Schiffe auf dem Bosporus | Bernd Niebrügge / ARD-Studio Is
Europamagazin

Bauprojekt in Istanbul Ein Kanal spaltet die Türkei

Stand: 03.07.2021 18:31 Uhr

Der Bau am Istanbul-Kanal hat begonnen: 2027 soll Erdogans Prestigeprojekt Schwarzes Meer, Marmara-Meer und Mittelmeer verbinden und "Glück und Wohlstand" bringen. Anwohner und Umweltschützer zweifeln.

Von Bernd Niebrügge, ARD-Studio Istanbul

Es sei "eine verrückte Idee", sagt Präsident Recep Tayyip Erdogan - doch solle das größte Bauprojekt in der Geschichte der modernen Türkei  "die Zukunft Istanbuls retten". Starke Worte und ein großes Versprechen, das Erdogan den Bewohnern der 16-Millionen-Stadt am Bosporus macht: Parallel zum natürlichen Wasserweg des Bosporus quer durch Istanbul soll ein zweiter Kanal entstehen. Eine künstliche Wasserstraße, 45 Kilometer lang, 275 Meter breit und 20 Meter tief, die von Karaburun an der türkischen Schwarzmeerküste bis nach Kücükcekmece an das Marmara-Meer führen soll. Sechs Jahre Bauzeit sind geplant; 13 Milliarden Euro Kosten errechnet die Regierung - Kritiker rechnen dagegen mit bis zu 55 Milliarden.

Bernd Niebrügge

Kräne, Bagger und Betonpumpen bilden die Kulisse, als Staatschef Erdogan und frühere Ministerpräsident Binali Yildirim vergangenes Wochenende den Baubeginn des "Istanbul-Kanals" öffentlichkeitswirksam feierten. Eine Grundsteinlegung für eine achtspurige Autobahnbrücke, die später auch über den neuen Schifffahrtsweg führen soll. Der Kanal "soll dem türkischen Volk Glück und Wohlstand bringen", so die pathetischen Worte Yildirims.

Kanal soll dichten Schiffsverkehr entzerren

Derzeit passieren jährlich 45.000 Schiffe den natürlichen Bosporuskanal. Laut türkischer Regierung sollen es 2050 einmal 78.000 Fracht- und Kriegsschiffe sein. Der schon jetzt dichte Schiffsverkehr mit Öl- und Gas-Tankern wie auch mit den tonnenschwer mit Munition beladenen Kriegsschiffen sei schwer zu bewältigen und ein unkalkulierbares Unfallrisiko.

Der tägliche zivile Fähr- und Passagierverkehr zwischen asiatischem und europäischen Ufer Istanbuls werde immer stärker gefährdet und setze Stadt wie Menschen wachsenden Gefahren aus. Der künstliche Kanal soll Istanbul mehr Sicherheit verschaffen, die global wachsende Handelsschifffahrt bewältigen und der Türkei Milliarden Mehreinnahmen sichern. 

Auf der europäischen Seite im nördlichen Großraum Istanbul dominieren derzeit noch Natur und Landwirtschaft das Leben. Hier entstand vor knapp 30 Jahren ein Stausee - er wird dem neuen Schifffahrtsweg weichen. Mit ihm und entlang des gesamten Istanbul-Kanals können bis zu 20 Prozent der Istanbuler Trinkwasserreservoirs verloren gehen, schätzen Umweltexperten.

Stausee "Sazlidere" mit Häusern im Hintergund | Bernd Niebrügge / ARD-Studio Is

Den Sazlidere-Stausee wird es nach dem Bau des Istanbul-Kanals nicht mehr geben. Bild: Bernd Niebrügge / ARD-Studio Is

"Todesurteil für die Bauern von Samlar"

Im Ort Samlar besitzt die Familie von Kadir Kurt seit Generationen große landwirtschaftliche Flächen. Man lebt vom Anbau von Weizen und Sonnenblumen betreibt Viehwirtschaft. Kurt ist ein Gegner des Kanalprojekts: "Man wird nicht zulassen, dass auch wir durch den Kanal große Gewinne machen", meint er. "Man wird versuchen, uns kostengünstig umzusiedeln. Die Gewinne machen am Ende ganz andere." Kurt ist überzeugt, dass die reichhaltige Tierwelt der Umgebung und auch die vorhandenen Wälder unwiederbringlich zerstört werden - und die Zukunft vieler Bauern gleich mit. 

"Ich bin 56 Jahre alt - ich kann doch zukünftig nicht als Wächter in einer Fabrik arbeiten", sagt er. "Ich kann auch keinen neuen Beruf mehr erlernen. Der Istanbul-Kanal ist das Todesurteil für die Bauern des Dorfes".

 

Kadir Kurt steht mit Kühen auf der Wiese. | Bernd Niebrügge / ARD-Studio Is

Landwirt Kadir Kurt macht sich keine Illusionen: Vom Istanbul-Kanal werde er alles andere als profitieren, sagt er. Bild: Bernd Niebrügge / ARD-Studio Is

Preise stiegen in nur fünf Jahren rasant

Den Planern der türkischen Regierung ist der Bau einer künstlichen Wasserstraße alleine aber nicht genug: Parallel zum Bau des Kanals, zu dem auch Hafenanlagen und Verladestationen für Frachter gehören, sollen an beiden Ufern eine künstliche Stadt und Wirtschaftsregion für 500.000 Einwohnern entstehen. Wohnungen und Häuser sollen auf den heute zumeist landwirtschaftlichen Flächen gebaut werden; dazu Yachthäfen und luxuriöse Wohnanlagen.  

Der Immobilienmakler Murat Özçelik ist schon seit fünf Jahren im Baugebiet des geplanten Kanals unterwegs - ein Mann mit Weitsicht. "Vor fünf Jahren kostete ein Hektar Grund noch rund 20.000 Euro; heute werden bis zu 100.000 Euro und mehr verlangt. Die Menschen fingen nur langsam an zu verstehen, dass das Projekt Realität werden kann - wir haben von Anfang an daran geglaubt", sagt er.

136 Millionen Quadratmeter seien im Zuge des Kanalbaus als Bauland für die neue künstliche Stadt geplant, berichtet der Makler. Davon sei das meiste bereits verkauft - fast alles an einheimische Investoren. "Glauben sie mir, die Bauern hier machen doch gar keine richtige Landwirtschaft", behauptet Özçelik. "Sie sind entweder schon reich genug oder sie sind Oppositionelle und deshalb gegen die AKP."

Murat Özçelik | Bernd Niebrügge / ARD-Studio Is

Immobilienmakler Murat Özçelik hat früh erkannt, dass der Grund um den geplanten Kanal profitabel sein wird. Bild: Bernd Niebrügge / ARD-Studio Is

Umweltpolitischer Irrsinn?

Der Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu, viele Bürger der Stadt und praktisch die gesamte türkische Opposition verurteilen das Megaprojekt als unrealistischen und umweltpolitischen Irrsinn. Sie fordern den sofortigen Stopp aller Planungen und Baumaßnahmen. Der türkische Naturschutzbund sieht das Grundwasser und die Trinkwasserversorgung Istanbuls gefährdet. 

Ahmet Dursun Kahraman, Präsident der Kammer der türkischen Umweltingenieure, kritisiert die Kanalpläne als rein politisches Projekt: "Wirtschaftlich macht es keinen Sinn - der Schiffsverkehr hat in den letzten 20 Jahren nicht zu-, sondern abgenommen. Gleichzeitig werden ökologische Systeme, historische und kulturelle Güter wie auch Wälder unwiederbringlich zerstört."

Vertreter türkischer und internationaler Umweltorganisationen befürchten, dass der seit Jahrtausenden über dem Bosporus natürlich laufende Wasseraustausch zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marmara-Meer durch den zweiten künstlichen Kanal aus dem Takt geraten kann. Mit katastrophalen Konsequenzen: Das Marmara-Meer könnte "kippen" und zur stinkigen sauerstoffarmen Brühe werden - mit irreparablen Schäden für die Fischbestände und die gesamte Flora und Fauna.

Über dieses Thema berichtete das Europamagazin am 04. Juli 2021 um 12:45 Uhr.