Ein vom Schlamm ins Meer gerissener Touristenbus auf Ischia | AP

Erdrutsch auf Ischia "Der Schlamm hat alles mitgerissen"

Stand: 26.11.2022 18:01 Uhr

Zerstörte Häuser, ins Meer gerissene Autos - und Schlammmassen, in denen Einsatzkräfte nach möglichen weiteren Opfern suchen müssen: Nach dem schweren Unwetter auf Ischia werden noch immer mehrere Menschen vermisst.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Es ist ein Symbolbild für die Urgewalt des Erdrutsches, verbreitet unter anderem vom staatlichen Fernsehen RAI: ein Touristenbus, der zerbeult und mit teilweise zerstörten Fenstern halb am Strand, halb im Meerwasser steckt. Die Schlammlawine am frühen Morgen, die sich durch Casamicciola im Norden Ischias ergoss, hat auch diesen in einer Straße geparkten Bus mitgerissen, bis ans Ufer.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Schlammbedeckte Straßen, in denen ausgerissene Bäumen und an Häuserwände gedrückte Autos liegen, zeigt das Video eines Augenzeugen, das vom Nachrichtensender Sky TG24 wurde. "Es ist ein Gemetzel", hört man den Beobachter fassungslos sagen.

Zerstörungen nach Erdrutsch auf italienischer Insel Ischia | EPA

Das vom Erdrutsch zerstörte Gebiet im Norden von Ischia. Heftige Regenfälle lösten am Morgen eine Schlammlawine aus. Bild: EPA

"Der Schlamm hat alles mitgerissen"

Auch Gianni Capuano, der Leiter des Zivilschutzes auf Ischia, zeigt sich erschüttert bei einer Begehung in den Hügeln oberhalb des Unglücksortes Casamicciola: "Von hier oben bis zum Ortseingang Casamicciolas hat der Schlamm alles mitgerissen. Die Straßen der Insel hier sind alle blockiert."

Der Chef des Nationalen Zivilschutzes, Fabrizio Curcio, sagt angesichts des Ausmaßes der Zerstörungen auf Ischia: "Es ist eine Tragödie."

Über die Zahl der Opfer gab es zunächst unterschiedliche Angaben aus der Regierung. Infrastrukturminister Matteo Salvini hatte von acht Toten durch den Erdrutsch gesprochen. Später wurde Salvini von Innenminister Matteo Piantedosi korrigiert. Nach dessen Angaben war am Nachmittag noch kein Todesopfer offiziell bestätigt. Inzwischen teilte die Präfektur der Region Neapel laut mehreren Agenturen mit, es sei eine tote Frau geborgen worden.

Zivilschutz: Mehrere Gebäude zerstört

Klar ist, dass der Erdrutsch im Norden Ischias verheerende Schäden angerichtet hat. Mehrere Gebäude sind nach Angaben des Zivilschutzes zerstört, zunächst waren mehr als 30 Familien in ihren Häusern durch Schlammmassen von der Außenwelt abgeschnitten. Der Präsident der Region Kampanien forderte, für Ischia den Notstand auszurufen.

Die Arbeit der Retterinnen und Retter wurde den ganzen Tag über durch starken Sturm erschwert, teilweise herrschte Windstärke elf. Auch Innenminister Piantedosi räumte auf einer Pressekonferenz ein:

Es gibt einige Schwierigkeiten bei den Rettungsarbeiten, weil die Wetterbedingungen nach wie vor problematisch sind. Trotzdem ist es uns gelungen, weitere Rettungskräfte sowohl über das Meer als auch auf dem Luftweg nach Ischia zu bringen. Ich bin in engem Kontakt mit Ministerpräsidentin Meloni und den anderen Ministern bei diesen Rettungsarbeiten, die sehr schwierig voranzubringen sind.
Karte: Italien mit Neapel und der Insel Ischia

Experte: Katastrophale Regenfälle "programmiert"

Ausgelöst wurde der Erdrutsch durch die heftigen Regenfälle über Ischia in der vergangenen Nacht. Innerhalb weniger Stunden gab es nach Angaben des Zivilschutzes zwölf Zentimeter Niederschlag auf der Insel. Dadurch hätten sich in den Hügeln über der Ortschaft Casamicciola Erdmassen gelöst und seien als gewaltige Schlammlawine Richtung Meer gerutscht.

Nach Ansicht des Geologen Massimiliano Fazzini von der Universität Chieti-Pescara ist das aktuelle Unglück auf Ischia eine Folge des Klimawandels. Katastrophale Regenfälle wie jetzt auf Ischia, sagt Fazzini, seien nach dem außergewöhnlich trockenen Sommer "programmiert" gewesen.

Auch an der nahegelegenen Küste in Sorrent hat der heftige Regen in der Nacht zu einem Erdrutsch geführt, mit allerdings deutlich kleineren Ausmaßen. In Sorrent wurden nach Angaben der Stadtbehörden drei Personen verletzt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau am 26. November 2022 um 16:00 Uhr.