Ein Hausarzt hält in seiner Praxis in Zürich-Altstetten eine Schachtel mit dem Corona-Impfstoff von Moderna in der Hand.  | dpa

Corona-Pandemie Schweiz startet "nationale Impfwoche"

Stand: 08.11.2021 07:30 Uhr

Die Schweiz will mit einer "nationalen Impfwoche" die relativ niedrige Impfquote erhöhen. Ob das funktioniert, ist fraglich. Vor allem in der Deutschschweiz gibt es eine breite Front von Impfskeptikern.

Von Kathrin Hondl, ARD-Studio Genf

Impfbusse rollen durchs Land, der Hauptbahnhof Zürich wird ein "Impfdorf", es gibt "Live-Impf-Talks" bei Instagram und Gratis-Open Air-Konzerte mit Schweizer Popstars: 100 Millionen Schweizer Franken lassen sich Bund und Kantone die "nationale Impfwoche" kosten. Ziel: Möglichst viele Schweizerinnen und Schweizer doch noch vom Nutzen einer Impfung zu überzeugen.

Kathrin Hondl ARD-Studio Genf

Denn die Impfquote ist mit knapp mehr als 64 Prozent in der Schweiz deutlich niedriger als anderswo in Europa. Zu niedrig. Vor allem jetzt, da auch in der Schweiz die Infektionszahlen wieder rasant steigen und die Intensivstationen sich füllen - mehrheitlich mit Ungeimpften. Für Gesundheitsminister Alain Berset ist die Rechnung einfach: "Es lohnt sich, weil jede Impfung zählt. Mit 150 Impfungen kann eine Hospitalisierung auf der Intensivstation vermieden werden."

"Ich glaube, da bringt die Impfwoche wenig"

Ob die Rechnung der Schweizer Regierung allerdings tatsächlich aufgeht, ist mehr als fraglich. Denn vor allem in der Deutschschweiz gibt es eine breite Front von Impfskeptikern. Philip Tarr ist Infektiologe am Kantonsspital Basel-Land und leitet seit mehreren Jahren ein Nationales Forschungsprogramm zur Impfskepsis in der Schweiz. "Ob waschechte Impfgegner sich jetzt noch überzeugen lassen, sich zu impfen, da bin ich eher skeptisch. Ich glaube, da bringt die Impfwoche sehr wenig."

Die hohe Zahl Schweizer Impfgegner erstaunt auch im eigenen Land. "Was ist los mit den gut ausgebildeten und in Wohlstand lebenden Schweizern?" fragte gerade die "Neue Zürcher Zeitung" und wunderte sich, dass das Land bei den Corona-Impfungen zu den Schlusslichtern in Europa gehört. 

In Luzern versammeln sich Demonstranten zu einer Kundgebung des sogenannten "Aktionsbündnis der Urkantone" gegen die Corona-Maßnahmen des Bundes.  | dpa

Tausende Menschen demonstrierten im Sommer unter anderem gegen die Impfkampagne des Landes. Bild: dpa

Kulturelle und politische Gründe

Tarr sieht die Gründe dafür unter anderem in der politischen Kultur. "Die Kantone in der Schweiz, vor allem in der Deutschschweiz, die tiefere Impfraten haben, haben Behörden, die eher den Eindruck haben, dass Gesundheit und Impfungen eine private Angelegenheit sind. Der Staat hat sich da nicht einzumischen. Ich glaube, das sind nicht nur politische, sondern auch kulturelle Unterschiede."Auch die direkte Demokratie in der Schweiz, in der "alle mitreden dürfen", erschwere in der Pandemie den Meinungsbildungsprozess, sagt der Wissenschaftler.

Anders gesagt: Schwurbler, "Querdenker" und andere Corona-Maßnahmen-Gegner verschaffen sich in der Schweiz lautstark Gehör, nicht nur auf ihren zahlreichen Demonstrationen, sondern auch in den Schweizer Medien. Und sogar in der Bundesregierung. Finanzminister Ueli Maurer von der rechten Schweizer Volkspartei posierte in einem T-Shirt der sogenannten "Freiheitstrychler" - einer Gruppe von Maßnahmengegnern, die mit traditionellen Schweizer Kuhglocken gegen die Corona-Politik der Regierung anbimmeln. Das Regierungsmitglied Maurer wiederum wetterte im Zürcher Oberland verbal gegen, so wörtlich, "all die Maßnahmen, die in Bern beschlossen" würden - von einer Handvoll Experten, die niemand gewählt habe.

Paradoxa der Pandemie-Politik

In vielen Schweizer Kantonen lässt man sich eben von "denen in Bern" nicht gern sagen, was richtig ist. Dass mit Finanzminister Maurer einer aus Bern die gleiche Meinung vertritt und von einer "gefährlichen Machtkonzentration" in der Hauptstadt raunt, ist nicht das einzige Paradox der Schweizer Pandemie-Politik.

Ende des Monats stimmen die Schweizerinnen und Schweizer zum zweiten Mal über ein Covid-Gesetz ab, das unter anderem Grundlage ist für die derzeit geltenden 3-G-Regeln in Gastronomie und bei Veranstaltungen. Nach Umfragen sind gut 60 Prozent für die Maßnahmen. Eine Mehrheit, die entschlossener wirkt als Bundespräsident Guy Parmelin bei der Präsentation der "Nationalen Impfwoche": "Ich warte sehnsüchtig darauf, dass dieser bizarre Albtraum endlich ein Ende hat."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. November 2021 um 09:12 Uhr.