Insassen des San-Vittore-Gefängnisses in Mailand (Italien) protestieren gegen Besuchsbeschränkungen wegen der Pandemie | picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Italien Schneller impfen im Gefängnis

Stand: 26.04.2021 13:15 Uhr

Italiens Gefängnisse sind notorisch überbelegt. In der Pandemie wurden viele Haftanstalten zu Corona-Hotspots. Sind beschleunigte Impfungen für Insassen die Lösung?

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Susanna Marietti war schon in vielen Haftanstalten in Italien. "Die italienischen Gefängnisse sind traditionell überfüllt", erzählt die Römerin. Manchmal seien Hochbetten auf drei Etagen aufgestockt und "der ganz oben stößt mit seiner Nase an die Decke und schafft es fast nicht aufzustehen". Als Koordinatorin von Antigone, einer Menschenrechts- und Gefangenenhilfsorganisation, setzt sich Marietti seit mehr als zwei Jahrzehnten für menschlichere Verhältnisse in Italiens Haftanstalten ein. 

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Der Europäische Gerichtshof hat vor sieben Jahre geurteilt, Rom missachte in seinen Gefängnissen fundamentale Menschenrechte. Viel verbessert, findet Marietti, habe sich seitdem nicht. "Häufig steht ein Bad für sieben, acht Insassen zur Verfügung", sagt sie. Manchmal sei es so eng, dass "der Herd nur wenige Zentimeter vom Klo entfernt" steht. Derartige Szenen seien in italienischen Gefängnissen keine Seltenheit. In der Covid-Zeit schafft das zusätzliche Probleme. 

Doppelbelegung - keine Ausnahme

Zu Beginn der Pandemie kamen nach den offiziellen Zahlen des Justizministeriums auf 100 Plätze in den Haftanstalten landesweit im Durchschnitt 120 Gefangene. In einigen Gefängnissen war die Situation noch dramatischer. In Brescia oder Taranto beispielsweise waren die Insassen auf einem Raum zusammengepfercht, der eigentlich nur für halb so viele Menschen zugelassen war.  

Eine Situation, in der sich Corona-Infektionen rasend schnell verbreiten können, bestätigt auch Strafvollzugsrichter Fabio Gianfilippi aus Spoleto. Generell biete eine Haftanstalt bereits bei normaler Auslastung für die Gemeinschaft begrenzten Platz. Deshalb, sagt Gianfilippi, "ist es schwierig, um nicht zu sagen: unmöglich, die Abstandsregeln einzuhalten, die bekanntlich der beste Schutz gegen Ansteckung sind". 

Hohe Infektionsrate

Die Folge war, dass mehrere Gefängnisse in Italien in den vergangenen Monaten zu Covid-Hotspots wurden. In der Justizvollzugsanstalt Terni in Umbrien beispielsweise war zeitweise fast jeder sechste Gefangene infiziert. Generell ist die Corona-Infektionsrate in den Gefängnissen in Italien doppelt so hoch wie draußen.

Richter Gianfilippi hat deswegen mit mehreren Kollegen Alarm geschlagen: "Wir haben seit vielen Monaten signalisiert, dass es notwendig ist, die Insassen und die Beschäftigten in den Haftanstalten mit Priorität gegen Covid zu impfen." Aus seiner Sicht sei dies angesichts der Infektionszahlen eine absolute Notwendigkeit. 

Die Rechte ist empört

Einige Regionen, wie das Latium mit der Hauptstadt Rom, reagierten auf den Appell, schickten Impfteams in die Gefängnisse - und lösten einen Aufschrei vor allem der politischen Rechten aus. Unfassbar, wetterte Lega-Führer Matteo Salvini via Facebook: Man könne nicht Strafgefangene "vor Alten und Behinderten" impfen. Auch Covid-Sonderkommissar Francesco Figliuolo zögerte zunächst. 

Mittlerweile aber hat Justizministerin Marta Cartabia angewiesen: In Italiens Gefängnissen werde nun mit Priorität geimpft. Susanna Marietti von der Gefangenenhilfsorganisation Antigone sagt, das sei eine gute Nachricht nicht nur für die Strafgefangenen und das Gefängnispersonal, sondern für alle: "Ob es einem gefällt oder nicht - ein Gefängnis ist kein aseptischer Ort", betont sie. Jemand bringe das Essen, die Justizvollzugsbeamten gingen abends zu ihren Familien. "Wenn Tausende in Gefängnissen und durch Gefängnisse infiziert sind, belastet dies die externen Krankenhausstrukturen und damit indirekt auch die freien Bürger", sagt Marietti.  Die landesweite Impfkampagne in den Gefängnissen in Italien läuft in diesen Tagen an.  

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. April 2021 um 05:50 Uhr.