Blick auf die Insel Capri | dpa
Weltspiegel

Tourismus in Italien Capri soll nicht vorpreschen

Stand: 26.04.2021 04:30 Uhr

Capri wirbt mit Covid-freiem Urlaub und hat damit andere italienische Urlaubsorte gegen sich aufgebracht. Vorpreschen beim Impfen, um Urlauber anzuziehen - das geht vielen zu weit.

Von Anja Miller, ARD-Studio Rom 

Absperrgitter und Markierungen am Boden sollen die Touristenströme lenken: Mehr als zwei Millionen Urlauber landeten vor Beginn der Pandemie jedes Jahr am Hafen der 14.000- Einwohner-Insel Capri an. Jetzt stehen die Taxifahrer in der Sonne, ein Mann hält am Fähr-Ticketschalter Ausschau nach Kunden. Das große Warten hat im vergangenen Spätsommer angefangen. Früher als sonst machten die Tourismusbetriebe im Oktober dicht. Jetzt setzen sie alles daran, so schnell wie möglich wieder zu öffnen. Capri hat dafür angekündigt, seine Bewohner schnellstmöglich durchzuimpfen und wirbt mit Covid-freiem Urlaub unter südlicher Sonne. 

Anja Miller ARD-Studio Rom

Die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner hat schon die erste Impfung erhalten. Übrige Dosen wurden am vergangenen Wochenende noch spontan verabreicht - nicht immer nach der vorgegebenen Impf-Priorisierung. "Capri könnte bis zum Ende des Monats oder bis Anfang Mai Covid-frei sein, auch, weil das ja zusammenpasst mit der geplanten Öffnung der kommerziellen Angebote", beteuert Inselarzt Bruno D’Orazi.   

In der Prachtstraße Via Camerelle putzen sich die Luxusboutiquen für die zahlungskräftigen Urlauber heraus. Mit ihnen machte die Insel bis zur Pandemie einen Großteil des Umsatzes. Das wollen sie jetzt wieder erreichen - mit dem Werbeslogan "Covid-free Capri".

 

Ausnahmen unerwünscht

Bürgermeister Marino Lembo hat aber wohl nicht mit so viel Gegenwind für seine Pläne gerechnet. Andere Urlaubsorte ärgerten sich über das Vorpreschen Capris beim Impfen. Die Regierung in Rom schaltete sich ein und betonte, man habe das Thema Tourismus im Blick. Ausnahmen für bestimmte Inseln und Orte gebe es aber nicht, so sagte es der Sprecher des Corona-Sonderkommissars Paolo Figliuolo.  

Capris Impfbehörden wurde zurückgepfiffen, der Bürgermeister versucht, die Wogen zu glätten: "Es gibt in Wirklichkeit keinen Streit, sondern unterschiedliche Ansichten", sagt er. "Wir haben den Druck erhöht, damit die Touristenorte auf den Inseln mehr beachtet werden."

Eculano - anders als Capri

Widerstand kam von vielen Seiten, auch aus Herculaneum. In der berühmten Ausgrabungsstätte am Golf von Neapel warten auch alle darauf, dass die Besucher endlich wiederkommen. 600.000 waren es 2019, im vergangenen Jahr kamen gerade mal 60.000 Leute. "Ich hoffe, dass wir alle in ein Leben zurückkehren, das vielleicht nicht wie das vorher sein wird, aber in dem mit entsprechenden Vorkehrungen Orte wie diese besucht werden können. Die sind so wichtig für alle, denn auch die Seele braucht Nahrung", sagt der Direktor der Stätte, Francesco Sirano.  

Von der Ausgrabungsstätte ist der Ort Eculano wirtschaftlich vollkommen abhängig. Die Gäste sind der einzige Lichtblick. Vom reinen Tagestourismus konnte sich das Städtchen bei Neapel mühsam zu einigen Übernachtungen hocharbeiten: 2000 Betten hat der Ort, jeder Gast zählt.

Auf Capri haben sie nach Ansicht von Bürgermeister Ciro Buonajuto Luxussorgen. Hier gehe es ums nackte Überleben: "Ich denke nicht, dass es richtig wäre, Capri, Ischia oder Procida vorzuziehen und damit Pompeji, Herculaneum, Neapel, die Sorrentinische und die Amalfi-Küste zu vergessen", sagt er. "Der Tourismus beginnt erst wieder, wenn es Massenimpfungen gegeben hat, nicht, weil eine Insel geimpft wurde."

Ein Mann geht während des Lockdowns durch eine leere Straße auf Capri (Italien) | REUTERS

So leer ist es in diesen Tagen noch in den Straßen von Capri. Doch der Lockdown wird gelockert, und bald sollen sich die Straßen wieder füllen. Bild: REUTERS

"Das Fass ansehen, wenn es voll ist"

Aber auf Capri hoffen die Menschen weiter, dass sie bald "Covid-free" sind und die Urlauber zurückkommen. Glasklares Meerwasser umspült die Insel, formt Buchten und verborgene Höhlen. 

Alfonso Tizzano fährt Besucher zu den berühmten Grotten. Er rechnet fest damit, dass sie alle bald wiederkommen werden - dank der Impfungen. "Das alles verdanken wir der Philosophie unserer Gegend, die besagt, dass man das Fass ansehen muss, wenn es voll ist", sagt er. "Denn ist es einmal leer, hat das ja keinen Sinn mehr."

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 25. April 2021 um 19:20 Uhr.