Sendungsbild
Interview

Doschd-Chefredakteur Dsjadko "In Freiheit nützlicher als im Gefängnis"

Stand: 21.04.2022 21:44 Uhr

Kurz nach dem Angriff auf die Ukraine stellte der unabhängige russische TV-Sender Doschd seinen Betrieb ein. Chefredakteur Tichon Dsjadko sendet jetzt aus Georgien - im ARD-Interview schildert er, unter welchen Bedingungen das geht.

ARD: Ihr Sender Doschd hat anfangs noch sehr kritisch über die Kämpfe in der Ukraine berichtet. Aber nach einer Woche stellten Sie freiwillig den Betrieb ein, kurz bevor ein neues Gesetz in Kraft trat, das sogenannte Fake News über das russische Militär unter Strafe stellt. War es eine schwere Entscheidung, aufzuhören?

Tichon Dsjadko: Wir wussten, dass wir mit dem neuen Gesetz nur zwei Möglichkeiten haben würden: Entweder wir verwandeln uns in eine Art Pressebüro des Verteidigungsministeriums oder wir machen weiter wie bisher und haben gute Chancen, bis zu 15 Jahre ins Gefängnis zu wandern. Und wir haben sehr schnell verstanden, dass wir in Freiheit nützlicher sind als im Gefängnis. Deshalb haben wir den Sendebetrieb eingestellt.

ARD: Nachrichten, wie Doschd sie gesendet hat, findet man sonst nicht im Land. Wohin geht ihr Publikum, wo bekommen die Menschen jetzt ihre Informationen?

Dsjadko: Wir haben wirklich - ich übertreibe nicht - Hunderte und Tausende von Anfragen bekommen, doch irgendwie weiterzumachen. Wir haben dann entschieden, dass einige unserer Moderatoren von hier aus (aus dem Exil, Anm. d. Red.) eigene Youtube-Kanäle starten, ich auch. Wir streamen einmal pro Woche, es gibt großes Interesse bei unserem Publikum, aber wir verstehen, dass das den Leuten nicht reicht. Um allerdings wieder ein Vollprogramm zu machen, brauchen wir Zeit, und Logistik. Das organisieren wir gerade. Ich denke, dass wir in ein paar Monaten wieder senden können, von wo auch immer.

Tichon Dsjadko | picture alliance / ASSOCIATED PR
Zur Person

Tichon Dsjadko ist der Chefredakteur des unabhängigen russischen Fernsehsenders "Doschd" (bekannt auch als "TV Rain"). In Russland war der Sender ab August 2021 als "Ausländischer Agent" eingestuft und seit März 2022 blockiert, da er unabhängig über den Angriffskrieg des Kremls gegen die Ukraine berichtet hatte. Seit März macht Djsadko von Georgien aus auf einem Youtube-Kanal Nachrichtenprogramm.

ARD: Sie brauchen dazu doch auch Infos aus Russland, wie wollen Sie das machen?

Dsjadko: Es gibt zwei Probleme: Das erste ist, an Informationen aus Russland zu kommen. Und das zweite: Informationen wieder reinzubringen ins Land. Der digitale eiserne Vorhang wird noch dichter werden. Zweifellos ist es gefährlich, man muss abwägen zwischen der Notwendigkeit, eigene Informationen aus Russland zu haben, und der, die Leute nicht in Gefahr zu bringen.

Was Umfragen aussagen können - und was nicht

ARD: Das Umfrageinstitut Lewada hat neulich gesagt, dass sie trotz allem große Unterstützung für Putin sehen, etwa bei 80 Prozent. Wie erklären Sie sich das?

Dsjadko: Mir scheint, Soziologie kann nicht existieren in einem autoritären Land. Und Russland ist längst mehr als nur autoritär. Wenn Sie ein Unbekannter auf der Straße anspricht und fragt: "Sind Sie für oder gegen den Präsidenten?", dann werden sie mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, dass Sie dafür sind. Denn wer weiß, was sonst mit Ihnen passiert. Ich orientiere mich deshalb an empirischen Dingen. Die sind nicht repräsentativ, aber es sagt viel aus, dass unser Kanal in den ersten Tagen des Krieges allein auf YouTube 25 Millionen Mal angeschaut wurde, und die absolute Mehrheit der Abrufe kam aus Russland.

Es gibt eine riesige Nachfrage nach unabhängiger Information. Viele Leute haben Angst zu sagen, was sie wirklich denken. Und viele sind in einem Stadium des Leugnens. Das sehe ich bei meinen Followern bei Telegram: Da schreiben Leute: "Ich kann das nicht", "Ich weigere mich zu glauben, dass russische Soldaten die Bewohner von Butscha erschießen", "Ich will das nicht glauben." Es gibt sehr viele dieser Leute.

"Natürlich funktioniert die Propaganda"

ARD: In Interviews erzählen Menschen in Russland immer wieder die Geschichte vom angeblichen Faschismus in der Ukraine. Sie wollen einen sogar überzeugen, dass das stimmt...

Dsjadko: Natürlich funktioniert die Propaganda, und natürlich unterstützt ein bestimmter Teil der Bevölkerung das, was geschieht. Diese Leute träumen von der Wiederherstellung eines Imperiums. Wie das aussehen soll und welcher Preis dafür zu zahlen ist, ist unwichtig. Sie unterstützen es, weil man ihnen im Fernsehen davon erzählt.

Nawalny hat das sehr gut beschrieben. Er hat ja im Gefängnis nur Zugang zu staatlichen Fernsehsendern, und er schreibt, wenn du das ständig siehst, dann ist es sehr schwer, nicht daran zu glauben. Es ist ein sehr simples Weltbild: Dort sind die Faschisten, hier sind die Befreier. Daran lässt sich leicht glauben, wenn du keinen Zugang zu anderen Informationen hast. Und deshalb tut die russische Führung alles, damit es keine anderen Informationsquellen gibt.

"Auch für Russland eine Katastrophe und Tragödie"

ARD: Wenn wir in diesem Zusammenhang von Gehirnwäsche reden, dann funktioniert diese offensichtlich nicht nur bei der älteren Generation, die ihre Informationen nur aus dem Fernsehen hat, sondern auch bei den ganz Jungen. Oder?

Dsjadko: Ich fürchte, wir können den Maßstab dieser Katastrophe noch gar nicht fassen. Von der Katastrophe und Tragödie für die Ukraine ganz abgesehen - die ist offensichtlich. Aber auch für Russland ist das eine Katastrophe und eine Tragödie. Wir haben Wolodymyr Selenskyj interviewt, und er hat ziemlich traurig gesagt: "Wir, unsere Generation, wir werden keine Freunde sein können. Unseren Kindern oder sogar erst den Enkeln gelingt es vielleicht, wieder miteinander zu reden."

Putin allein verantwortlich?

ARD: In Deutschland gab es eine große Diskussion, als Bundeskanzler Scholz sagte: "Dieser Krieg ist Putins Krieg" - und nicht der Krieg der Russen. Hat er damit recht?

Dsjadko: Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich weiß nicht. Aber ich weiß: Das ist nicht mein Krieg, auch nicht der Krieg meiner Familie, meiner Freunde - und der Mehrheit meiner Zuschauer. Aber eindeutig sagen, dass ich nichts damit zu tun habe, das kann ich nicht. Obwohl ich denke, dass meine Kollegen und ich alles getan haben, was wir konnten. Aber zu sagen, das macht alles Putin und seine Umgebung, die Russen sind friedliebend und wunderbar und keiner will Blutvergießen, das wäre nicht richtig. So zu tun, als sei dies allein Putins Krieg - nein, das ist falsch.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. April 2022 um 09:00 Uhr.