Roberto Cingolani | picture alliance / Photoshot

Kernenergie Italien diskutiert Atom-Wiedereinstieg

Stand: 23.09.2021 06:46 Uhr

Ausgerechnet Umweltminister Cingolani brachte die Idee ins Spiel: Mit Reaktoren der "vierten Generation" sei eine Rückkehr Italiens zur Kernenergie nicht abwegig. Die rechte Lega springt begeistert auf.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Die Diskussion angestoßen hat niemand Geringeres als Italiens Umweltminister: In einer Videokonferenz zu Italiens Strategie gegen den Klimawandel öffnete Roberto Cingolani plötzlich eine Tür für die Atomkraft. Der Physiker, offizielle Amtsbezeichnung: Minister für den ökologischen Umbau, mochte nicht ausschließen, dass die Kernenergie nach Italien zurückkehrt - in Form von Atomreaktoren der sogenannten vierten Generation. In Reaktoren der vierten Generation ist eine Kernschmelze, der größtmögliche Atomunfall, physikalisch ausgeschlossen.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

"Wenn sich in einem bestimmten Moment herausstellt, dass diese Reaktoren nur wenig radioaktiven Müll verursachen, dass die Sicherheit hoch und die Kosten pro Megawatt niedrig sind - dann ist es verrückt, diese Technologie nicht in Erwägung zu ziehen", sagt Cingolani dazu. Der nachgeschobene Hinweis Cingolanis, noch sei die Technologie nicht ausreichend erforscht und aktuell stünde keine Entscheidung an, nutzte wenig: Italien diskutiert seitdem, ob auch Atomkraftwerke Teil der Strategie im Kampf gegen die Klimawende sein können.

Salvinis Lega klatscht eifrig Beifall

Unterstützung für den Vorstoß des parteilosen Cingolani, der dem linksliberalen Lager zugerechnet wird, kommt unter anderem von der rechten Lega. Angesichts stark steigender Strompreise, sagt Parteichef Matteo Salvini, könne Italien nicht länger das einzige G8-Land ohne Atomkraftwerke bleiben: "Das Schweden von Greta hat acht Atomkraftwerke, ein italienisches Energieunternehmen baut vier in Slowenien, und italienische Ingenieure arbeiten mit an neuesten Kraftwerken in der Welt, die null Gefahr und null Luftverschmutzung bedeuten", sagte er. "Da kann es nicht sein, dass wir in Italien die einzigen sind, die nichts tun."

Auch wenn es Salvini mit den Zahlen nicht so genau nimmt - denn Schweden hat aktuell nicht acht, sondern sechs Kernkraftwerke am Netz: Die Debatte über Atomenergie besitzt in Rom eine besondere Brisanz. Denn per Volksentscheid ist Italien 1987 als erstes europäisches Land aus der industriellen Nutzung der Kernkraft ausgestiegen. Einen Wiedereinstieg in die Atomkraft lehnte die Mehrheit der Italienerinnen und Italiener 2011 in einem weiteren Referendum ab.

Auch die "vierte Generation" macht Müll

Andrea Minutolo, wissenschaftlicher Direktor der Umweltorganisation Lega Ambiente, die beide Volksabstimmungen gegen die Atomenergie in Italien angestoßen hat, schüttelt angesichts der aktuellen Debatte den Kopf: "Heutzutage über Nuklearenergie in Italien zu reden, ist Zeitverschwendung. Die Entscheidung des Volkes ist zweimal klar und eindeutig gewesen." Daran, sagt der Umweltaktivist, ändere auch die Tatsache nichts, dass die vierte Generation von Atomkraftwerken von ihren Befürwortern als günstiger und sicherer verkauft werde.

Denn das Hauptproblem der Atomenergie bleibe bestehen, mahnt er:

Diese vierte Generation, über die so viel geredet wird und die angeblich so saubere Energie liefert, hat Reaktoren, die radioaktiven Müll produzieren. Und von dem Müll weiß immer noch niemand, wie man damit umgehen soll.

Experten weisen außerdem darauf hin, dass im stark erdbebengefährdeten Italien die Nutzung von Kernenergie besonders riskant ist.

Rückschlag für Fünf-Sterne-Bewegung

Die Debatte über eine Rückkehr der Atomkraft aber ist losgetreten. Die Region Lombardei mit ihrer Lega-dominierten Führung hat bereits Interesse angemeldet, Standort zu werden für Atomreaktoren der vierten Generation. Vertreter der Fünf-Sterne-Bewegung protestierten daraufhin im Regionalparlament in Mailand mit Gasmasken und Plakaten.

Für die in Rom mitregierende populistische Partei ist die aktuelle Debatte besonders schmerzhaft: denn die Fünf Sterne hatten ihren Eintritt in die Regierung Draghi davon abhängig gemacht, dass ein Ministerium für den ökologischen Umbau eingerichtet wird - genau das Ministerium, aus dem jetzt der Anstoß gekommen ist, über eine Rückkehr der Atomenergie in Italien nachzudenken.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. September 2021 um 07:11 Uhr.