiative "Rettet die Wälder" gegründet. An diesem Wochenende organisieren beide, gemeinsam mit rund 100 Umweltgruppen, Aktionen in ganz Sizilien, um auf die Gefahren durch die Brandmafia auf der Insel hinzuweisen und die Politik zu mehr Engagement aufzufordern.

Der Parco dello Zingaro, kündigt Inspektor Geloso von der Forstwacht an, soll künftig auch mit Drohnen überwacht werden. Um kriminelle Brandattacken zu erschweren und Siziliens Symbolpark besser zu schützen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 06. Mai 2021 um 13:31 Uhr.