IOC-Präsident Thomas Bach beantwortet in einer virtuellen Pressekonferenz Fragen von Journalisten | VIA REUTERS

Olympiaboykott und Fall Peng Das IOC gibt sich unbeeindruckt

Stand: 09.12.2021 17:09 Uhr

Die Sitzung der IOC-Spitze hätte reine Routine sein können, aber kurz vor den Olympischen Spielen in Peking werden die Fragen nach der Haltung des IOC zur Menschenrechtslage in China immer lauter. Und dann ist da noch der Fall Peng Shuai.

Von Joachim Görgen, ARD-Studio Genf

Am Montagabend verkündete die Sprecherin des Weißen Haus, Jen Psaki: Die USA werden die Olympischen Winterspiele im Februar in Peking diplomatisch boykottieren. Mit anderen Worten: Die Sportlerinnen und Sportler dürfen gerne nach Peking reisen, aber offizielle Vertreter der Regierung Biden werden den Spielen demonstrativ fernbleiben.

Die Reaktion aus Peking ließ nicht lange auf sich warten. Auf die Entscheidung der USA reagierte das chinesische Außenministerium scharf. Dies sei ein Verstoß gegen die "politische Neutralität im Sport". Washington werde dafür "bezahlen" müssen.

"Olympischer Geist und Politik unvereinbar!"

Beim IOC in Lausanne ging man erst einmal in Deckung: Dies sei eine rein politische Entscheidung. Mit dem olympischen Geist sei Politik sowieso nicht vereinbar. IOC-Präsident Thomas Bach sagte am Tag darauf der Deutschen Presse-Agentur, mit den Olympischen Spielen könne das IOC keine politischen Konflikte lösen. Das IOC habe nicht die Macht und die Mittel, politische Systeme zu verändern. Auch in der Frage des US-Boykotts sei das IOC politisch neutral.

Inzwischen haben sich Australien, Kanada und Großbritannien dem diplomatischen Boykott der Amerikaner angeschlossen. Trotzdem beharrt Bach auf dem Standpunkt der "unpolitischen" Olympischen Spiele. Nur so sei es möglich, 206 Nationale Olympische Komitees zusammenzuhalten. Eine Politisierung würde das Ende der Olympischen Spiele bedeuten, so Bach vor rund 100 zugeschalteten Journalistinnen und Journalisten in einer Online-Presse-Konferenz.

Wladimir Putin und Thomas Bach (Archivbild von 2014) | picture alliance / David Goldman

Die heitere Diplomatie des Thomas Bach - 2014 mit Wladimir Putin in Sotschi ... Bild: picture alliance / David Goldman

 Xi Jinping und Thomas Bach (Archivbild von 2017) | picture alliance / Denis Balobou

... und 2017 mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping in Peking. Bild: picture alliance / Denis Balobou

Ringen um die deutsche Haltung

In Berlin ringen Bundeskanzler Olaf Scholz und Außenministerin Annalena Baerbock um eine offizielle deutsche Haltung in der brisanten Boykott-Frage. Sie setzen auf eine gemeinsame europäische Lösung. Friedrich Merz, zurzeit Kandidat für den CDU-Vorsitz, fordert von der EU, sich dem Boykott anzuschließen. Dies sei wegen der andauernden Menschenrechtsverletzungen in China richtig.

Die Europapolitikerin Nicola Beer (FDP) spricht sich sogar für einen Komplett-Boykott der Spiele in Peking aus. Aus dem Bundespräsidialamt heißt es, es gebe keine Pläne, dass Bundespräsident Frank Walter Steinmeier nach Peking reise.

Was wird aus Peng Shuai?

Das IOC steht aber auch bei einem zweiten Thema seit Wochen unter Druck. Es geht um die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai. Die Chinesin hatte am 2. November auf der Social-Media-Plattform Weibo dem früheren stellvertretenden Premierminister Zhang Gaoli sexuelle Nötigung vorgeworfen. Die Nachricht wurde sofort gelöscht. Peng Shuai war daraufhin mehrere Tage aus der Öffentlichkeit verschwunden und nicht erreichbar. 

Es gibt inzwischen zwar ein Video, das die dreifache Olympia-Siegerin in einem Restaurant in Peking zeigt. Die UNO, die Europäische Union, politische Beobachter und Sportler aus aller Welt sind jedoch überzeugt, dass die 35-Jährige weiter unter Hausarrest steht. Bis heute ist es für unabhängige Journalisten und auch für die Women’s Tennis Association (WTA) unmöglich, die Chinesin zu ihren Vorwürfen gegen den ehemaligen Spitzenfunktionär zu befragen. Die WTA sagte daraufhin alle Turniere in China ab.

Eine Schalte mit Nachwirkungen

Bachs Linie ist eine andere. Mitte November setzte er sich zu einer Videoschalte mit Peng Shuai vor die Kamera, anschließend veröffentlichte das IOC ein Bild von dem Gespräch. Sie sei sichtlich wohlauf und bitte darum, ihre Privatsphäre zu respektieren, so die knappe Pressemitteilung des IOC. Am 2. Dezember legte die Presseabteilung des IOC vorsichtshalber noch mal nach: Man sei im Kontakt mit der Chinesin und werde das auch weiterhin bleiben. "Stille Diplomatie" sei "unter diesen Umständen" das Beste.

Wohl noch nie blies dem IOC-Boss der Wind derart ins Gesicht wie in den Wochen seit der Schalte. Aber auch in der Pressekonferenz am Mittwochabend wiederholte Bach seine Position und erklärte ganz allgemein: Das höchste Menschenrecht sei doch die körperliche Unversehrtheit. Inzwischen habe er sich in zwei Videoschalten mit Peng Shuai persönlich davon überzeugen können, dass es ihr gut gehe. Und deshalb sei er auch erleichtert. Natürlich bleibe man im Gespräch mit der Chinesin, denn schließlich gehe es um das persönliche Schicksal einer Sportlerin.

Kritiker sehen darin einen Versuch, den Fall Peng Shuai möglichst auf ein Nebengleis zu schieben. Den Nachweis, was "stille Diplomatie" in diesem Fall - und auch in den vielen anderen Fällen, wo China schwere Menschenrechtsverstöße vorgeworfen werden - gebracht hat, sind Bach und das IOC bislang schuldig geblieben. So zeichnet sich schon jetzt ab: Das Thema Menschenrechte wird das IOC bis zu den Olympischen Spielen in Februar weiter begleiten und absehbar auch die Spiele selbst überschatten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. Dezember 2021 um 20:00 Uhr.