Francesco Paolo Figliuolo setzt sich zu einer Pressekonferenz. | picture alliance / ZUMAPRESS.com
Porträt

Francesco Figliuolo Der General hinter Italiens Impferfolg

Stand: 18.11.2021 04:39 Uhr

Ein Afghanistan-Veteran hat Italiens Impfkampagne umgekrempelt - mit Erfolg: Der Covid-Sonderkommissar in Uniform erreichte, dass das Land sowohl bei Erstimpfungen als auch Boostern schnell vorankommt.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Er ist der Organisator und das Gesicht der italienischen Impfkampagne: Francesco Figliuolo reist in diesen Tagen erneut durchs Land, um Impfzentren zu kontrollieren, Hilfskräften zu danken, die Organisation für das "Boostern" voranzutreiben und den Italienerinnen und Italienern zu versichern, in Sachen Impfkampagne sei nach wie vor alles im Griff. Das Land sei in der Lage, "parallel den ersten Impfzyklus zu komplettieren und gleichzeitig die dritte Dosis zu verabreichen", sagt er. In den Regionen lägen dafür 9,4 Millionen Impfdosen bereit. Die Menschen in Italien haben in den vergangenen Monaten gelernt: Wenn ihr Covid-Sonderkommissar etwas verspricht, können sie sich in der Regel darauf verlassen.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Seit Mitte September werden zwischen Bozen und Palermo die dritten Impfdosen verabreicht, wie bislang in der italienischen Impfkampagne strikt gestaffelt nach Gefährdungs- und Altersgruppen. Auch für die kommenden Monate, sagt Figliuolo, sei alles organisiert. Die Spitze der Impfzahlen pro Tag würden zwischen Dezember und Februar erreichen: "Und dies werden wir mit der bereits jetzt zur Verfügung stehenden Infrastruktur der Impfzentren bewältigen können".

Klare Ansagen, verlässliche Umsetzung - Figliuolos Organisation gilt als ein Grund, warum Italien in seiner Impfkampagne erfolgreicher ist als andere europäische Länder.

Zentral gesteuerter Impfzentren-Aufbau

Dass die Statements des 60-Jährigen manchmal militärisch knapp klingen, hat einen Grund: Figliuolo ist General der italienischen Armee, war als Logistik-Spezialist unter anderem in Afghanistan und im Kosovo im Einsatz. "Geben Sie mir Ihren besten Mann für Krisenfälle", soll Ministerpräsident Mario Draghi von Verteidigungsminister Lorenzo Guerini verlangt haben, als er im März auf der Suche war nach einem neuen Covid-Sonderkommissar. Italiens Impfkampagne kriselte damals, teilweise gab es nicht einmal genügend Nadeln für die Spritzen, lange Warteschlagen waren die Regel.

Figliuolo krempelte die gesamte Organisation auf links und initiierte eine weitgehend zentral aus Rom gelenkte Impfkampagne - trotz der Zuständigkeit der Regionen für das Gesundheitssystem. Am Anfang sei unter großer Anstrengung ein Netz an Impfzentren und das System der logistischen Verteilung aufgebaut worden, erzählt Figliuolo: "Und dann haben wir das Personal gewonnen, aus Freiwilligenorganisationen, der Armee, dem Zivilschutz und allen Kategorien des Gesundheitspersonals, denen ich immer dankbar sein werde".

Das Ergebnis nach gut acht Monaten Figliuolo: Italien hat im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Ländern mehr Geimpfte, weniger Corona-Infizierte, weniger Schwerkranke. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist mit derzeit 90 so niedrig wie sonst nur noch in Malta, Spanien und Schweden. Mit einer Impfquote von 78 Prozent ist Italien ebenfalls unter den Top vier der Europäischen Union.

Auftritte in vollem Ornat

Für die Organisationsleistung des Logistik-Generals gibt es Beifall aus fast allen politischen Lagern. Gewöhnungsbedürftig ist für einige das Auftreten des manchmal etwas kauzig wirkenden Covid-Sonderkommissars. Alle öffentlichen Auftritte absolviert der durchaus eitle Figliuolo in seiner olivgrünen Generaluniform, auf der Brust über 20 Ordensbändern, unter anderem für seine Auslandseinsätze. Dazu trägt der Impfkampagnenorganisator gerne seinen Gebirgsjägerhut mit weißer Gansfeder.

Francesco Paolo Figliuolo | picture alliance / IPA

Figliuolos Auftritte in Uniform mögen manche kauzig finden - er selbst hofft, damit "Vertrauen zu schaffen". Bild: picture alliance / IPA

Unter anderem die Schriftstellerin Michela Murgia hat gesagt, sie finde einen Covid-Sonderkommissar in Militäruniform irritierend. Figliuolo reagierte darauf geradezu verdutzt: "Ich hoffe, dass diese Uniform Vertrauen schafft." Er habe sich aus kleinen Verhältnissen im Militär hochgearbeitet. Die Uniform, schiebt der gebürtige Süditaliener hinterher, sei für ihn "Symbol von 40 Jahren Einsatz, Leidenschaft und Stolz".

Als neues Etappenziel seiner Covid-Impfkampagne hat Figliuolo ausgegeben: Bis Ende des Jahres sollen 90 Prozent aller Italienerinnen und Italiener über zwölf Jahren mindestens einmal geimpft sein. Sein Appell: "Ich bitte die Italiener, die sich bislang wirklich hervorragend verhalten haben, um eine weitere Anstrengung. Dann halte ich das Ziel für absolut erreichbar."

Umfragen stützen Figliuolos Optimismus: In Italien sagen nur sieben Prozent aller Erwachsenen, dass sie sich auf keinen Fall impfen lassen werden.

Dieser Beitrag lief am 18. November 2021 um 05:50 Uhr im Deutschlandfunk.