Ein Banner weist den Weg zu einem Corona-Impfzentrum in Wien. | dpa

Schleppende Impfkampagne Österreich setzt auf Geld für dritten Piks

Stand: 29.12.2021 16:59 Uhr

In Österreich kommen die Impfungen nur schleppend voran. Jetzt sollen 500-Euro-Gutscheine die Impfbereitschaft steigern. Gastronomen und Hoteliers laufen derweil Sturm gegen die neue Sperrstunde.

Von Nikolaus Neumaier, ARD-Studio Wien

Obwohl in Österreich die Impfbereitschaft steigt, kommt die Impfkampagne selbst nur langsam in Fahrt: Derzeit sind 70,6 Prozent der in Österreich lebenden Menschen vollständig geimpft - zum selbstgesteckten Ziel von 95 Prozent ist es also noch ein weiter Weg. Darum könnten jetzt bald Impfgutscheine die Kampagne voranbringen und eine neue Dynamik entfachen. Außerdem wird die Impfpflicht weiter vorbereitet. Sie soll am 1. Februar in Kraft treten.

Nikolaus Neumaier ARD-Studio Wien

Impfgutscheine als Anreiz

Die Idee einer finanziellen Belohnung ist nicht ganz neu. Schon vor Wochen plädierte die Chefin der Sozialdemokraten, Pamela Rendi-Wagner dafür, 500 Euro denjenigen anzubieten, die sich boostern lassen. Jetzt greift die Regierung aus ÖVP und Grünen das Thema auf. Der grüne Vizekanzler Werner Kogler zeigt sich offen für die Idee und hält auch 500 Euro nicht für überzogen.

Noch bevor am 1. Februar die Impfpflicht in Kraft tritt, würde er den 500-Euro-Gutschein für den dritten Stich auszahlen: "Das sollten wir in der Regierung durchspielen", sagt er. Zustimmung signalisiert auch Regierungschef Karl Nehammer von der konservativen ÖVP. Er will sogar diejenigen belohnen, die bereits die Boosterimpfung bekommen haben. Ein Gutschein, so der Kanzler, sollte nicht nur für die Neu-Geimpften gelten, "sondern gilt natürlich für alle, die bereit waren, sich impfen zu lassen."

Neue Kampagne im Januar

Parallel dazu wird auch die Informationskampagne verändert. Ab Januar wird das Verbindende in der Gesellschaft betont. Die Kampagne greift auf eine erfolgreiche Aktion zurück, die es schon in den 70er-Jahren gab, als für Toleranz gegenüber Bürgern mit Migrationshintergrund geworben wurde. Die neue Impfkampagne jetzt setzt auf Dialog. Die Botschaft zum Beispiel für Wien: "I bin a Wiener, du bist a Wiener, zusammen gemma impfen."

Eingebunden sind auch große Unternehmen. Der Nahverkehrsverbund für die Hauptstadt, die "Wiener Linien", die österreichische Bahn "ÖBB", aber auch der Telekommunikationskonzern "Magenta" haben ihre Unterstützung zugesagt.

Sperrstunde sorgt für Ärger

Kurz vor dem Jahreswechsel drückt allerdings die verordnete landesweite Sperrstunde um 22:00 die Stimmung. Um 24:00 Uhr werden die Sektkorken nur in privaten Räumen oder in den Hotelzimmern knallen. Gemeinsame Partys in Gasthöfen sind verboten. Die Kritik richtet sich gegen den grünen Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein. Der hatte die vorgezogene Sperrstunde auf Empfehlung eines neuen Beratungsgremiums verhängt.

Zum Ärger der Hoteliers und Gastronomen. Sie nennen die Regel "Wahnsinn" oder "Desaster" und werfen dem Minister vor ihre "Existenzen aufs Spiel" zu setzen. Die Forderung aus der Branche: Die Silvester-Sperrstunde soll erst ab 1 Uhr nachts gelten.

Feiern in Bayern?

Hotels und Gasthäuser befürchten wegen der frühen Sperrstunde Stornierungen, weil Gäste keine Lust auf eine einsame Party im Hotelzimmer hätten. Womöglich, so die Vermutung, steigen die Silvesterfeiern nun in Bayern oder in Südtirol, wo das möglich ist. Besonders betroffen sind vor allem die Skigebiete, die traditionell von deutschen Urlaubern aufgesucht werden: Das Salzburger Land, die Arlberg-Region und in erster Linie Tirol.

Dort appelliert man an die Einsicht des Gesundheitsministers. Der Tiroler ÖVP-Landeshauptmann Günther Platter spricht von einer "Hau-Ruck-Aktion" und nennt die Entscheidung des Gesundheitsministers überfallartig. Den "Kampf gegen die Pandemie und Omikron" werde das aber "nicht weiterbringen". Hoteliers sprechen auch deswegen von einer absurden Regel, Hotelgäste den ganzen Tag ohne Probleme im Sauna- und Wellnessbereichen verbringen dürften, am Abend aber auf Distanz gehen müssten.

Branche warnt vor existenziellen Problemen

Wirte und Hoteliers fürchten nun, die frühe Sperrstunde an Silvester könne die wirtschaftliche Lage noch verstärken. Nach einer aktuellen Umfrage unter 600 Beherberbungsbetrieben gebe es bei den Übernachtungen mindestens ein Minus von 10 bis 20 Prozent. Schon an Weihnachten hätten die Buchungen 30 bis 40 Prozent unter dem üblichen Niveau gelegen. Die Wirtschaftskammer Österreich (WKO) gibt die wegen der Silvesterregelung drohenden Einnahmeausfälle für die gesamte Branche mit 40 bis 50 Millionen Euro an.

Virologen haben Zweifel an den Maßnahmen

Obwohl die vorgezogene Sperrstunde vom neuen Beratungsgremium der österreichischen Bundesregierung empfohlen wurde, gibt es auch kritische Stimmen. So hält die Virologin Monika Redlberger-Fritz von der Uni Wien die vorgezogene Sperrstunde für wenig effizient. Die Regel, so die Medizinerin, werde so gut wie keinen Einfluss auf die Erkrankungszahlen haben.

Die österreichische Bundesregierung will die Sperrstunden-Regelung aber nicht mehr infrage stellen. Bundeskanzler Nehammer erklärt Richtung Gastronomie-Branche, es gehe wegen der Omikron-Variante darum, Menschen zu schützen. Darum bleibe man bei der eingeschlagenen Linie. Und ÖVP-Wirtschaftsministerin Margarethe Schramböck verweist auf das Beratungsgremium. Deren Vorschläge würden jetzt umgesetzt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Dezember 2021 um 05:20 Uhr.