Eine Feuerwehrfrau versucht ein Feuer in Afidnes, etwa 30 Kilometer von der griechischen Hauptstadt Athen entfernt, zu löschen. | dpa

Waldbrände am Mittelmeer "Unser Ende ist nahe"

Stand: 08.08.2021 11:04 Uhr

Griechenland, Türkei, Italien: Die Waldbrände in Südeuropa sind noch immer außer Kontrolle. Immer neue Brandherde verschärfen die Lage weiter. Nun sind Hunderte ausländische Hilfskräfte auf dem Weg in die Krisenregion.

Im Süden Europas ist kein Ende der Feuersbrünste in Sicht. Auf der zweitgrößten griechischen Insel Euböa ist die Lage nach Worten des Bürgermeisters der kleinen Hafenstadt Istiaia, Giannis Kotzias, katastrophal: "Wir sind allein. Unser Ende ist nahe", sagte er dem griechischen Nachrichtensender Skai.

Rund 600 Feuerwehrleute und zahllose Bürger waren dort im Einsatz. Die Anwohner versuchten, mit Traktoren Schneisen zu schlagen und das Übergreifen der Flammen auf ihre Häuser zu verhindern. In weiten Teilen ist der Strom ausgefallen und immer mehr Ortschaften werden evakuiert, während sich das Feuer den sechsten Tag in Folge über das dicht mit Pinien bewaldete Eiland frisst. Mehr als 2000 Menschen wurden bereits mit Schiffen in Sicherheit gebracht.

Ein Anwohner geht eine Straße auf der Insel Euböa entlang, während auf der zweitgrößten griechischen Insel des Landes ein Waldbrand tobt. | AFP

Ein Anwohner geht eine Straße auf der Insel Euböa entlang, während auf der zweitgrößten griechischen Insel des Landes ein Waldbrand tobt. Bild: AFP

"Man hat uns brennen lassen"

Die Verbitterung auf der Insel ist groß, weil sich die Löscharbeiten aus der Luft in den vergangenen Tagen auf den Norden Athens konzentriert hatten. So wurden auf Euböa heute erstmals seit Beginn der Brände Anfang der Woche massive Lufteinsätze gegen die Flammen geflogen. "Man hat uns brennen lassen", sagte ein Mann im griechischen Fernsehen.

Man habe keine andere Wahl gehabt, heißt es hingegen bei den Rettungskräften. "Wir konnten nicht überall sein. Man muss sich nur vorstellen, die Flammen im Norden Athens hätten sich auf dicht besiedeltes Gebiet ausgeweitet", sagte ein Feuerwehrmann.

Noch immer 64 aktive Brände

Auch Teile der Halbinsel Peloponnes stehen in Flammen. 70 Prozent der Gegend seien zerstört, sagte beispielsweise die Vizebürgermeisterin von Ost Mani im Süden der Halbinsel, Eleni Drakoulakou. "Es ist eine biblische Katastrophe."

Dagegen konnte das Feuer an den Ausläufern des Berges Parnitha nördlich von Athen zumindest eingedämmt werden. Doch die Wetterlage ist noch immer so, dass die Gefahr eines Wiederaufflammens der Brände groß ist.

Katastrophenschutzchef Nikos Hardalias sagte, die Feuerwehr habe es mit einer außerordentlich gefährlichen und schwierigen Lage zu tun, die es so noch nicht gegeben habe. In dieser Woche seien 154 Brände ausgebrochen, von denen 64 immer noch loderten.

Hunderte Helfer aus dem Ausland

Zunehmend erreichen auch Helfer aus dem Ausland Griechenland. Am Samstagabend kamen zwei Hubschrauber samt Besatzung aus Ägypten an. Hilfe wurde auch aus Polen, der Slowakei, Tschechien, Großbritannien, Katar und Kuwait zugesagt.

Auch Deutschland will 200 Feuerwehrleute und Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks schicken; heute sollen sich unter anderem knapp 60 Helfer aus Nordrhein-Westfalen auf den Weg nach Athen machen. Die Hilfe ist dringend nötig, die Einsatzkräfte und die Bewohner der betroffenen Regionen sind nach über einer Woche Dauereinsatz am Ende ihrer Kräfte.

100.000 Hektar Land in der Türkei bereits verbrannt

Auch in der Türkei waren sechs Brände weiterhin außer Kontrolle. Die Einsatzkräfte konzentrierten sich vor allem auf die westtürkische Provinz Mugla. Dort erschwerten Winde die Löscharbeiten. Ein schon unter Kontrolle geglaubtes Feuer in der Provinz Aydin wurde durch den Wind wieder entfacht. Im südtürkischen Antalya hat sich die Lage unterdessen entspannt.

In den Bergen der türkischen Gemeinde Köycegiz brennt es dagegen seit Tagen. Drei Dörfer mussten evakuiert werden. Landesweit sollen Experten zufolge bisher weit über 100.000 Hektar Land gebrannt haben.

Seit Beginn der Brände vergangene Woche wird immer wieder Kritik am Krisenmanagement der Regierung laut. Zu Beginn der Brände standen etwa kaum einsatzfähige Löschflugzeuge zur Verfügung. Mit Hilfe aus dem Ausland sind mittlerweile 16 Flieger und mehr als 50 Hubschrauber gegen das Feuer im Einsatz.

Feuerwehrleute kämpfen im türkischen Mulga gegen die Flammen. | dpa

Feuerwehrleute kämpfen im türkischen Mulga gegen die Flammen. Bild: dpa

Innerhalb des Landes machten sich Tausende Freiwillige aus anderen Landesteilen auf den Weg in die Krisengebiete, um beim Kampf gegen die Flammen zu helfen. Zudem unterstützten zahlreiche Nichtregierungsorganisationen Helfende und Bewohner. An den Rändern der Straßen, die in die Berge führen, bauten sie Stände mit Essen und Getränken auf.

Zur Brandursache wird weiter ermittelt. Ein Feuer in Marmaris sollen Kinder aus Versehen ausgelöst haben. In Bodrum waren vergangenen Donnerstag Medienberichten zufolge drei Menschen festgenommen worden, unter dem Verdacht, Zigarettenstummel aus dem Auto geworfen zu haben. Mindestens acht Menschen sind in der Türkei durch die Flammen ums Leben gekommen, Hunderte wurden verletzt.

Zwei Tote in Italien

Auch in Italien ist die Feuerwehr im Dauereinsatz. Dort meldeten die Einsatzkräfte am Samstagabend landesweit rund 800 Einsätze wegen Waldbränden; zwei Menschen sollen dort bei Feuern ums Leben gekommen sein. Allein auf Sizilien rückte die Feuerwehr 180 Mal aus. Die beliebte Urlaubsinsel war damit am stärksten betroffen.

Mehr als 100 Einsätze hatten die Retter zudem in Kalabrien im äußersten Süden Italiens und in Apulien an der Adria. In Kalabrien loderten die Flammen unter anderem in einem Nationalpark. Aus der Region meldete die Feuerwehr auch zwei Todesopfer, die bei den Waldbränden ums Leben kamen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 07. August 2021 um 23:20 Uhr.

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KOMMENTARE

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Margitt. 08.08.2021 • 11:47 Uhr

11:33 von DrBeyer

"Langer Rede kurzer Sinn: Ausnahmslos alle Menschen werden stark betroffen sein, also müssen auch ausnahmslos alle Menschen etwas dagegen tun. Und zwar die Industrieländer als fast alleinige bisherige Verursacher vorneweg." So ist es. Nur werden viele Industrieländer, auch Deutschland, viel zu spät, wenn überhaupt angemessen reagieren. Ich meine nun nicht dieses "Klimapäckchen", das man hier in 2018 als Alibi für die sooo gute Klimapolitik unserer Regierung beschlossen hatte. Ich meine echte Reaktionen, die dann den Bürgern auch viel mehr abverlangen, als diese homöopathischen Beschlüsse. Ich bin gespannt, wann die ersten Griechen oder Türken als Flüchtlinge sich auf den Weg nach Norden machen, um so der immer brutaler werdenden Hitze im Heimatland zu entgehen. Ich hätte Verständnis dafür. Der Klimawandel ist schon in einem Stadium, der die Einwohner der gesamten Erde bedroht. "Unser Ende ist nahe" ... das dürfte zutreffen. Wir hätten es verhindern können u. taten zu lange NICHTS