Das Alpaka Geronimo schaut in Wooton Under Edge (Großbritannien) in eine Kamera | AP

Großbritannien Geronimo soll leben

Stand: 28.08.2021 09:22 Uhr

Vor Jahren wurde Alpaka Geronimo positiv auf die ansteckende Rindertuberkulose getestet, nun soll es eingeschläfert werden. Dagegen protestieren Zehntausende Briten - ihnen geht es dabei um mehr als das Schicksal Geronimos.

Von Gabi Biesinger, ARD-Studio London

Die Welt kann per Webcam dabei zugucken, wie Alpaka Geronimo auf seiner Weide in der Grafschaft Gloucestershire grast. Das achtjährige Tier wirkt unbeeindruckt, als wisse es nichts von der ganzen Aufregung um seinen Fall. Ob die Kameras auch anbleiben dürfen, wenn Geronimos Todeskommando anrücken sollte, ist unklar. Jeden Moment könnte ein staatlich bestellter Veterinär eintreffen, um dem Tier die tödliche Spritze zu setzen. Nach einer finalen Gerichtsentscheidung und Ablauf einer Gnadenfrist, sitzt Besitzerin Helen Macdonald auf heißen Kohlen.

Gabi Biesinger ARD-Studio London

Bereits vor vier Jahren wurde Geronimo mit Hauttests positiv auf Rindertuberkulose getestet. Doch die ausgebildete Tierpflegerin Macdonald, die das Tier damals aus Neuseeland holte, ist der Meinung, das hinge mit einer Behandlung in seiner alten Heimat zusammen. Sie fordert einen präziseren Bluttest und meint, das Tier hätte sicher nicht vier Jahre lang putzmunter überlebt und niemanden angesteckt, wenn es krank wäre.

Renommierte Tierärzte unterstützen Macdonald jetzt und fordern "Science not Slaughter" - Geronimo sollte wissenschaftlich untersucht und nicht getötet werden.

"Nochmal testen und nicht töten" - das forderte auch ein Pulk von Tierfreunden, der unlängst durchs Londoner Regierungsviertel zog. Mit welch heiligem Ernst die Debatte in Großbritannien, dem Land der Tierliebhaber geführt wird, zeigen auch Plakate mit Aufschriften wie "Alpakas lives matter", die offenbar den verqueren Fall einer Tierrettung gleichsam auf Augenhöhe mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung hieven sollen.

Alpaka Geronimo steht auf einer Weide in Wooton Under Edge (Großbritannien) hinter einem Banner, das "Wissenschaft statt Schlachtung" fordert | AP

"Wissenschaft statt Schlachtung" fordert das Plakat vor der Wiese, auf der sich Alpaka Geronimo womöglich über all die Aufregung wundert. Bild: AP

Mehr als 100.000 Briten machen sich stark

Mehr als 140.000 Menschen haben inzwischen eine Petition zugunsten des Alpakas unterschrieben und Premierminister Boris Johnson aufgefordert, den Fall Geronimo zur Chefsache zu machen. Der regte sich bisher nicht, aber sein Vater Stanley, bekannt dafür, mit seinem Sohn nicht immer einer Meinung zu sein, engagiert sich für das Alpaka, schrieb an den Premier, seinen Sohn und den Umweltminister und gab Interviews:

“Man darf diesen Fall nicht unterschätzen, ich komme selbst aus der Landwirtschaft. Ich weiß, wie hart das ist, wenn Bauern wegen solcher Seuchen ihre Herden keulen müssen. Aber trotzdem sollte Geronimo noch mal anders getestet werden, das scheint mir nur vernünftig.

Rindertuberkulose bereitet britischen Landwirten große Probleme, zumal die Erreger auf Menschen überspringen können. "Jede Woche müssen allein in England 500 Rinder aus Herden entfernt werden, um die Ausbreitung zu stoppen", schrieb Umweltminister George Eustice vor kurzem in einem Zeitungsartikel. Und deshalb bleibt das Umweltministerium hart. Jeder Landwirt müsse mit solchen Tragödien und Verlusten klarkommen, meint Eustice.

Auf einer Wiese in Wooton Under Edge (Großbritannien) campieren Unterstützer des Alpaka Geronimo | dpa

Geronimos Unterstützer sind um keine Losung verlegen. Sie stellen fest, "Alpaka Lives Matter" und rufen eine "Alpaka Liberation Front" aus. Bild: dpa

Gibt es eine schlüssige Strategie?

Aber genau diesen Umgang mit der Landwirtschaft möchte Helen Macdonald mit ihrem Widerstand anprangern. Es gebe keine schlüssige Strategie, um Rindertuberkulose wirksam zu stoppen, argumentiert sie. Lieber töte man im Verdachtsfall ganz Herden, obwohl sie gar nicht infiziert seien. Und dann würden die Landwirte anschließend finanziell im Stich gelassen.

Wir haben diese Tuberkulose-Problematik, und die Landwirte müssen mit den unzureichenden Tests leben, die das Standardverfahren sind. Unser Fall bringt dieses Problem an die Öffentlichkeit, wir brauchen zuverlässigere Tests, um kranke Tiere besser zu erkennen und gesunde besser vor Erkrankungen zu schützen.
Helen Macdonald führt in Wooton Under Edge (Großbritannien) das Alpaka Geronimo aus dem Stall. | AP

Ist Geronimo in Wahrheit kerngesund? Das glaubt seine Besitzerin Helen Macdonald und fordert einen genaueren Bluttest. Bild: AP

Ein Alpaka wird zum Symbol

Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass Geronimo so heißt, wie er heißt. Sein Namensgeber, der unbeugsame Apachenhäuptling, kämpfte gegen die Landnahme durch die Weißen in Nordamerika. Und auch Alpaka Geronimo ist zum Symbol für Kampf geworden - für den Kampf gegen nicht nachvollziehbare Landwirtschaftspolitik und in einem viel größeren Sinne inzwischen auch für den Kampf gegen eine Politik, die die Sorgen der Menschen vermeintlich nicht mehr hört und nicht mehr ernst nimmt.    

In einem Akt zivilen Ungehorsams hat Helen Macdonald nun übrigens andere Tiere ihrer schwarzen Alpaka-Herde zu Geronimo auf die Weide gestellt. So müsste das erwartete Vollstreckungskommando im Zweifel erst einmal herausrausfinden, welches der Tiere die tödliche Spritze bekommen soll. Aber die Besitzerin hat auch zugesagt, die Vollstreckung nicht zu behindern.

Über dieses Thema berichtete SWR3 am 28. August 2021 um 11:38 Uhr.