Eine Schublade mit der Aufschrift "Gurlitt". | Kunstmuseum Bern

Beutekunst-Debatte in der Schweiz Zurückgeben oder weiter ausstellen?

Stand: 29.12.2021 08:43 Uhr

Der Streit über den Umgang mit in der NS-Zeit geraubter Kunst hat die Schweizer Regierung erreicht: Sie fordert nun eine Historikerkommission. Die großen Kunsthäuser des Landes gehen längst unterschiedliche Wege.

Von Joachim Görgen, ARD-Studio Genf

Fast täglich melden Schweizer Medien neue Entwicklungen im Streit über NS-Raubkunst in den Museen. Vor allem der Streit über die Sammlung Bührle, eine der bedeutendsten privaten Kunstsammlungen, nimmt laut der "Neuen Zürcher Zeitung" "bizarre Formen" an. Bis heute ist die Herkunft vieler der 203 Gemälde in der Sammlung Emil Bührle, die dort gezeigt wird, nicht geklärt. Während des Zweiten Weltkriegs hatte der Schweizer Waffenhändler deutscher Herkunft seine NS-Kontakte genutzt, um geraubte Bilder aus jüdischem Besitz zu erwerben. Auch nach 1945 kaufte er im großen Stil Raub- und Fluchtgut. Im Raum steht der Vorwurf mangelnder Transparenz der Stiftung Bührle gegenüber der Öffentlichkeit.

Jüngst forderten die Erben des jüdischen Kaufmanns Max Emden das Monet-Gemälde "Mohnblumenfeld" zurück: Emden habe das Bild in einer "politisch bedingten finanziellen Notlage" verkaufen müssen. Dem widerspricht die Bührle-Stiftung auch in diesem Fall.

In einer aufsehenerregenden Pressekonferenz Mitte Dezember hatte der scheidende Direktor der Bührle-Stiftung, Lukas Gloor, behauptet: Von "verfolgungsbedingtem Entzug" von Kulturgut könne man in der Schweiz nicht grundsätzlich ausgehen. Es habe während des Zweiten Weltkriegs auch "einen ganz normalen Kunsthandel" gegeben. Und überhaupt, in der Schweiz seien Juden nie vom Staat verfolgt worden.

Limbach-Kommission als Vorbild

Kulturminister Alain Berset fordert eine unabhängige Historikerkommission, die in möglichen Streitfällen mit den Erben schlichten soll. Damit vollzieht der Sozialdemokrat eine Kehrtwendung. Denn bisher wollte die Vier-Parteien-Koalition in Bern von einer Schlichtungsstelle nach dem Vorbild der deutschen Limbach-Kommission nichts wissen.

An die von der ehemaligen Verfassungsrichterin Jutta Limbach gegründete "Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz" können sich Erben jüdischer Kunstsammler wenden, wenn ihrer Ansicht nach Kunstobjekte ihrer Familie in einem deutschen Museum befinden. Die Kommission prüft dann die historischen Fakten und unterbreitet beiden Seiten einen Vorschlag. Fast immer kam es bislang auch zu einer gütlichen Einigung. Die Gemälde wurden entweder der Familie zurückgegeben oder ihr aktueller Marktwert erstattet.

Gurlitt-Sammlung fiel an Bern

Das Kunstmuseum Bern ist aus eigener Initiative bereits genauso vorgegangen: Fast zehn Jahre nach dem spektakulären Kunstfund in der Münchner Privatwohnung von Cornelius Gurlitt will es einige Kunstwerke an die rechtmäßigen Erben zurückgeben.

Gurlitts Vater Hildebrand Gurlitt war ab 1943 Einkäufer für das geplante "Führermuseum" in Linz - und legte dabei heimlich eine eigene Sammlung an. Insgesamt hinterließ er seinem Sohn rund 1600 Kunstwerke. Bevor Cornelius Gurlitt 2014 starb, hatte er seine Sammlung dem Kunstmuseum Bern vererbt.

In den seitdem vergangenen Jahren haben die Berner die Herkunft der Bilder aus der Gurlitt-Sammlung erforscht. Jetzt wollen sie die beiden Werke von Otto Dix, "Dompteuse" und "Dame in der Loge", an die Erbengemeinschaft Ismar Littmann und Paul Schäfer zurückgeben. Dies soll erst der Anfang sein: Weitere 36 Werke sollen ebenfalls restituiert werden.

Otto Dix Werke "Dame in der Loge" und "Dompteuse". | Kunstmuseum Bern

Die beiden Dix-Werke "Dame in der Loge" und "Dompteuse", die zur von Gurlitt gehorteten Kunst zählen. Bild: Kunstmuseum Bern

Auch bei Erkenntnislücken entscheiden

Mit seinem Vorgehen unterscheidet sich das Kunstmuseum Bern deutlich vom Verhalten des Kunsthauses Zürich - denn bei den jetzt angekündigten Rückgaben ist die Rechtslage keineswegs eindeutig.

Bislang wurde bei lückenhaften Erkenntnissen in aller Regel weitergeforscht und nicht entschieden. Aber so soll es nicht weitergehen: Das Museum will dennoch Bilder zurückgeben. "Wir wollen auch bei lückenhaften Erkenntnislagen entscheiden, sofern keine substantiellen Forschungswege mehr offenstehen. Auch weil die Wahrscheinlichkeit für klare Forschungsergebnisse immer kleiner wird", fassen Marcel Brülhart, der Stiftungsrat und Verantwortliche für das Gurlitt Dossier, und Nina Zimmer, die Direktorin des Kunstmuseums Bern, ihre Position zusammen.

Das Kunstmuseum Bern hatte deshalb schon seit 2015 die Einsetzung einer unabhängigen Kommission gefordert und begrüßt die aktuelle Diskussion um historische Verantwortung ausdrücklich - auch, wenn es um die neutrale Schweiz als Kunsthandelsplatz und Drehscheibe für Kulturgüter geht.

Über dieses Thema berichtete die ARD in der Sendung "Europamagazin" am 24. Oktober 2021 um 12:45 Uhr.