Statue "Surge of Power" in Bristol | NEIL HALL/EPA-EFE/Shutterstock

Britische Kolonialgeschichte Bristol stellt sich der Vergangenheit

Stand: 09.04.2021 04:46 Uhr

Der Sturz einer Sklavenhändler-Statue brachte vieles ins Rollen: Bristol und andere Städte wollen ihre Kolonialgeschichte aufarbeiten. An Initiativen mangelt es nicht - aber es geht nur langsam vorwärts.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

Es ist nicht so, dass es gar keine Bemühungen in Großbritannien gäbe, die koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten. Es gibt Ausstellungen in Museen, und es gibt jedes Jahr im Oktober den "Black History Month" an Schulen.

Imke Köhler ARD-Studio London

Der britische Journalist und Autor Sathnam Sanghera, der vor Kurzem das Buch "Empireland" veröffentlich hat, sieht aber gerade bei den Lehrplänen noch großen Nachholbedarf:  

Als Land nehmen wir den Ersten und den Zweiten Weltkrieg im Unterricht durch und die Tudors - und das hilft uns zu vergessen, dass wir mit Blick auf das Empire bewusste Verfechter einer weißen Vorherrschaft waren. Der aktuelle Rassismus erklärt sich zu einem großen Teil durch unsere Geschichte. Ich glaube, dass das wichtig ist.

Auch Alice Procter ist der Meinung, dass Großbritanniens Umgang mit seiner Geschichte unvollständig und daher nicht ehrlich ist. Procter, die Kunstgeschichte studiert hat, bot vor der Corona-Pandemie "Uncomfortable Art Tours" an: Führungen durch Museen, bei denen sie darlegt, welche Rolle der Kolonialismus für die nationalen Sammlungen gespielt hat und bei welchen Exponaten die Beschriftung geändert werden sollte, weil es sich nicht um Schenkungen, sondern um Kriegsbeute handelt. 

Gremien überarbeiten Statuen und Straßennamen

Dass bei der Aufarbeitung und Vergangenheitsbewältigung noch deutlich mehr passieren müsste, meinen auch viele Historiker. "Ich finde, Großbritannien ist sehr langsam, wenn es darum geht, sich kritisch mit dem transatlantischen Sklavenhandel und der Geschichte des Kolonialismus auseinanderzusetzen", sagt Professor Tim Cole an der Universität Bristol. "Ich persönlich befasse mich als Historiker mit dem Holocaust, und es trifft mich, wie viel intensiver sich Deutschland mit seiner dunklen Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Ich glaube nicht, dass Großbritannien das in dieser Weise jemals tun wird." 

Cole steht der "We Are Bristol History Commission" vor, einer Kommission, die die Stadtverwaltung in Bristol im vergangenen Jahr einsetzte, nachdem "Black Lives Matter"-Demonstranten die Statue des ehemaligen Sklavenhändlers Edward Colston umgerissen und ins Hafenbecken gestoßen hatten. Viele Städte lassen seither von Expertengremien prüfen, welche Statuen und Straßennamen gegebenenfalls entfernt werden sollten.

Die Statue von Edward Colston fällt in Bristol ins Wasser und wird dabei von vielen Menschen gefilmt. | KEIR GRAVIL via REUTERS

Unter großem Beifall wurde im vergangenen Juli in Bristol das Colston-Denkmal in den Bristoler Hafen gestürzt - für viele Bewohner der Stadt ein notwendiger Akt in der Auseinandersetzung mit der britischen Geschichte. Bild: KEIR GRAVIL via REUTERS

Ziel: Die Vergangenheit aufarbeiten

In Bristol soll die Colston-Statue im M Shed-Museum am Hafen ausgestellt werden - mit umfangreichen Erklärtafeln. Die Kommission will aber vor allem den Dialog mit der Bevölkerung. "Wir hoffen, dass dann, wenn die Museen wieder öffnen, die Leute kommen werden, um die Statue zu sehen. Und dann werden wir mit den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt das Gespräch suchen, was sie fühlen und wie sie über die Statue denken und was mit ihr passieren soll", sagte Cole. "Wir als Kommission werden dann diese Gefühle, Gedanken und Ideen zusammenfassen und sie dem Bürgermeister und dem Stadtrat vorstellen, damit auf dieser Grundlage beraten und gehandelt werden kann."

In Bristol soll es aber nicht bei der Überprüfung von Statuen und Straßennamen bleiben. Die Arbeit der Kommission ist auf drei Jahre angelegt und Ziel ist, zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern im großen Maßstab die Vergangenheit der Stadt aufzuarbeiten. 

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 19. September 2020 um 06:25 Uhr.