Giorgia Meloni | REUTERS
Porträt

Italiens Wahlsiegerin Meloni Rechte Rebellin

Stand: 26.09.2022 12:37 Uhr

Schon im Jugendalter begann Giorgia Meloni ihren politischen Weg im rechtsradikalen Spektrum. Nun steht die einst jüngste Ministerin Italiens vor dem Sprung an die Spitze der Regierung.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Giorgia Meloni selbst hat ihre Biografie in wenigen Schlagworten zusammengefasst:

Ich bin Giorgia, ich bin eine Frau, ich bin eine Mutter, ich bin Italienerin, ich bin Christin - und das werdet ihr mir nicht nehmen.
Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

So Meloni auf einer Kundgebung der italienischen Rechtsparteien vor drei Jahren - in der sie die Linken angriff, weil diese angeblich die traditionelle Familie und christlichen Werte infrage stellten.

Ein "Akt der Rebellion" in linkem Umfeld

Meloni stammt aus Rom, hat ihre Jugend im volkstümlichen Stadtteil Garbatella verbracht. Womit sie gelegentlich ihre impulsive Art begründet: "Ich schwöre, ich bemühe mich, etwas gesetzter und ruhiger zu werden. Aber ich bin aus der Garbatella, was soll ich machen."

Garbatella, ein Stadtteil, in dem traditionell die meisten links wählen. Es sei für sie in gewisser Weise ein Akt der Rebellion gewesen, in diesem tiefroten Umfeld mit 15 Jahren in den MSI einzutreten, schreibt Meloni in ihrer Autobiografie. Der MSI - eine neofaschistische Partei, gegründet von einem ehemaligen Minister Benito Mussolinis.

Vor Konflikten, sagt Meloni über sich selbst, habe sie nie Angst gehabt.

Wenn du nicht flüchtest, haben Feinde keinen Nutzen - wenn du es schaffst, die Angriffe der anderen positiv zu wenden und als Antrieb zu nutzen. Indem du zeigst, dass du mehr Mut hast, dass du mehr Willensstärke hast, dass du noch mehr zeigst, was du wert bist.

Mit Strenge erzogen

Sie sei auch deswegen in die Politik gegangen, räumt die heute 45-Jährige ein, weil sie aus ihrer Außenseiterrolle in der Teenager-Zeit herauskommen wollte. Wegen ihres damaligen Übergewichts sei sie häufig gehänselt worden.

Meloni ist gemeinsam mit einer älteren Schwester bei ihrer Mutter Anna aufgewachsen. Ihr Vater verließ die Familie als Meloni elf Jahre alt war. Bis zu seinem Tod hat sie jeden Kontakt zu ihm abgelehnt. Die Mutter hat sich und ihre zwei Mädchen mit dem Schreiben von Groschenromanen über Wasser gehalten, veröffentlichte unter dem Pseudonym "Josie Bell" mehr als 100 Liebesromane.

Bis heute, sagt Meloni, habe sie ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Mutter, die selbst Mitglied im neofaschistischen MSI war und sie streng und leistungsorientiert erzogen habe:

Du kamst mit einem Zeugnis zurück, in dem nur Einsen und Zweien standen. Und während andere ein Mofa bekommen haben, wenn sie eine Vier in Mathematik hatten, hat meine Mutter das Zeugnis angeguckt und nur gesagt: 'Ja, du hast Deine Pflicht erfüllt.'

Meloni machte ihr Abitur an einer auf Sprachen spezialisierten Fachschule. Ein Grund, warum sie gut Spanisch, Französisch und Englisch spricht. Geprüft wurde sie auch in Deutsch zu Thomas Mann - in ihrer Autobiografie aber schreibt sie, diese Prüfung könne ein Grund sein, warum sie eine "gewisse Aversion gegen Deutschland" habe.

Mit 31 Jahren jüngste Ministerin Italiens

Melonis politische Karriere verlief steil. Mit 21 Jahren im Rat der Provinz Rom, mit 23 Jahren Chefin der Jugendorganisation der Nationalen Allianz, mit 29 Jahren Parlamentsabgeordnete und jüngste Vizepräsidentin der Abgeordnetenkammer.

Mit 31 Jahren machte der damalige Ministerpräsident Silvio Berlusconi sie zur Ressortchefin für Jugend und Sport. Meloni wurde als jüngste Ministerin in der Geschichte Italiens vereidigt und sagte damals: "Ich bin aufgeregt, aber das hängt, glaube ich, nicht vom Alter ab. Rekorde interessieren mich nicht. Ich würde aber gerne zeigen, dass man auch mit 30 Jahren wichtige Ämter ausüben kann."

Für Diskussionen sorgte Meloni in ihrer Zeit als Ministerin unter anderem, weil sie einen Kranz niederlegte für zwei junge Neofaschisten, die in den 1970er-Jahren in Rom erschossen wurden.

Keine Distanzierung vom Faschismus

Meloni bezeichnet sich heute als Konservative, hat sich von ihren Wurzeln in extrem rechten Organisationen aber nie distanziert. Noch vor wenigen Jahren sagte sie, sie habe ein "entspanntes Verhältnis zum Faschismus". Wenn sie in den vergangenen Jahren in Fernsehdiskussionen auf das Thema Faschismus angesprochen wurde, reagierte die angehende Ministerpräsidenten Italiens regelmäßig genervt und vermied eine umfassende Distanzierung vom Faschismus:

Ich habe nichts, für das ich mich entschuldigen müsste in meinem Leben. Aber in zwei von drei Fernsehdiskussionen soll ich über Geschichte und nicht über aktuelle Politik reden. Das finde ich nicht richtig.

Bis heute stützt Meloni ihre Macht in ihrer Partei auf ein enges Netzwerk aus politischen Verbündeten, die mit ihr ihre politische Karriere im neofaschistischen MSI begonnen haben. Drei Beispiele: Andrea De Priamo, der 1992 in der Garbatella den Aufnahmeantrag der 15-jährigen Meloni entgegennahm. Er ist heute Fraktionsvorsitzender ihre Partei im Stadtrat in Rom. Marco Marsilio, der am Meloni-Aufnahmetag in der Sektion eine Rede hielt, ist heute Regionalpräsident der Abruzzen. Und Francesco Lollobrigida, ebenfalls ein Vertrauter aus Melonis Anfangstagen, ist aktuell Vorsitzender ihrer Partei Fratelli d'Italia ("Brüder Italiens") in der Abgeordnetenkammer - und mittlerweile, nach der Hochzeit mit ihrer Schwester, auch Melonis Schwager.

Die Chefin der "Brüder Italiens" selbst lebt seit Jahren unverheiratet in einer Beziehung mit einem Journalisten, ist Mutter einer sechs Jahre alten Tochter.

Ein Slogan aus Mussolinis Zeiten

Auf europäischer Ebene ist Meloni seit 2019 Vorsitzende der Partei der Reformer und Konservativen (EKR), gefördert unter anderem von der polnischen PiS-Partei. Weitere Mitglieder der EKR sind unter anderem die Schwedendemokraten und die spanischen Rechtspopulisten der Vox, aber auch die britischen Konservativen.

Im Wahlkampf in Italien verfolgte Meloni eine Doppelstrategie: Sie umwarb bürgerlich-konservative Wähler, sandte aber auch immer wieder Signale an ihre rechte Wählerklientel, dass sie ihre persönliche politische Geschichte nicht verleugne - unter anderem mit harten Tönen gegen Ausländer oder mit ihrem Slogan "Gott, Familie, Vaterland" - der Teil der faschistischen Propaganda unter Benito Mussolini war.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 26. September 2022 um 11:50 Uhr.