Im britischen Parlament sitzen Außenminister Raab (2.v.l., Premierminister Johnson (3.l.) und Verteidigungsminister Wallace (2.v.r.) während einer Afghanistan-Debatte nebeneinander auf einer Bank | AFP

Großbritannien und die USA Nur noch ein Land von vielen

Stand: 07.09.2021 11:43 Uhr

Der chaotische Abzug aus Afghanistan hat Großbritannien vor Augen geführt: Es ist keine Supermacht mehr und wird auch von den USA nicht bevorzugt behandelt. Das trifft vor allem die Befürworter des Brexits.

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Der Schrecken sitzt noch tief. Die letzten Tage der britischen Armee in Afghanistan sind längst noch nicht aufgearbeitet. Im Unterhaus debattierten gestern die Abgeordneten über die Evakuierung durch die britische Armee.

Christoph Prössl ARD-Studio London

15.000 Briten und afghanische Hilfskräfte und Soldaten wurden außer Landes geschafft, tausende zurückgelassen. Premierminister Boris Johnson habe die Lage völlig unterschätzt, trotz der Warnungen der Geheimdienste, sagte Oppositionsführer Keir Starmer.

Noch ist die politische Debatte geprägt von den Schuldzuweisungen, wer denn nun verantwortlich sei für den überhasteten Abzug und politisches Versagen. Außenminister Dominic Raab ist unter Druck, unter anderem, weil er noch im Urlaub verweilte, als sich die Katastrophe abzeichnete, und er es seinem Stellvertreter überließ, mit dem afghanischen Außenministerium zu telefonieren. Tausende Mails mit Hinweisen zu afghanischen Hilfskräften blieben unbeantwortet.

Der britische Außenminister Raab beim Verlassen des Amtssitzes des Premierministers in der Londoner Downing Street | AFP

Seine Reaktion auf die Afghanistan-Krise könnte Außenminister Raab das Amt kosten, spekuliert die britische Öffentlichkeit. Bild: AFP

Die Beziehungen haben sich geändert

Doch längst werden Stimmen laut, die deutlich machen: Das Problem ist viel größer. Es geht um den Kern der britischen Außenpolitik. Der rasche Abzug der Amerikaner, nicht abgesprochen mit den Briten, macht deutlich: Die USA sind längst nicht mehr der verlässliche Partner, der sie einmal waren.

Boris Johnson wollte US-Präsident Joe Biden vor den Gesprächen im Kreise der Staats- und Regierungschefs der G7 überzeugen, den Abzug zu verzögern - was nicht gelang. Die Enttäuschung auf britischer Seite war groß und machte deutlich: Die Idee, sich außenpolitisch stärker an die USA anzulehnen und mit diesem starken Partner gemeinsame Politik zu machen, ist keine Strategie.

Doch keine Supermacht?

Einer, der das schon früh erkannte, ist Verteidigungsminister Ben Wallace. Er sinnierte in einem Interview darüber, dass Großbritannien vielleicht gar keine Supermacht sei, und kritisierte gleichzeitig die USA. An anderer Stelle schlug er vor, mit Frankreich zusammenzuarbeiten, beispielsweise in afrikanischen Ländern, die von Extremisten belagert werden.

Die Mitglieder des Auswärtigen Ausschusses im Unterhaus haben eine Untersuchung über den Abzug angesetzt und wollen auch die Neuausrichtung der Außenpolitik debattieren.

Blair erklärt die Lage

Tony Blair, ehemaliger Premierminister und einst Vorsitzender von Labour, sagte gestern bei einer Podiumsdiskussion, die US-Regierung habe deutlich gemacht, dass sie Militäreinsätze wie in Afghanistan längst nicht mehr unterstützen werde.

Diese Krise war an der Türschwelle Europas. Und Europa sieht sich mit der Destabilisierung in der Sahel-Region konfrontiert. Und Europa spürt längst die Auswirkungen von Libyen und Syrien. Und in diesem Zusammenhang ist Großbritannien ein Teil Europas - ob sie es mögen oder nicht.
Britische und US-amerikanische Soldaten bei Evakuierungseinsatz im August 2021 am Flughafen Kabul | AFP

Auch Großbritannien beteiligte sich an dem Evakuierungseinsatz in Kabul - der Ablauf hatte jedoch ein parlamentarisches Nachspiel. Bild: AFP

Die Nachwirkung der Brexit-Kampagne

Inwiefern die britische Regierung die Außenpolitik neu kalibriert, ist offen. Medien spekulieren, dass es schon bald einen neuen Außenminister geben könnte.

Gegen einen grundlegenden Neuanfang spricht, dass die Brexiteers um Johnson stets argumentiert hatten, dass Großbritannien allein viel besser segeln könne. In der britischen Presse wird zusammengetragen, dass nun eine Reihe Besuche britischer Politiker in den USA anstehen - nach den Corona-Restriktionen.

Sechs Minister planen demnach Dienstreisen, Johnson auch. Es gehe darum, die Beziehungen zu glätten. Biden habe eine Reihe Staatsoberhäupter und Regierungschefs bereits empfangen, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, schreibt der Londoner "Daily Telegraph". Und es klingt ein wenig nach der Anerkennung, die der Besuch Johnsons symbolisieren würde und die der britische Partner so dringend sucht.