Michail Gorbatschow (Archivbild vom 09.12.2016) | dpa

Tod Gorbatschows Im Westen verehrt, im Osten ungeliebt

Stand: 31.08.2022 09:25 Uhr

Michail Gorbatschow ist im Alter von 91 Jahren gestorben. In der Heimat öffnete er die Sowjetgesellschaft mit Perestrojka und Glasnost, doch vor allem im Westen wurde er als "Gorbi" von den Massen bejubelt: Ein Rückblick auf das bewegte Leben des letzten Sowjetchefs.

Von Ina Ruck, ARD-Studio Moskau

Er war ein tragischer Held: Michail Sergejewitsch Gorbatschow, der letzte Sowjetchef. Verehrt im Westen, doch zu Hause ungeliebt - bis zum Schluss. Als Bauernkind war er bei den Großeltern aufgewachsen - mitten im stalinschen Terror. Auch sein Großvater wurde verhaftet. Zu ihm hatte der kleine Mischa ein besonders enges Verhältnis.

Ina Ruck ARD-Studio Moskau

Vom Opa, sagen Zeitzeugen, hatte er auch den Mut und den Ehrgeiz. Beides brauchte er: Als Erster aus seinem Dorf ging Mischa in den 1950er-Jahren zum Studium nach Moskau. Er schrieb sich an der berühmten Lomonossow-Universität ein. Seine große Liebe Raissa lernte er hier kennen. Und hier knüpfte er auch die Kontakte, die ihn später ganz nach oben bringen sollten.

"Gorbimanie" im Westen

Und eines Tages war es der Mann aus der Provinz, der in Moskau die Parade abnahm. In alle sowjetischen Wohnzimmer flimmerten die Bilder. Gorbatschow war jetzt der mächtigste Mann der Sowjetunion. Der junge neue Staatschef öffnete die Sowjetgesellschaft: Mit Perestrojka und Glasnost wagte er eine vorsichtige Demokratisierung. Das löste eine wahre "Gorbimanie" im Westen aus: In Bonn jubelten ihm die Massen zu. Ein junger Sowjetführer, auf den die alten Feindbilder nicht mehr passten.

Und: Er zeigte die Frau an seiner Seite. Auch das war neu. Raissa Gorbatschowa war auch dabei, als ihr Mann in den Bergen des Nordkaukasus Geschichte schrieb und mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher die deutsche Wiedervereinigung aushandelte.

Jelzin löste ihn nach Putsch ab

Ein Held war Gorbatschow aber nur für den Westen. Zu Hause nahmen ihm viele die Perestrojka übel. Denn die war der Anfang vom Ende des Riesenreichs, der Beginn einer für viele chaotischen Zeit.

Die Kritik, die zu äußern Gorbatschow erst ermöglicht hatte, traf zuallererst ihn selbst. 1991 putschten die Gegner seiner Politik, plötzlich fuhren Panzer in Moskau auf. Gorbatschow und Familie waren gefangen in ihrem Ferienhaus auf der Krim. Der Putsch schlug fehl, doch nicht Gorbatschow, sondern Boris Jelzin hatte ihn niedergeschlagen. Er war der neue starke Mann in Russland.

Gorbatschow kehrte - obwohl der Umsturz gescheitert war - als geschlagener Mann zurück nach Moskau. Seine Frau Raissa erholte sich nie mehr von den Strapazen dieser Zeit.

Gorbatschow hat sein riesiges Land verändert - und mit ihm die ganze Welt. Im Ausland war er am Ende beliebter als zu Hause. Doch sein großes Verdienst bleibt: Michail Gorbatschow hat seinem Volk das Tor zur Freiheit aufgestoßen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 31. August 2022 um 09:45 Uhr.