Menschen genießen in Mailand die Sonne | Matteo Corner/EPA-EFE/Shuttersto

Italiens Corona-Strategie Trotz hoher Zahlen ein wenig lockerer

Stand: 31.01.2021 20:23 Uhr

Italien leidet momentan weniger unter dem Coronavirus als manche andere EU-Länder - aber wirklich entspannt ist die Lage nicht. Trotzdem gibt es jetzt Lockerungen. Ist das Risiko vertretbar?

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Über einen Monat lang sind die Türen bei "Mamma Angelina" nur für Lieferdienste aufgegangen. Jetzt darf das Traditionsrestaurant im Norden Roms wieder für Gäste für öffnen. Besitzer und Chefkoch Andrea Dell’Omo ist erleichtert.

Herauszukommen aus dieser Depression tut gut. Eine Depression, die nicht nur eine wirtschaftliche war. Nun können wir unsere Gäste, die unsere Freunde sind, wieder willkommen heißen. Wir freuen uns, in eine Situation zurückzukehren, die wenigstens halbwegs normal ist.
Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Halbwegs normal heißt: Zumindest tagsüber bis 18.00 Uhr dürfen sich in den Bars und Restaurants der Hauptstadtregion Latium wieder Gäste an die Tische setzen. Hier und in zehn weiteren Regionen hat das Gesundheitsministerium mit Wochenbeginn die Corona-Regeln gelockert. Neben Bars und Restaurants dürfen dann beispielsweise auch die Museen wieder öffnen.

Wie in anderen Ländern hatten auch in Italien vor allem die Restaurantbesitzer gegen die Corona-Beschränkungen Druck gemacht. Dell’Omo, der nach eigenen Angaben in den vergangenen Monaten rund 70 Prozent seiner Einnahmen verloren hat, betont:

Mit Bürgergeist haben wir uns an die Vorgaben gehalten, im Sinne des Gemeinwohls. Wenn man aber sah, dass die öffentlichen Verkehrsmittel weiter voll waren, entstand schon der Eindruck, dass wir die Hauptlast tragen mussten.

Jetzt freuen sich die Gastronomen über einen ersten Schritt zurück in den Alltag.

Höhere Werte als in Deutschland

Die vorsichtige Öffnung aber scheint angesichts der aktuellen Infektionszahlen in Italien nicht ohne Risiko. In Latium beispielsweise sind die Corona-Infektionswerte deutlich höher als in Deutschland. Während laut Robert Koch-Institut die Sieben-Tage-Inzidenz auf 100.000 Einwohner in Deutschland bei rund 90 liegt, verzeichnet die Gegend um Rom aktuell einen Inzidenzwert von 135. In der Lombardei liegt er bei 126, in Venetien sogar bei 143. Das ist so viel wie in Sachsen-Anhalt, dem Bundesland mit dem derzeit zweithöchsten Wert in Deutschland.  

Italien lockert die Regeln in den genannten Regionen trotzdem, auf der Basis seines seit dem Herbst geltenden Ampelsystems. Mehreren Dutzend Indikatoren sind ausschlaggebend dafür, ob eine Region als gelbe, orangefarbene oder rote Zone eingestuft wird. Eine Rolle spielen dabei nicht nur der Inzidenzwert, sondern unter anderem auch die Zahl der Intensivbetten, die Todesfälle und die Ausstattung des Gesundheitssystems. Auf der Basis dieses - nach Ansicht vieler ziemlich undurchsichtigen - Systems kalkuliert das Nationale Gesundheitsinstitut dann wöchentlich die Einteilung in die einzelnen Zonen.

Neben dem Latium, der Lombardei und Venetien werden jetzt auch das Piemont, die Emilia-Romagna, die Abruzzen, Kalabrien, die Marken, das Friaul und das Aostatal von orangefarbenen zu gelben Zonen.

Straßenszene in Rom | MASSIMO PERCOSSI/EPA-EFE/Shutter

In der Hauptstadtregion Latium liegt der Inzidenzwert bei 135 - 50 Prozent höher als in Deutschland. Bild: MASSIMO PERCOSSI/EPA-EFE/Shutter

"Ein langsamer Rückgang, aber ein Rückgang"

Die Lockerungsentscheidung findet der Direktor des Nationalen Gesundheitsinstituts ISS, Silvio Brusaferro, vertretbar - auch mit Blick auf die internationale Entwicklung. Italien befinde sich bei den Infektionszahlen aktuell europaweit im unteren Bereich: "Wir haben eine sinkende Tendenz, es ist ein langsamer Rückgang, aber ein Rückgang."

Im Vergleich steht Italien zwar etwas schlechter da als Deutschland, aber in der Tat besser als zum Beispiel Großbritannien, Portugal, Spanien oder Frankreich.

Als Ziel, um in eine weitgehende Normalität zurückzukehren, gilt in Italien, ähnlich wie in Deutschland, ein Inzidenzwert von 50. Dann fielen die Beschränkungen, die derzeit auch in den gelben Zonen gelten: unter anderem eine weitgehende Ausgangssperre zwischen 22.00 Uhr und 5.00 Uhr sowie das Verbot, ohne besondere Gründe die eigene Region zu verlassen.

Ziel: Erneuten Lockdown verhindern

Das aktuelle gültige Ampelsystem, das in fast ganz Italien nun die Wiederöffnung von Restaurants und Museen erlaubt, wurde im Herbst vom mittlerweile gestürzten Ministerpräsidenten Giuseppe Conte eingeführt. Nach seinem harten Kurs in der ersten Infektionswelle im Frühjahr hatte Conte als Linie ausgegeben: Ein erneuter nationaler Lockdown müsse verhindert werden, weil Italien ihn wirtschaftlich nicht überstehen würde.

Der aktuelle Abwärtstrend bei den Infektionen im Land ist nach Ansicht einiger Experten mit Vorsicht zu genießen. Auch wegen der Corona-Mutationen, von denen in Italien allerdings bislang nur wenige festgestellt wurden. Einreiseverbote hat Rom mit seiner derzeit nur geschäftsführenden Regierung bislang nicht verhängt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. Januar 2021 um 23:17 Uhr.