Ein Bild aus dem Frühjahr 2020: Ein Mann bringt in Bergamo medizinischen Sauerstoff zu Patienten, die zu Hause behandelt werden. | AP

Corona-Welle in Bergamo Es lag wohl nicht am Fußballspiel

Stand: 19.02.2022 17:36 Uhr

Am 19. Februar 2020 fand ein Fußballspiel statt, das viele verantwortlich machten für die tödliche Corona-Welle in Bergamo. Zwei Jahre später glauben Forscher an einen anderen Grund - und die Stadt hat einen Neustart hingelegt.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Matteo Scaccabarozzi kennt die Stadt und die Menschen hier so gut wie wenige andere. Er ist in Bergamo geboren, hier zur Schule gegangen und erklärt als Stadtführer nicht nur die Geschichte, sondern auch die Seele Bergamos. Die aktuelle Atmosphäre in der Stadt, sagt Scaccabarozzi, lasse sich am besten in zwei Worten zusammenfassen: "Mola mia." Das sei ein Ausdruck im Dialekt Bergamos. "Er bedeutet: Don’t give up, gib nicht auf, mach weiter."

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Eine Haltung, sagt Scaccabarozzi, die quasi zur DNA der Menschen in Bergamo gehöre. "Man arbeitet, denn nur mit Arbeit kommt man weiter - dafür sind die Bergamaschi in Italien bekannt. Arbeiten und nicht jammern, sich nicht über Schwierigkeiten beklagen."

Bergamo krempelt derzeit die Ärmel hoch nach einer dunklen Zeit, in der die Stadt zu einem Negativsymbol geworden war. In den Wochen der ersten Corona-Welle 2020 war keine Region in Europa härter betroffen. 6000 Menschen starben in der Provinz Bergamo innerhalb von zwei Monaten, bezogen auf die Einwohnerzahl war dies seinerzeit die weltweit höchste Sterberate.

Militärlastwagen, die Särge von Verstorbenen transportieren, verlassen den Friedhof von Bergamo. | AP

Bilder wie dieses gingen im Frühjahr 2020 um die Welt: Militärlastwagen in Bergamo, die Särge von Verstorbenen transportieren. Bild: AP

Ein Fußballspiel im Fokus?

Auf der Suche nach den Gründen, warum gerade Bergamo so stark betroffen war, machten viele damals ein Fußballspiel verantwortlich. Der örtliche Club Atalanta Bergamo spielte genau vor zwei Jahren, am 19. Februar 2020, in der Champions League gegen Valencia - im Mailänder San-Siro-Stadion. Diego Valleri, eingeschworener Atalanta-Anhänger, war dabei und erinnert sich, wie er mit Zehntausenden anderen Fans aus Bergamo nach Mailand gezogen ist:

Es hat Stunden gedauert. Normalerweise bist du mit dem Auto in 45, maximal 60 Minuten dort. Da aber haben wir Stunden gebraucht. Stunden! Bergamo hat 120.000 Einwohner. 40.000 sind zum Spiel gefahren. Das heißt, ein Drittel der Stadt war auf den Beinen. Es war schon unterwegs ein großes Fest.

Im Stadion ging es dann weiter, erzählt Valleri. Man habe gefeiert, gejubelt, sich umarmt. Covid? Das schien damals noch ein Problem im entfernten China. "Es gab nicht die Furcht, dass das was wir aus China gehört hat, wirklich so gefährlich ist und schon hier sein könnte", sagt er. "Sonst wären wir nicht ins Stadion gegangen."

Internationale Verflechtung der Region

Kurz darauf war klar: Das Coronavirus ist in Europa angekommen, in Norditalien wurden die ersten roten Zonen eingerichtet. Das Fußballspiel galt als ein Grund für die in Bergamo und Umgebung dramatisch hohen Infektionszahlen.

Jetzt, zwei Jahre danach, räumt Andrea Crisanti auf mit dieser Erzählung, die sich über die Grenzen Italiens bis heute gehalten hat. Der Mikrobiologe arbeitet an einem Gutachten für die Staatsanwaltschaft in Bergamo. Schon vier Tage vor dem Fußballspiel, so zeigen Crisantis Zahlensimulationen, hat es massiv Covid-Fälle gegeben in Bergamo und Umgebung. "Am 15. Februar waren hier bereits rund 3000 Menschen infiziert." Damit entkräftet Crisanti die These, das Fußballspiel sei der entscheidende Infektionsherd für Bergamo gewesen. Das Spiel, sagt Crisanti, sei im Infektionsgeschehen nur eine Randnotiz:

Wenn es damals in der Gegend nur wenige Fälle gegeben hätte, hätte das Spiel wahrscheinlich gar keinen Effekt gehabt - weil die Wahrscheinlichkeit, dass ein Infizierter zum Spiel kommt, sehr gering gewesen wäre. So hat die Partie einen gewissen Beitrag geleistet, war aber nicht der Auslöser.

Der entscheidende Grund, so der Stand der Aufarbeitung, sei eher die internationale Verflechtung der dynamischen Wirtschaftsregion Bergamo gewesen. Deswegen sei das Virus hier eher angekommen als in anderen Regionen Italiens. Später, als die ersten Covid-Fälle bekannt wurde, zögerten die Regierung Conte in Rom und die Regionalregierung in Mailand, mit der Provinz Bergamo eine der Herzkammern der italienischen Wirtschaft zur roten Zone zu erklären.

Erfolgreicher Neustart

Während die genauen Verantwortlichkeiten jetzt vor Gericht geklärt werden, befindet sich die Stadt bereits im Neustart. "Was wir gerne hätte, ist, dass wir nicht nur die Stadt sind, die in der Covid-Pandemie lange Zeit am stärksten betroffen war", sagt Bürgermeister Giorgio Gori. "Wir möchten jetzt auch die Stadt sein, die am besten reagiert nach der Krise. Die Stadt, die ein Vorbild ist darin, aufzustehen nach allem, was sie durchgemacht hat."

Was Bergamo schon erreicht hat: Nach dem Drama im Frühjahr 2020 ist die Stadt sehr gut durch die weiteren Covid-Wellen gekommen. "Die so schwierige Zeit hat dazu beigetragen, dass wir Bergamaschi uns bewusster sind als andere, was dieses Virus bedeutet, was es anrichten kann", sagt Gori - "und wie notwendig es daher ist, Regeln einzuhalten, zum Beispiel Masken zu tragen und Abstand zu halten. Als Ergebnis stand Bergamo in der dritten und vierten Welle immer am unteren Ende der Infektionstabelle."

Nach dem Ende des kompletten Lockdowns im Frühjahr legten im Sommer 2020 - mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen - auch die Betriebe in Bergamo wieder los. Und taten das so, wie es dem in Italien legendären Arbeitsethos und Fleiß der Bergamaschi entspricht:

Es war wie eine Feder, die zusammengepresst war in der ersten Covid-Welle, und dann aufgesprungen ist. Mit dem Ergebnis, dass wir bereits nach der ersten Welle im September 2020 erste Zeichen der Erholung hatten. Und jetzt sehen wir, dass die Wirtschaftsdaten in 2021 sogar deutlich besser waren als im Vor-Covid-Jahr 2019. Dies betrifft den Export, die Beschäftigungsrate, die Wertschöpfung. Wir haben einen gewaltigen Neubeginn der heimischen Wirtschaft.

Diese besteht vor allem aus mittelständischen Betrieben, die in vielen Bereichen - zum Beispiel im Maschinenbau - europaweit führend sind.

Italiens Kulturhauptstadt 2023

Aber nicht nur wirtschaftlich steht Bergamo nach der Krise wieder auf. Gemeinsam mit dem benachbarten Brescia, das ebenfalls heftig von der Covid-Pandemie getroffen wurde, wird Bergamo 2023 Italiens Kulturhauptstadt. Eine Entscheidung der Regierung in Rom, die eine große Chance sei, die Folgen des Covid-Dramas zu überwinden, sagt Osvaldo Ranica vom Vorstand des Organisationskomitees Kulturhauptstadt 2023: "Heute tragen wir noch Wunden im sozialen Gewebe der Stadt. Sie werden sich nur mit der Zeit schließen. Um das soziale Leben der Stadt zu stärken, ist Kultur zentral. Kultur ist wichtig für die Qualität unseres Lebens."

Im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres will Bergamo einerseits die Kultur für die Einheimischen wiederbeleben. Mit Stadtteillesungen, einem neuen Kulturzentrum in einem alten Industriebau. Gleichzeitig soll mit Theater- und Musikaufführungen, unter anderem im bis dahin renovierten Teatro Donizetti, ein internationales Publikum nach Bergamo gelockt werden. Ein Ort, der mit seinen Altstadtmauern auch Teil des Unesco-Weltkulturerbes ist.

"Den kulturellen Aspekt Bergamos wiederzubeleben - dafür ist das Kulturhauptstadtjahr eine große Chance nach den zwei schwierigen Jahren, die hinter uns liegen", sagt Kulturhauptstadt-Mitorganisator Ranica. "Ich glaube, dass dieses Ereignis der Stadt nochmal einen bemerkenswerten, zusätzlichen Schwung geben wird."

Über dieses Thema berichtete BR24 am 19. Februar 2022 um 18:20 Uhr.