Spaziergänger gehen mit ihren Hunden über eine Brücke vor der Engelsburg (Archivbild).  | dpa

Coronavirus Italiens harmonischer Weg durch die Pandemie

Stand: 11.02.2022 05:28 Uhr

Hohe Impfquoten, wenig Proteste, großer Zusammenhalt in der Gesellschaft - Italien kommt bislang erstaunlich harmonisch durch die Pandemie. Dafür gebe es Gründe, sagt eine der bekanntesten Soziologinnen im Land.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Heute fällt die Maske im Freien, und die Menschen im Land freuen sich seit Tagen darauf. "Ich bin glücklich", sagt die 42 Jahre alte Sara, die ein Kleidungsgeschäft im Römer Stadtteil Trieste betreibt. Sie hoffe, das Schlimmste liege jetzt hinter dem Land. "Die Maskenpflicht im Freien jetzt zu streichen ist da ein wichtiges Zeichen".

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Eine Maskenpflicht, die Italien im April 2020 als erstes Land in Europa eingeführt und zwischendurch nur ein paar Monate ausgesetzt hatte. Zwar appellierten auch in Italien die Verantwortlichen, trotz der derzeitigen Lockerungen die Gefahr durch das Coronavirus weiter ernst zu nehmen.

Restriktionen ohne große Proteste akzeptiert

Das heutige Ende der Maskenpflicht aber ist ein Einschnitt in Italien - in einem Land, in dem der weit überwiegende Teil der Bevölkerung die Anti-Covid-Restriktionen ohne große Proteste akzeptiert hat. Eine der bekanntesten Soziologinnen Italiens, Carmen Leccardi von der Mailänder Universität Bicocca, sagt mit Blick auf die italienische Gesellschaft und ihren Umgang mit der Pandemie:

Wir haben die Ärmel hochgekrempelt. Wir haben uns gesagt: Gemeinsam überstehen wird diese Herausforderung, anders kommen wir nicht aus dieser vertrackten Situation heraus.

Trotz seiner zeitweise dramatischen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Probleme ist Italien damit harmonischer durch die Krise gegangen als andere Länder. Durchaus erstaunlich, weil Rom bis zu den jetzt begonnenen Lockerungen einen harten Kurs gefahren hat in der Covid-Bekämpfung. Erst mit dem strengsten Lockdown in Europa sowie der Maskenpflicht auch im Freien, zuletzt mit einer Impfpflicht für zahlreiche Berufsgruppen und für alle über 50-Jährigen.

Italien hielt zusammen

Der Widerstand aber blieb stets begrenzt. Für diesen Zusammenhalt Italiens in der Pandemie gebe es Ursachen, sagt Leccari, ehemals Vorsitzende des Europäischen Soziologischen Gesellschaft: "Es ist notwendig, auf den Beginn zu schauen, als Italien einen regelrechten Schock erlitten hat".

Damals, in der ersten Welle im Frühjahr 2020, war das Land so dramatisch betroffen wie kein anderes in Europa. "In dieser Katastrophe, und so muss man es nennen", meint Leccardi, "hat sich wie häufig in solchen Situationen, eine Solidarität zwischen den Menschen entwickelt". Eine Solidarität, sagt die Soziologin, die sich bis heute in weiten Teilen gehalten habe.

Hohe Impfbereitschaft der Italiener

Der Grund dafür sei, dass auch unangenehme Vorschriften, wie die jetzt fallende Maskenpflicht im Freien, relativ diszipliniert eingehalten wurden. Zur im europäischen Vergleich hohe Impfbereitschaft der Italienerinnen und Italiener meint die Leccardi:

Sehr wahrscheinlich ist es in einer Pandemie entscheidend, dass die Menschen verstehen, was auf dem Spiel steht. In diesem Fall: zu überleben, nicht zu sterben.

Wenn überzeugend dargelegt werde, dass Impfen die Chance zu überleben erhöht, "dann ist die Bevölkerung bereit, in diese Richtung zu gehen."

Neugefundenes Vertrauen in die Institutionen

In der Impfquote kratzt Italien in diesen Tagen an der 90 Prozent-Marke in der Bevölkerungsgruppe der über 12-Jährigen. Dies, sagt Leccardi, hänge auch mit der Politik zusammen: "Es hat, trotz allem, ein erneuertes Vertrauen in die Institutionen gegeben". Die Anti-Covid-Strategie der Regierung Draghi bekommt nach wie vor gute Noten in der Bevölkerung, die Organisation durch den Covid-Sonderkommissar Figliuolo genießt breite Anerkennung.

Der Schock der dramatischen ersten Welle, das Solidaritätsgefühl in der Bevölkerung und Institutionen, die nach Ansicht vieler funktioniert haben: Dies, sagt Leccardi, seien die Gründe, warum Italien in der Pandemie so gut zusammengestanden habe: "Ich bin selbst überrascht, als Italienerin und Soziologin, über diese in der Krise so starke Antwort der italienischen Bevölkerung."

Über dieses Thema berichtete der Mitteldeutsche Rundfunk am 11. Februar 2022 um 22:24 Uhr.