Schüler vor dem Eingang einer Schule in Rom. | AP

Impfpflicht für Italiens Lehrer "Falsch, autoritär und nicht effizient"

Stand: 11.08.2021 17:26 Uhr

In Italien müssen sich Lehrkräfte künftig gegen das Coronavirus impfen lassen - oder alle zwei Tage einen negativen Test vorweisen. Wer sich weigert, wird suspendiert. Die neue Regel sorgt nicht nur für Beifall.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Maria Luisa will nicht mitmachen. Italiens Regierung drängt alle Lehrerinnen und Lehrer, sich vor Beginn des neuen Schuljahres gegen Covid impfen zu lassen. Aber die Grundschullehrerin aus Rom will das nicht. "Ich bin absolut dagegen", sagt sie. "Ich glaube nicht, dass die Impfung einen besseren Schutz bietet. Daher lehne ich diese Pflicht, sich zu impfen, strikt ab."

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Ab 1. September dürfen alle Lehrkräfte an Schulen und Universitäten in Italien nur noch unterrichten, wenn sie den sogenannten Greenpass haben - also den Nachweis, dass sie gegen Covid geimpft sind oder eine Covid-Erkrankungen überstanden haben. Als Alternative ist ein negativer Corona-Test zugelassen, wenn er nicht älter als 48 Stunden ist.

Insgesamt sind laut Gesundheitsministerium rund 200.000 Beschäftige an den Schulen in Italien noch ohne Impfung - so wie Maria Luisa. "Ich bin nicht gegen Covid geimpft, weil ich diesen Impfstoff nicht für wirkungsvoll halte", sagt sie. "Eine generelle Impfgegnerin bin ich nicht, die anderen Pflichtimpfungen habe ich immer gemacht."

Kein Corona-Schutz, kein Gehalt

Es ist in Italien derzeit eine ungewöhnliche Koalition, die sich gegen die Greenpass-Pflicht an Schulen stellt: Impfskeptiker wie Maria Luisa, radikale Impfverweigerer, rechte Parteien, aber auch linke Gewerkschaften gehen auf die Barrikaden.

Vor allem empören sie sich über die Sanktionen, die im Rahmen der Impf- beziehungsweise Testpflicht vorgesehen sind für Lehrerinnen und Lehrer, Professorinnen und Professoren: Wer fünf Tage lang nicht zum Unterricht erscheint, wegen fehlender Impfung oder fehlenden Tests, wird suspendiert und bekommt kein Gehalt mehr.

Zu hart findet das Graziamaria Pistorino, die Chefin der Schulgewerkschaft in der linken Dachorganisation CGIL auf Sizilien. "Es handelt sich um eine unverhältnismäßige Maßnahme", sagt sie. "Hier wird mit gestrecktem Bein gegen die Rechte der Beschäftigten vorgegangen. Die Drohung mit Suspendierung ist in keiner Weise nachvollziehbar, auch weil die Zahl der Nicht-Geimpften sehr niedrig ist."

Knapp 90 Prozent der Lehrer geimpft

In Italien hatten die Lehrkräfte als eine der ersten Berufsgruppen die Möglichkeit, sich gegen Covid impfen zu lassen. Rund 90 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer seien mittlerweile geimpft, sagt die CGIL. Das Gesundheitsministerium spricht von 86 Prozent.

Pistorino kündigt an, die Gewerkschaft werde gegen die Sanktionsdrohung der Regierung rechtlich vorgehen: "Wir prüfen derzeit die Verfassungsmäßigkeit und sind überzeugt, dass die Regierung umkehren muss. Es ist eine Maßnahme, die falsch, autoritär und nicht effizient ist." Alternativ setzen die Gewerkschaften auf mehr Abstand im Klassenzimmer.

Schüler freuen sich über mehr Sicherheit

Beifall für die Entscheidung der Regierung kommt dagegen von Schülerinnen und Schülern. Vor dem Bahnhof in Rom-Trastevere steht der 18 Jahre alte Enrico und sagt, für ihn sei die Impf- beziehungsweise Testpflicht für Lehrer eine gute Nachricht. "Von unserer Seite als Schüler gibt das einfach mehr Sicherheit, wenn der Lehrer alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen hat", so Enrico. "Nach einem Jahr mit viel Distanzunterricht gibt das ein beruhigendes Gefühl."

Der angehende Abiturient, der eine Covid-Erkrankung überstanden hat, will sich demnächst selbst impfen lassen. Bei allen Jugendlichen macht die Regierung derzeit Tempo, knapp 40 Prozent der über Zwölfjährigen haben ihre erste Anti-Covid-Impfdosis bekommen. Das Ziel lautet: Mitte September sollen die Schulen im Präsenzunterricht starten, Anfang Oktober folgen die Universitäten.

Massen-Quarantäne nach jeder Infektion

Um dies nicht zu gefährden, hat sich auch Daniele Bitetti, als Lehrer an einer Mittelschule in Rom-Monteverde tätig, gegen Covid impfen lassen. "Jedes Mal, wenn ein Lehrer sich infiziert, kommen alle seine Klassen in Quarantäne", sagt er. "Das ist ein Riesenproblem. Deswegen halte ich es für wichtig, dass sich alle Lehrer impfen lassen."

Auch Maria Luisa, die sich nicht impfen lassen will, sagt, sie wolle ihre Schüler nicht im Stich lassen. Um Unterricht zu gewährleisten, werde sie sich alle 48 Stunden testen lassen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 12. August 2021 um 06:05 Uhr.