Ein Blick auf die Gemeinde Ischgl (Archivbild). | AFP

Verfahren zu Corona in Ischgl "Ökonomie über die Gesundheit gestellt"

Stand: 17.09.2021 02:12 Uhr

In Österreich beginnt heute der erste Prozess im Zusammenhang mit dem Corona-Ausbruch unter Touristen in Ischgl im vergangenen Jahr. Angehörige der insgesamt 32 Todesopfer wollen ein Schuldeingeständnis - doch die Regierung verweist nur auf die Pandemie-Lage.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

"Gut geht es mir nicht." Dörte Sittig ist aus der Nähe von Köln nach Wien gereist, um beim ersten Prozess im Fall Ischgl dabei zu sein. Ihr Lebensgefährte ist im vergangenen Frühjahr nach einem Ischgl-Urlaub an Corona gestorben. Ein Schock, der bis heute nachwirkt.

Ich versuche, mich auf meinen Job zu konzentrieren. Ich habe Gott sei Dank tolle Kinder, die erwachsen sind und sich um mich kümmern, die ja eigentlich genau so trauern. Da versucht man sich mit zu beschäftigen, das Leben so wieder zu meistern.
Srdjan Govedarica ARD-Studio Wien

Verbraucherschützer sprechen von "Multiorganversagen"

Dörte Sittig gehört zu den ersten Geschädigten oder Hinterbliebenen, die Schadenersatz von Österreich fordern. Ihr Fall ist Ende September an der Reihe, beim heutigen Auftakt geht es um einen damals 72-jährigen Österreicher, der sich im März 2020 in Ischgl eine tödliche Covid-Infektion zugezogen haben soll. Seine Witwe und sein Sohn fordern 100.000 Euro Schadensersatz von der Republik Österreich. Vor dem Prozess wollen sie keine Kommentare abgeben.

Unterstützt werden die Kläger vom Verbraucherschutzverein aus Wien. Peter Kolba ist Vorsitzender des Vereins: "Wir werfen der Republik Multiorganversagen auf allen Ebenen der Verwaltung vor. Das beginnt bei der Gemeinde Ischgl, setzt sich fort über die Bezirkshauptmannschaft Landeck, das Bundesland Tirol, aber auch auf Bundesebene durch den Bundeskanzler und auch durch Minister."

Die Behörden auf Bezirks -, Lande und Bundesebene hätten Anfang März 2020 zu spät vor dem Coronavirus gewarnt und die Region um Ischgl zu spät für den Tourismus geschlossen, obwohl sie es hätten besser wissen können - so der Vorwurf der Kläger. Verbraucherschützer Kolba formuliert das so: "Man hat die Ökonomie über die Gesundheit gestellt."

Vertreter Österreichs weisen Forderungen der Kläger zurück

Zu den Vorwürfen gehört auch, dass Bundeskanzler Kurz in einer Pressekonferenz am 13. März 2020 eine Quarantäne für das Paznauntal verkündete, ohne dass das Land Tirol darauf vorbereitet war. Daraufhin seien Touristen unkontrolliert abgereist, und hätten das Virus in ihre Heimatländer getragen.

Die Finanzprokuratur, die Österreich bei dem Prozess vertritt, widerspricht. Die Pressekonferenz des Bundeskanzlers habe der Information gedient. In der Klageerwiderung zum Fall des 72-jährigen Österreichers heißt es außerdem, dass der tragische Tod des Klägers ausschließlich auf eine weltweit grassierende Pandemie zurückzuführen sei und keinesfalls von Organen der Republik Österreich in Kauf genommen oder mitverursacht wurde. Verbraucherschutzer Peter Kolba sagt, dass ihn diese Haltung rasend mache.

Ich verstehe nicht, wieso man sich nicht - auch im Interesse des Tiroler Fremdenverkehrs - dazu bekennen kann, dass man auch Fehler gemacht hat. In Tirol oder in Ischgl verdient man an einem Tag Millionen. Der Schadensersatz, der da jetzt anstehen würde, ist vielleicht der Umsatz von einer Woche.

"Das ist nicht in Ordnung"

Insgesamt 15 Zivilklagen sind bereits eingebracht, weitere 100 seien in Planung, sagt Peter Kolba. Für hunderte weitere Fälle werde die Deckung durch Rechtsschutzversicherungen geprüft. Am liebsten wäre dem Verbraucherschützer eine außergerichtliche Einigung. Doch auf einen offenen Brief an Bundeskanzler Kurz mit dem Vorschlag für einen runden Tisch sei bis heute keine Antwort eingetroffen.

Insgesamt haben sich mehr als 6.000 Betroffenen aus 45 Ländern im Zusammenhang mit Ischgl bei den Verbraucherschützen gemeldet. 32 Menschen starben. Darunter auch der Lebensgefährte von Dörthe Sittig. Wie viele der Geschädigten möchte sie mit der Klage vor allem erreichen, dass jemand dafür die Verantwortung übernimmt.

Wir haben Ischgl wirklich geliebt, und wir sind da häufig hingefahren. Das ist nicht in Ordnung. Und da muss derjenige, der verantwortlich ist, zumindest eine Schuld anerkennen. Ich meine, wir machen alle Fehler. Aber man muss doch dazu stehen, oder? Und das ist wirklich ein schwerer Fehler gewesen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 17. September 2021 um 05:37 Uhr.