Proteste in Karadsch (Archivbild: 28.09.2022) | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Iran Die Protestbewegung gibt nicht auf

Stand: 11.11.2022 20:20 Uhr

Zuletzt waren im Iran weniger Menschen auf die Straße gegangen - doch ihre Zahl wächst wieder, trotz massenhafter Festnahmen. Vermehrt gibt es auch Protestaktionen Einzelner oder kleiner Gruppen.

Von Uwe Lueb, ARD-Studio Istanbul

Eine junge Frau liegt reglos in einer Blutlache. So ist es in einem Video aus dem Iran zu sehen. Darunter steht:

Sie tanzten auf der Straße. Dann kamen viele Beamte, zerstreuten die Menge mit Tränengas und schossen. Ein Mädchen kam dabei ums Leben.
Uwe Lueb ARD-Studio Istanbul

Erst kürzlich soll das passiert sein, in Rasht im Norden des Iran am Kaspischen Meer. Immer wieder gibt es solche Filme. Die meisten kann man nicht überprüfen. Aber es gebe kaum einen Grund, an ihrer Echtheit zu zweifeln, sagen Menschenrechtsgruppen, die auch prüfen.

In einem anderen Video sollen die Eltern von Navid und Elham Afkari zu sehen sein. Sie klopfen an ein Gefängnistor. Sie wollen wissen, wie es ihrer Tochter Elham geht, der Schwester von Navid. Er war Ringer. Vor zwei Jahren wurde er im Iran hingerichtet. Nun ist sie in Haft, angeblich wegen des Vorwurfs der Spionage und der Unterstützung von Terror. Und: Sie soll die Proteste im Land geschürt haben.

Wieder mehr Proteste

Zuletzt waren im Iran weniger Demonstrierende auf den Straßen als in den Wochen davor. Was es dagegen scheinbar öfter gibt, sind Aktionen Einzelner oder kleiner Gruppen.

Sie stoßen Mullahs den Turban vom Kopf, entrollen Banner von Brücken mit der Forderung nach Freiheit oder verbrennen Plakate mit überlebensgroßen Porträts der Machtelite im Land. Und es kommt auch immer wieder zu Demonstrationen.

Nach Berichten aus dem Iran werden es gerade wieder mehr. Beziffern lässt sich die Zahl der Protestierenden nicht. Die Rede ist von Protesten in etwa 20 Städten und an etwas mehr als zehn Universitäten. Wer demonstriert, riskiert viel: Nach Angaben von Menschenrechtlern sind schon mehr als 300 Menschen getötet, rund 15.000 weitere festgenommen worden, etliche angeblich zuhause oder an ihrem Arbeitsplatz. Die Zahl der Angeklagten liegt im vierstelligen Bereich.

Vielen Gefangenen droht die Todesstrafe

Vielen droht die Todesstrafe. Die ersten Todesurteile sollen schon gefällt worden sein. Die Unterstützung der Proteste unter den Menschen im Land ist jedoch scheinbar ungebrochen. Ein Grund dafür ist, dass sich jede und jeder angesprochen fühlen kann, so die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur im Deutschlandfunk.

"Das ist vor allem ein Prozess, der eben alle Schichten umfasst. Schon allein der Tod von Mahsa Jina Amini - da könnte jede Familie sagen: Das hätte meinem Kind, hätte meiner Schwester genauso gut passieren können", so Amirpur weiter.

Staatsmacht will Widerstand brechen

Doch ob der Protest im Iran Erfolg hat, ob und wie er das Land verändert, kann niemand voraussagen. Die Staatsmacht ist entschlossen, Demonstrationen zu unterbinden. Gewährleisten könnten das die Elitesoldaten der Revolutionsgarde.

An ihnen könnte der Kampf der Menschen im Iran scheitern, sagt Amirpur. Die seien "bestens ausgerüstet, die haben sehr, sehr viele Privilegien und sie terrorisieren die iranische Bevölkerung seit Jahrzehnten", so Amirpur.

Sie ist sich sicher, dass "das heißt, sie haben sehr viel zu verlieren, sollte dieser Aufstand, diese Revolution siegen. Insofern werden sie noch sehr, sehr lange mit dem Rücken zur Wand kämpfen".

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 5. November 2022 um 14:00 Uhr.