Designerin Shafi Qias neben ihrer Kreation: Einem Kleid mit tadschikischem Muster. | Anja Miller/ARD-Studio Rom
Weltspiegel

Leben nach der Flucht Von Moria in die "Vogue"

Stand: 04.07.2021 08:12 Uhr

Shafi Qias hat sich aus dem Flüchtlingslager Moria zur Designerin hochgekämpft. In ihrer Athener Wohnung näht sie Mode, die zeigen soll, "dass Grenzen fließend sind" - und schon in der "Vogue" zu sehen war.

Von Anja Miller, ARD-Studio Rom

Ein ungewöhnliches Fotoshooting in einem kleinen Park in Athen: Großstädtische Sommermode - kombiniert mit asiatischer Tradition. Shafi Qias hat diese Kreationen entworfen. Sie ist 35 Jahre alt und lebte lange im Flüchtlingscamp Moria. Geboren wurde sie in Afghanistan.

Anja Miller ARD-Studio Rom

Mit ihrer Familie hat sie eine unendlich lange Reise hinter sich. Aber jetzt hat sie ein wichtiges Ziel erreicht: ihre eigene Modekollektion. "Es war so schön! Ich fühle mich so gut jetzt. Die Models sahen so toll aus und waren so nett", schwärmt sie. "Ich habe immer davon geträumt, dass das passiert."

In einer kleinen Stadtwohnung schneidert Qias ihre Entwürfe und übernimmt Näharbeiten. Das hat sie schon mit 14 Jahren von ihrer Mutter gelernt. Heute sichert es ihr den Lebensunterhalt. Aber mit ihren Kleidungsstücken will die junge Frau mehr als nur Geld verdienen: Sie will eine Geschichte erzählen. "Dieses Kleid ist so wichtig für mich, weil ich zwei Kulturen in einem Kleidungsstück verbunden habe", erzählt sie. "Das Muster kommt aus der Heimat meiner Großeltern, Tadschikistan. Es hat lange Ärmel, aber mit einem Schlitz. Und eine Seite ist länger als die andere. Das gleiche unten. Die Europäer haben also ein kurzes Kleid, die Menschen aus meiner Heimat ein langes."

Shafi Qias (rechts im Bild) mit einem Model, das ihre Kreation trägt, beim Fotoshooting in Athen. | Anja Miller/ARD-Studio Rom

Shafi Qias (rechts im Bild) mit einem Model, das ihre Kreation trägt, beim Fotoshooting in Athen. Bild: Anja Miller/ARD-Studio Rom

Schneiderarbeiten finanzieren die Miete

Tausende Menschen aus unterschiedlichen Kulturen flüchten jedes Jahr auf die griechischen Inseln oder das Festland. Viele treffen sich tagsüber auf dem Viktoriaplatz in Athen. Shafi teilte dieses Schicksal anfangs - sie sprach kein Griechisch, war ohne Arbeit, hatte kein Zuhause.

Aber sie hatte Talent und genug Kraft, um weiterzukommen. Andere harren hier seit Jahren aus, wie ein Junge aus Afghanistan. "Wir sind vor zwei Jahren nach Griechenland gekommen, aber ich kann nicht in die Schule gehen. Ich lerne Englisch mit YouTube, aber das habe ich jetzt aufgehört und lerne Deutsch", erzählt er uns. 

Es gibt wenig Hilfe - selbst für diejenigen, die Asyl erhalten. Griechenland steckt selbst in einer schweren wirtschaftlichen Krise, junge Leute finden keine Arbeit. Manche schaffen es, ein eigenes Zimmer zu bekommen, doch ohne Job ist das kaum möglich. Der jungen Designerin Shafi Qias ist es gelungen: In einem der bunten Viertel Athens findet sie eine kleine Wohnung, kann durch ihre Schneiderarbeiten die Miete zahlen. Moria liegt hinter ihr. "Das war extrem traumatisch. Als wir planten, nach Europa zu gehen, hatte ich Träume von Europa", erinnert sie sich. "Aber nach drei Monaten in Moria dachte ich, ich lebe nicht mehr."

Kasia Maciejowska und Shafi Qias | Anja Miller/ARD-Studio Rom

Ihre Mentorin Kasia Maciejowska hat Qias geholfen, als Modedesignerin zu starten. Bild: Anja Miller/ARD-Studio Rom

Ein Mentoring-Programm half beim Start

In Frieden zu leben und kreativ zu sein, das ist ihr Lebenstraum. Und dabei half ihr die Organisation "Dila" in Athen. Kasia Maciejowska unterstützt Qias als Mentorin und hilft ihr, auf eigenen Beinen zu stehen. Mit Erfolg: Die erste Kollektion wurde schon in der griechischen "Vogue" gezeigt. "'Dila' verfolgt zwei Ansätze: die Frauen selbst zu unterstützen - und wir finden es auch wichtig, die Ästhetik, Stimmen und Visionen von Migrantinnen und Nicht-Europäerinnen in der Kultur zu verankern und ihnen eine Plattform zu geben", sagt Maciejowska. Das nächste Ziel der Organisation sei, ein eigenes Business und eine Marke aufzubauen. 

Shafi Qias hat ihre Chance in Griechenland ergriffen. Ob es einmal ihre Heimat wird, kann sie nicht sagen. Ihre Herkunft und ihre Vergangenheit will die junge Designerin jedenfalls nicht vergessen, sondern mitnehmen in ihr neues Leben - und zeigt das in den Farben und Formen ihrer Mode, die beide Kulturen miteinander verbindet. "Auch im echten Leben können wir zusammenleben, wir können zusammenarbeiten und die Welt gemeinsam gestalten", sagt sie. "Deswegen will ich mit meiner Mode zeigen, dass die Grenzen fließend sind." Wer sie erlebt, weiß, dass sie ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren wird.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag, 4. Juli, um 19.20 Uhr im ARD-"Weltspiegel".

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel im Ersten am 04. Juli 2021 um 19:20 Uhr.