Ein Tankwagen wird im Öllager Buncefield befüllt. | dpa

Großbritannien Lieferkrise setzt Johnson unter Druck

Stand: 04.10.2021 12:57 Uhr

Obwohl die Armee nun Tankstellen beliefert, wird die Kraftstoff-Krise in Großbritannien anhalten - sehr zum Ärger der Industrie. Premier Johnson erklärte, das seien Geburtswehen der neuen Post-Brexit-Wirtschaft.

Von Gabi Biesinger, ARD-Studio London

Wenn es um Lieferengpässe und Spritmangel geht, verweist die britische Regierung gerne darauf, dass nicht nur in Großbritannien 100.000 Lkw-Fahrer fehlen, sondern dass es in anderen europäischen Ländern ähnliche Probleme und Konsequenzen gäbe.

Gabi Biesinger ARD-Studio London

Doch das sei schlicht falsch, informierte BBC-Moderator Andrew Marr Premierminister Boris Johnson in seiner Sendung: "Wir haben mit den Tankstellen-Verbänden in Frankreich, Polen, Deutschland, Italien, Holland und Spanien gesprochen. Kein EU-Land hat solche Probleme wie wir, nicht einmal Nordirland. Warum gibt es die hier?" Das habe mit der besonderen Nachfrage zu tun, versuchte Johnson sich herauszureden.

"Das sind keine Panikkäufe"

Diese Schuldzuweisung der Regierung, die weiterhin den Medien vorwirft, sie hätte mit der Berichterstattung Panik erzeugt und zu Hamsterkäufen an den Tankstellen ermuntert, macht Tankstellenbesitzer David Charmon wütend.

Seine Tankstelle in West Malling in Kent habe vergangene Woche nur die Hälfte der üblichen Spritmenge bekommen. Und obwohl am Wochenende schon Militärpersonal übungsweise Kraftstoff an seine Zapfsäulen geliefert hatte, seien seine Tanks wieder leer. "Das sind keine Panikkäufe. Die Leute haben lange gewartet und haben schlicht keinen Sprit mehr, um zur Arbeit zu kommen", sagte er.

Er und seine Angestellten müssten oft Autos in den Schlangen zur Zapfsäule schieben, weil sie leer seien. In den letzten Monaten sei sein Betrieb so gerade über die Runden gekommen. "Wegen des Mangels an Lkw-Fahrern konnten wir nicht den üblichen Vorrat für zwei Tage in unseren Tanks halten und als dann die Situation kippte, wurde die Lage sehr schnell sehr kritisch."

Fleischindustrie klagt über Notschlachtungen

Seit heute sind nun auch Soldaten im Einsatz, um bei der Versorgung mit Sprit zu helfen. Kritisch ist die Lage auch in anderen Sektoren. Es gibt weiterhin Nachschub-Probleme in Supermärkten. Die Fleischindustrie warnte, dass in den kommenden Wochen Zehntausende Schweine gekeult und verbrannt werden müssten, weil sie nicht zu den Schlachthöfen transportiert werden könnten und dort außerdem Mitarbeiter und Metzger fehlten.

"Wir haben noch nie eine Notschlachtung gesunder Tiere in diesem Ausmaß erlebt. Das ist ein Desaster, die Bauern möchten das Land mit Nahrung versorgen und erfüllen dabei hohe Standards. Hier muss eine schnelle Lösung her", sagte Minette Batters von der Landwirtschaftsgewerkschaft NFU.

Regierung will Lohnniveau heben

Premierminister Johnson fiel dazu nichts anderes ein als zu sagen, dass in der Lebensmittelindustrie nun mal Tiere getötet werden. Für bestimmte Sektoren will die Regierung nun vorübergehend befristete Arbeitsvisa an EU-Arbeitskräfte ausgeben. Einer generellen Lockerung der nach dem Brexit verschärften Einwanderungspolitik erteilte Johnson aber eine Absage: Man wolle nicht wieder unkontrolliert Niedriglöhner ins Land lassen.

Stattdessen wolle man das Lohnniveau heben und die britische Wirtschaft umbauen. "Seit zehn Jahren haben wir stagnierende Löhne. Die Menschen wollen mehr verdienen, um ihren Lebensstandard zu verbessern. Genau das haben sie mit dem Brexit gewählt", sagte die ehemalige Wirtschaftsminsterin Andrea Leadsome am Rande des Parteitags der Konservativen in Manchester. Die Löhne würden nun steigen und Unternehmen investieren. "Das ist gut und wird neue Arbeitsplätze schaffen."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. Oktober 2021 um 12:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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SinnUndVerstand 04.10.2021 • 21:35 Uhr

@ 20:41 von weingasi1

Möglicherweise werden Sie es anzweifeln, aber ja: Ich halte das britische Wahlrecht für unausgewogen und mit meinem Verständnis von Stimmengerechtigkeit nur schwer vereinbar, egal ob in GB die Tories, Labor oder jemand anders profitiert.