Beppo Grillo (Archivbild) | imago/Independent Photo Agency

Vergewaltigungsvorwurf gegen Sohn Eine Welle der Empörung gegen Grillo

Stand: 21.04.2021 11:56 Uhr

Der Gründer der Fünf-Sterne-Bewegung, Grillo, verteidigt seinen Sohn gegen Vergewaltigungsvorwürfe. Der Fall sorgt in Italien für eine Welle der Empörung - vor allem unter Frauen.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Die linksliberale Zeitung "La Repubblica" widmet dem "Fall Grillo" heute ihre ersten vier Seiten, in den Hauptnachrichtensendungen der RAI ist es ein Topthema und die rechte Opposition hat im Parlament eine Debatte beantragt. Vor allem aber gibt es eine Welle der Empörung unter den Frauen in Italien über Beppe Grillo und das Video, mit dem der Gründer und Führer der Fünf-Sterne-Bewegung seinen Sohn vor Vergewaltigungsvorwürfen in Schutz nimmt.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Grillos Attacke gegen die Staatsanwälte

In dem gut eineinhalb Minuten langen Monolog, der in seinem in Italien viel geklickten Internetblog veröffentlicht wurde, attackiert Grillo die Staatsanwälte, die gegen seinen Junior ermitteln, und die Journalisten, die darüber berichten. Dem mutmaßlichen Opfer, einer damals 19 Jahre alten Frau, hält Grillo unter anderem vor, sie sei erst Tage später zur Polizei gegangen. "Eine Person, die am Morgen vergewaltigt wird, geht nachmittags Kite-Surfen und dann erstattet sie nach acht Tagen Anzeige. Das erscheint euch merkwürdig? Ja, es ist merkwürdig."

Untersuchungen laufen seit zwei Jahren

Im Sommer 2019 soll Ciro Grillo, damals ebenfalls 19 Jahre alt, nach einem Abend in der Prominenten-Diskothek "Billionaire" auf Sardinien eine junge Frau in die Villa seines Vaters gebracht haben, zusammen mit drei Freunden. Laut Staatsanwaltschaft haben Grillo junior und seine Freunde die Frau bewusst betrunken gemacht und dann reihum mehrfach vergewaltigt. Seit zwei Jahren laufen die Untersuchungen, immer wieder drangen Einzelheiten der Ermittlungen an die Öffentlichkeit.

In seinem Video verteidigt Grillo senior seinen Sohn und stellt die Vorwürfe als falsch dar. Die Frau, behauptet Grillo, sei nicht vergewaltigt worden, sondern einverstanden gewesen. "Es gibt ein Video, es gibt ein ganzes Video. Schritt für Schritt. Und da sieht man, dass es einvernehmlich geschieht. Man sieht, dass die Gruppe lacht. Das sind junge Leute von 19 Jahren, die Spaß haben."

Vor allem Frauen in Italien reagieren entsetzt auf Grillos Video. Die ehemalige Ministerin Maria Elena Boschi von der Partei Italia Viva sagt: "Das Video von Beppe Grillo ist ein Skandal. Dass Grillo seine politische und mediale Macht nutzt, um seinen Sohn freizusprechen, ist eine Schande."

Grillo - einflussreichster Mann der größten Regierungspartei

Grillo ist in der Fünf-Sterne-Bewegung sogenannter "Garante" und damit faktisch einflussreichster Mann der größten Regierungspartei. Der 72-Jährige hat die Delegation bei den Koalitionsverhandlungen geleitet, sein "Ja" war entscheidend dafür, dass die Fünf Sterne sich mehrheitlich für eine Beteiligung an der Regierung Draghi ausgesprochen haben.

Debora Serracchiani, Fraktionschefin der mit den Fünf Sternen verbündeten Sozialdemokraten, wirft Grillo jetzt vor, er missbrauche seine Machtposition, um ein mutmaßliches Vergewaltigungsopfer in schlechtes Licht zu stellen. Und die ehemalige Ministerin Boschi kritisiert:

Seine Worte sind voll von Chauvinismus. Wenn er das Mädchen, das Grillos Sohn wegen Vergewaltigung angezeigt hat, faktisch als Lügnerin darstellt, weil sie acht Tage bis zur Anzeige gebraucht hat, dann beleidigt er alle Frauen, die Opfer von Gewalt werden. Denn häufig brauchen diese Frauen nicht Tage, sondern Wochen, um Anzeige zu erstatten, um Angst und Schamgefühl zu überwinden.

Auch Ex-Ministerpräsident Conte wird deutlich

Federica Daga, Abgeordnete der Fünf Sterne, distanziert sich von Grillo und sagt in einem Zeitungsinterview, sie selbst habe sechs Monate gebraucht, um nach erlittener Gewalt Anzeige zu erstatten. Auch der designierte neue Chef der Fünf-Sterne-Bewegung, der frühere Ministerpräsident Giuseppe Conte, wird deutlich. Er verstehe die Angst und den Schmerz der betroffenen Frau, erklärt Conte. Mit der Fünf-Sterne-Bewegung verbinde ihn die Überzeugung, dass "das Prinzip der Autonomie der Gerichte außer Frage stehe" und dass "der Kampf gegen die Gewalt gegen Frauen fundamental" sei.

Empörung bei der Familie der Frau

Besonders empört reagiert die Familie der betroffenen Frau. In einem von ihrer Anwältin verbreiteten Schreiben heißt es, Grillo versuche mit den Vorwürfen in seinem Video, das Opfer zur Täterin zu machen.

Mehrere Zeitungskommentatoren weisen darauf hin, dass Grillo in der Vergangenheit immer mit besonderer Härte Personen attackiert habe, gegen die ermittelt wurde. Speziell wenn es gegen Politiker ging, sei es eine Art brutale Vorverurteilung gewesen, schreibt der "Corriere della Sera". Jetzt aber, da es ihn und seine Familie selbst treffe, wechsele Grillo plötzlich die Seite, kritisierte die Staatsanwaltschaft und stelle Ermittlungsergebnisse öffentlich in Frage.

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk am 10. Februar 2021 um 18:29 Uhr und NDR Info am 10. April 2021 um 06:05 Uhr.