Menschen der Ortschaft Limni werden auf Fähren in Sicherheit gebracht  | REUTERS

Waldbrände am Mittelmeer "Eine biblische Katastrophe"

Stand: 07.08.2021 16:57 Uhr

Ein Ende der Waldbrand-Katastrophe am Mittelmeer ist nicht in Sicht. Besonders dramatisch ist die Lage weiterhin in Griechenland. Nach Kritik aus der Opposition soll nun auch aus Deutschland Hilfe kommen.

In Südeuropa und der Türkei brennen weiterhin zahlreiche Wälder. Besonders stark betroffen ist Griechenland. Auf der Insel Euböa wurden in der Nacht mehr als 1300 Menschen mit Fähren aus dem Küstenort Limni gebracht, weil es keine andere Fluchtmöglichkeit mehr gab. Seit Dienstag hatten sich die Flammen durch ein großes Gebiet von Pinienwäldern gefressen und das Meer erreicht. Die örtlichen Behörden sprechen von der größten Katastrophe auf der Insel seit 50 Jahren.

Fanis Spanos, der für Euböa zuständige Gouverneur von Mittelgriechenland, setzte über Facebook einen Hilferuf ab. "Das Feuer geht unvermindert weiter, es verbrennt Wälder und zerstört Häuser, es bedroht Menschenleben! Wir wollen endlich eine ernsthafte Anzahl von Löschflugzeugen, die wir seit dem ersten Tag fordern! Und mehr Löschzüge!"

Hoffnung für den Norden von Athen

Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es seit dem Morgen für den Norden von Athen. Dort konnten die Großbrände teilweise eingedämmt werden. "Erstmals können wir sagen, dass die Situation etwas besser ist. Es gibt aktuell nur noch zwei Feuerfronten", sagte Nikos Peppas, Vize-Gouverneur der Region Attika, dem Fernsehsender Skai. Es bestehe Hoffnung, die Brände bis zum Abend unter Kontrolle zu bringen.

Die vergangene Nacht sei "wirklich die Hölle, ein Albtraum" gewesen. "Wir haben gewaltige Anstrengungen unternommen, damit das Feuer nicht auf bewohntes Gebiet übergreift", sagte Pappas. Ein Brandhelfer kam dabei ums Leben. Die vielen tausend evakuierten Menschen könnten nun bald zurückkehren, sofern ihre Häuser nicht abgebrannt seien. "Aber das muss langsam und mit großer Vorsicht geschehen", sagte er. Jene, die in den vergangenen Tagen vor den Feuern flohen, wohnen momentan auf Staatskosten in Hotels oder bei Bekannten und Verwandten. In den vom Feuer betroffenen Gegenden gibt es vielfach noch keinen Strom und kein Wasser.

Feuerwehrleute stehen auf einer Straße, während im Hintergrund Flammen aus einem Wald im Dorf Kyrynthos im Norden der Insel Evia aufsteigen. | AFP

Feuerwehrleute im Dorf Kyrynthos im Norden der Insel Evia versuchen, die Flammen zu bekämpfen Bild: AFP

Kampf gegen 64 Brände

Ein weiterer Großbrand tobte im Süden des Peloponnes. 70 Prozent der Gegend seien zerstört, sagte die Vizebürgermeisterin des Ortes Ost Mani, Eleni Drakoulakou. "Es ist eine biblische Katastrophe." Östlich der antiken Stätte von Olympia sowie in den Regionen Magne und Messinia brannten Hunderte Hektar. Mehr als 5000 Einwohner und Touristen waren gezwungen, vor dem Feuer in Magne zu fliehen.

Die Situation in Athen bleibt gespenstisch. Wegen der starken Rauchbildung stinkt die ganze Stadt, am dritten Tag in Folge geht Asche nieder. Die Behörden riefen die Einwohner auf, alle Fenster zu schließen und nicht aus dem Haus zu gehen.

Katastrophenschutzchef Nikos Hardalias sagte, die Feuerwehr habe es mit einer außerordentlich gefährlichen Lage zu tun, die es so noch nicht gegeben habe. In dieser Woche seien 154 Brände ausgebrochen, von denen 64 immer noch loderten.

Unterstützung jetzt auch aus Deutschland

Die griechische Feuerwehr ist inzwischen am Rande ihrer Möglichkeiten. Unterstützung soll nun auch aus Deutschland kommen, nachdem die Bundesregierung vergangene Nacht Hilfe angeboten hat. "Derzeit bereiten sich Feuerwehrkräfte aus NRW, Hessen sowie das Technische Hilfswerk darauf vor, sich zügig mit Einsatzfahrzeugen nach Griechenland zu begeben, um dort die Waldbrandbekämpfung zu unterstützen", teilte das Bundesinnenministerium mit. Details zu Einsatzort, Abmarschzeitpunkt und Fahrtroute würde derzeit mit Griechenland abgestimmt.

Deutschland habe zusätzlich angeboten, die Waldbrandbekämpfung mit der Anmietung von geeigneten Hubschraubern mit der erforderlichen Traglast zu unterstützen. Ob der Einsatz der Hubschrauber von Griechenland angefordert werde, sei aber noch unklar.

Hilfsangebot nach Kritik der Opposition

Wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auf Twitter mitteilte, hat das Gemeinsame Melde- und Lagezentrum von Bund und Ländern mit dem EU-Zentrum für die Koordination von Notfallmaßnahme zwei "Module" für die Brandbekämpfung am Boden vermittelt. Weitere Hilfe sei in Abstimmung. Mit dabei sei die Feuerwehr Bonn mit 52 Einsatzkräften und 17 Fahrzeugen sowie ein Modul aus Hessen mit 164 Kräften und 27 Fahrzeugen. Der Landmarsch dauere rund drei bis vier Tage.

Oppositionsparteien im Bundestag hatten zuvor kritisiert, dass Deutschland den Griechen keine Hilfe angeboten hat. Zahlreiche Staaten hatten bereits etwa Löschhubschrauber für den Kampf gegen die Flammen nach Griechenland geschickt, beispielsweise die Ukraine, Zypern, Kroatien, Schweden und Israel.

Verdacht auf Brandstiftung

Die Ursache der Brände in Griechenland wird noch ermittelt. Katastrophenschutzchef Hardalias sagte, am Freitag seien drei Personen festgenommen worden, in zwei Fällen unter dem Verdacht der vorsätzlichen Brandstiftung, unter anderem nördlich von Athen.

Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis versprach im Hauptquartier der Feuerwehr in Athen eine rasche Wiederaufforstung der von den Bränden betroffenen Gebiete. "Wenn dieser albtraumhafte Sommer zu Ende ist, werden wir alle Schäden so schnell wie möglich beheben", sagte er gegenüber Reportern.

Griechenland leidet unter einer Hitzewelle, die die Temperaturen diese Woche auf bis zu 45 Grad getrieben hat.

Acht Tote in der Türkei

Große Hitze gibt es auch in Süditalien, auf dem Balkan und in der Türkei. Dort kämpfen Feuerwehrleute seit Tagen gegen Brände in fünf Provinzen. Mindestens acht Menschen starben bislang. Zehntausende mussten vor den Waldbränden fliehen. 13 Brände in sechs Provinzen sind nach offiziellen Angaben noch nicht unter Kontrolle. Besonders betroffen sind die Urlaubsregionen Antalya, Marmaris und Bodrum.

In der Provinz Aydin rund 70 Kilometer nordwestlich von Bodrum wurden mehrere Siedlungen evakuiert. Das berichten türkische Medien. Starker Wind habe die Flammen aus der Provinz Mugla Richtung Norden getrieben. Feuerwehrkräfte und auch zahlreiche Freiwillige seien im Einsatz. Forstminister Pakdemirli widersprach Meldungen der CHP-geführten Stadtverwaltung Milas in der Provinz Mugla. Die hatte erklärt, dass alle Brände in ihrem Bereich unter Kontrolle seien.

Nach offiziellen Angaben haben die Waldbrände am elften Tag mehr als die Hälfte der 81 Provinzen der Türkei erfasst. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu schreibt, rund 160.000 Hekar Fläche seien zerstört, etwa neunmal so viel wie in anderen Jahren.

Erdogan: Schlimmste Brände in der Geschichte

Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete die Brände als die schlimmsten in der Geschichte des Landes. Die Regierung steht zunehmend in der Kritik, zu langsam und unzulänglich auf die Bedrohung reagiert zu haben. Insbesondere der Mangel an Löschflugzeugen und -hubschraubern sorgt für Empörung. Die Türkei ist dadurch in großem Umfang auf Maschinen aus anderen Ländern angewiesen.

Oppositionspolitiker verwiesen auf Zahlen der Forstbehörde, wonach im ersten Halbjahr nur zwei Prozent der für die Bekämpfung von Waldbränden vorgesehenen Gelder in Höhe von umgerechnet rund 20 Millionen Euro tatsächlich eingesetzt wurden. Die Regierung macht dagegen die heimische Luftfahrtvereinigung verantwortlich, die die Löschflugzeugflotte trotz großzügiger Finanzausstattung nicht ausreichend gewartet habe. Rund 5250 Feuerwehrleute und mehr als 80 Hubschrauber, Flugzeuge und Drohnen sowie etwa 1000 Fahrzeuge seien zum Löschen im Einsatz, erklärte Erdogan auf Twitter.

Ein freiwilliger Helfer sitzt vor einem Waldbrand in der Türkei. | AFP

Ein erschöpfter freiwilliger Helfer ruht sich aus, während im Hintergrund Flammen aus einem brennenden Wald in der Nähe von Akcayaka, einer Stadt in der Provinz Mugla, aufsteigen. Bild: AFP

Not- und Krisenfall auf Sizilien ausgerufen

Auch im Süden Italiens kämpft die Feuerwehr seit Tagen gegen Brände. In Kalabrien wurden am Freitag nach einem Feuer zwei Tote gefunden. Die Regionalregierung von Sizilien rief wegen der Waldbrände für sechs Monate den Not- und Krisenfall aus. Seit Ende Juli brenne es auf Sizilien, und in den kommenden Wochen herrsche ein permanentes Risiko durch die außergewöhnliche Wetterlage auf Sizilien, begründete Regionalpräsident Nello Musumeci die Entscheidung.

Auf Sardinien eskaliert die Lage ebenfalls immer wieder. In der Provinz Oristano an der Westküste der Ferieninsel wüteten unlängst zahlreiche Waldbrände und richteten enorme Schäden an. Hinter vielen Bränden in Italien dürfte jedoch Brandstiftung stecken.

Mit Informationen von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 07. August 2021 um 11:00 Uhr.

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Moderation 07.08.2021 • 18:40 Uhr

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