Menschen auf einer Straße in London | REUTERS

Ethnische Minderheiten in Großbritannien Appelle gegen die Impfskepsis

Stand: 20.02.2021 11:14 Uhr

Die Impfbereitschaft in Großbritannien ist hoch - allerdings nicht überall. Vor allem ethnische Minderheiten sind skeptisch. Sie sollen nun durch prominent besetzte Videoclips motiviert werden. 

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

Promis, die ethnischen Minderheiten angehören, werben für die Covid-19-Impfung: Es sind Videobotschaften, die speziell für die sogenannten BAME-communities produziert wurden. BAME steht für "Black, Asian and minority ethnic", also Schwarze, Asiaten und andere ethnische Minderheiten in Großbritannien. Die Clips klären unter anderem darüber auf, dass der Impfstoff keine Substanzen vom Schwein enthält.

Imke Köhler ARD-Studio London

Obwohl die ethnischen Minderheiten in Großbritannien besonders stark unter Covid-19 leiden und überproportional viele Tote zu beklagen haben, lassen sich viele Angehörige dieser BAME-Gruppen nicht impfen.

Viele haben zerrüttetes Verhältnis zum Staat

Prinz Charles bezeichnet es als Tragödie, "dass die Vorteile dieser Errungenschaft nicht von allen wahrgenommen werden". So ist bei den über 80-Jährigen in England die Impfquote bei Schwarzen nur rund halb so hoch wie bei Weißen. Als wesentlicher Grund dafür gilt, dass viele Angehörige der BAME-Gruppen, die immer wieder Diskriminierung erleben, ein zerrüttetes Verhältnis zum Staat haben. 

Imam Qari von der Mekka-Moschee in Leeds bekommt das immer wieder zu hören: "Ich habe festgestellt, dass die jungen Leute den öffentlichen Stellen nicht trauen. Sie sorgen sich nicht darum, ob der Impfstoff sicher ist oder nicht - sie vertrauen der Quelle dahinter nicht." Er habe realisiert, dass es in dieser Pandemie genauso wichtig sei, von wem eine Botschaft komme wie die Botschaft selbst.

Auch ein Pastor berichtet, dass sich das Misstrauen dem Staat gegenüber in seiner Gemeinde über viele Jahre aufgebaut habe und nun tief verwurzelt sei. Ereignisse wie der Windrush-Skandal, bei dem die britische Regierung Immigranten nach Jahrzehnten plötzlich abschieben wollte, trugen dazu bei; ebenso die Grenfell-Tower-Katastrophe, der Hochhausbrand in London 2017, bei dem 72 Menschen ums Leben kamen, weil die Fassade mit brennbarem Material verkleidet war. Die Opfer waren überwiegend Menschen mit Migrationshintergrund.

Angst vor "Experimenten"

Durch Skandale dieser Art sieht sich die BAME-Bevölkerung darin bestätigt, dass sich die Regierung für ihr Wohlergehen nicht wirklich interessiert. Das bietet Fake News und Verschwörungstheorien in den sozialen Medien einen zusätzlichen Nährboden.

Hinzukommt, wie der Historiker David Olusoga erklärt, dass die BAME-Communities fürchten, als Versuchskaninchen missbraucht zu werden: "Es ist in der Geschichte mit schwarzen und nicht-weißen Menschen experimentiert worden. Wir dürfen nicht vergessen, dass erst im letzten Jahr zwei französische Wissenschaftler vorgeschlagen haben, die Covid-Impfstoffe in Afrika an Afrikanern auszuprobieren. Die Falschinformationen, die auf dem Markt sind, basieren auf der dunklen Vergangenheit." Dies ändere jedoch nichts an der Tatsache, dass Impfstoffe Leben retten und deswegen angenommen werden müssten, fügt Olusoga hinzu.

Die britische Regierung arbeitet inzwischen mit Gemeindeleitern, geistlichen Leitern und mehrsprachigen Vermittlern zusammen, um die ethnischen Minderheiten besser zu erreichen. Und auch die Promis sollen in ihren Video-Clips aufklären und zur Impfung ermutigen.

 

 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 20. Februar 2021 um 12:09 Uhr.