Roberto Cingolani | EPA
Porträt

Minister Cingolani Ein "Außerirdischer" baut Italien um

Stand: 22.07.2021 06:49 Uhr

Er nennt sich den "Alien" in Italiens Kabinett: Roberto Cingolani war erfolgreicher Wissenschaftler - jetzt ist er Minister für ökologischen Umbau. Für seine geplante "grüne" Wende will er auch bei den G20 werben.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Seit Jahren gilt er in der Wissenschaft als einer klügsten Köpfe Italiens. Als Physiker hat es Roberto Cingolani auf mehr als 100 Patente gebracht, mehr als 1000 wissenschaftliche Artikel veröffentlicht, in Stuttgart am Max-Planck-Institut für Festkörperphysik gearbeitet und an Universitäten in Italien, den USA und Japan gelehrt.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Im akademischen Elfenbeinturm aber hat sich Cingolani nie wohl gefühlt, in seinen wissenschaftlichen Vorträgen ist immer Platz für Appelle zu mehr gesellschaftlicher Verantwortung und globaler Gerechtigkeit gewesen. Gerne auch mit rhetorischer Zuspitzung. Wie vor acht Jahren, bei der renommierten TED-Konferenz, zum Thema Armut und Lebenserwartung, als er darauf hinwies, dass die Menschheit "große Probleme" habe: "Erstens sind die Ressourcen unseres Planeten begrenzt. Zweitens stirbt man in den reichen Ländern zu häufig an Krebs. Und drittens schaffen es die Menschen in den armen Ländern nicht, Krebs zu bekommen, weil sie früher sterben."

Aus der Wissenschaft in die Wirtschaft

Der umtriebige und nicht medienscheue Forscher hat sich in den vergangenen Jahren auch als durchsetzungsstarker Wissenschaftsmanager bewiesen. Cingolani gründete das italienische Technik-Institut IIT und machte es in den 14 Jahren unter seiner Führung zu Italiens Topadresse in Sachen Technologieforschung, mit am Ende 1700 Wissenschaftlern aus 60 Ländern. 2019 wechselte der heute 59-Jährige als Innovationsdirektor zum Rüstungskonzern Leonardo.

An einem Freitagmorgen im Februar aber, in Rom liefen gerade die Verhandlungen zur Bildung der Regierung Draghi, klingelte bei Cingolani das Telefon. Am anderen Ende: der damals designierte Ministerpräsident, der Cingolani einen Ministerposten anbot: "Ich habe ihm gesagt, dass ich gerade an sehr wichtigen Dingen arbeite. Er hat mich aber darauf hingewiesen, dass wenn dein Land dich ruft, du dich zur Verfügung stellen musst. Das schien mir als Begründung mehr als ausreichend - und daher habe ich es gemacht."

Mit dem Ergebnis, dass sich Cingolani als Italiens Superminister für den ökologischen Umbau plötzlich mitten in der Welt der Politik wiederfand. Seine Arbeitsmethoden als Wissenschaftler behielt er zunächst bei. Das Konzept über Italiens geplante ökologische Revolution, das Roms Regierung in Brüssel auf den Tisch gelegt hat, stamme Buchstabe für Buchstabe von ihm persönlich, erzählt Cingolani im Fernsehsender La7 nicht ohne Stolz. Das habe er, unterstützt von ein paar Personen, auf seinem Computer "nächtelang selbst geschrieben".

Milliarden werden ausgeschüttet

Eine politische Novizenarbeit, für die Italien aus Brüssel mit einem noch nie dagewesenen Geldsegen belohnt wird. Gigantische 191,5 Milliarden Euro erhält Rom insgesamt aus dem Corona-Hilfsfonds Next Generation EU - mehr als ein Drittel davon, 69 Milliarden, gehen dank Cingolani in den ökologischen Umbau. Mehr erneuerbare Energie, mehr Müllrecycling, mehr Energieeffizienz bei Gebäuden sind Eckpfeiler des Milliardenkonzepts genauso wie mehr öffentlicher Nahverkehr, mehr Radwege, mehr Hochgeschwindigkeitsbahnen.

Italien soll im Schnelltempo grüner werden, ein europäisches Vorbild in Sachen ökologischer Umbau. An Cingolanis Ministerium tickt jetzt symbolisch eine Klimauhr und signalisiert, wieviel Zeit noch bleibt bis 2028 - dem Jahr, in dem nach dem Wunsch von Klimaforschern weltweit keine Treibhausgase mehr ausgestoßen werden sollen, um eine Klimakatastrophe zu vermeiden.

Einen wichtigen Beitrag hierzu kann nach Cingolanis Ansicht das G20 Umwelt- und Klimatreffen diese Woche in Neapel leisten. Mit einem richtungsweisenden Appell will Italiens Öko-Superminister die Konferenz eröffnen. Kein Zweifel, dass auch diese Cingolani-Rede Buchstabe für Buchstabe selbst geschrieben sein wird.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Juli 2021 um 09:20 Uhr.