Das Porträt des verstorbenen Michail Gorbatschow ist in Moskau mit einem Trauerrand aufgestellt. | picture alliance/dpa/TASS

Erinnerung an Gorbatschow "In gewisser Weise eine tragische Figur"

Stand: 31.08.2022 16:19 Uhr

Das Vermächtnis des verstorbenen Ex-Staatschefs Gorbatschow sei in Russland und den Ex-Sowjetstaaten komplex, sagt Experte Gurkov: Während die einen ihm dankbar für ein Leben in Freiheit seien, lasteten viele andere ihm die Nöte der folgenden Jahre an.

tagesschau: Als Michail Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU und später Staatschef der Sowjetunion wurde, waren Sie noch keine 30 Jahre alt und pendelten zwischen Russland und Deutschland; sie haben sowohl die Perestrojka als auch die Wende miterlebt. Wie erinnern Sie sich an die Zeit?

Andrey Gurkov: Es war eine berauschende, grandiose Zeit - die vielleicht aufregendste Zeit in meinem Leben. Diesen Wind der Veränderung spürte man buchstäblich in Moskau. Es gab einen Ausbruch der Kreativität; der geschäftlichen und intellektuellen Möglichkeiten. Das Gefühl der Freiheit, das sich von Jahr zu Jahr vergrößerte - auch das Gefühl, dass der Kalte Krieg vorbei ist und endlich eine Annäherung an den Westen, vor allem an Europa beginnen kann... Es war eine Zeit, die ich nicht missen möchte in meinem Leben. Sie hat mir und meinen Freunden viele berufliche und private Möglichkeiten gegeben. Wir haben davon Gebrauch gemacht - und dafür werde ich Michail Gorbatschow immer dankbar sein.

Andrey Gurkov | DW
Zur Person

Andrey Gurkov wurde 1959 in Moskau geboren und wuchs in Berlin und Bonn auf. Er studierte in Moskau und Leipzig Journalismus und arbeitete zur Amtszeit Gorbatschows unter anderem für eine progressive Wochenzeitung. Seit 1993 ist er Journalist in der russischsprachigen Redaktion der Deutschen Welle (DW).

tagesschau: In Russland waren erste Reaktionen auf Gorbatschows Tod eher verhalten. Wie erinnert man sich dort an ihn und sein politisches Wirken?

Gurkov: In erster Linie - und das ist traurig, aber die Wahrheit - sieht man in ihm einen "Loser" und einen Verräter. Einen, der die imperiale Größe Russlands, die jetzt in diesem fürchterlichen Krieg wiederhergestellt werden soll, kaputt gemacht hat. In gewisser Weise ist er eine sehr tragische Figur. Ich vergleiche ihn mit Columbus: Der wollte ja auch an ganz anderen Ufern landen, erntete aber für seinen Irrtum die Dankbarkeit der Menschheit. Gorbatschow wollte nicht die Sowjetunion zerfallen lassen, sondern den Sozialismus verbessern. Aber das Ergebnis ist ein anderes geworden.

Die Weltöffentlichkeit sieht in erster Linie die Beendigung des Kalten Krieges und die Aufhebung der Teilung Europas, die Russen sehen, wie gesagt, in erster Linie den Verlust der imperialen Größe und den Zerfall des Landes.

"Keine Vergangenheitsbewältigung"

tagesschau: In Russland und den anderen Ex-Sowjetrepubliken waren die frühen 1990er-Jahre nach dem Zusammenbruch eine Zeit der wirtschaftlichen Nöte. Da war Gorbatschow aber bereits entmachtet. Warum verbinden so viele Russen dennoch diese chaotische Zeit mit ihm?

Gurkov: Weil es in Russland keine Vergangenheitsbewältigung gab und keine große Diskussion darüber, warum das absurde kommunistische Experiment und die Planwirtschaft kläglich gescheitert sind. Deshalb sitzt in vielen Menschen die Vorstellung, dass die Sowjetunion sozusagen wegen des "Schwächlings Gorbatschow" und des "Säufers Jelzin" zugrunde gegangen sei. Und diese Überzeugung saß und sitzt in den Köpfen vieler Menschen, vor allem der älteren.

tagesschau: 1991 erklärten viele Sowjetrepubliken nach und nach ihre Unabhängigkeit. Wie ist dort das Bild von Gorbatschow? Unterscheidet es sich von Russland?

Gurkov: Sicherlich. Wenn in Russland die Intelligenzija doch mit Achtung und ein Teil auch mit Trauer auf den Tod Gorbatschows blickt, so hat man in Litauen beispielsweise - wie ich das verstehe - keine guten Erinnerungen und Gefühle an ihn. Denn er war es letztlich, der die Panzer 1991 in Vilnius zum Fernsehturm fahren ließ, um die Unabhängigkeitsbewegung niederschlagen zu lassen. Erfolglos - aber dabei sind Litauer umgekommen.

Ein anderes Beispiel: Auch die Georgier haben noch sehr gut in Erinnerung, dass im April 1989 eine friedliche Demonstration in Tbilissi brutal und mit vielen Todesopfern auseinandergejagt worden ist. Ich vermute, dass die Sicht auf die heutigen Ereignisse in den früheren Sowjetrepubliken ist: Nicht Gorbatschow hat uns die Freiheit gegeben, sondern wir haben uns die Freiheit genommen und sind unseren weiteren, unabhängigen Weg gegangen.

"Perestrojka ist zerstört"

tagesschau: Die vergangenen zehn Jahre waren in Russland und in den umliegenden Staaten - nicht zuletzt wegen Russland - eine bewegte Zeit: In diese Zeit fällt etwa der Euromaidan in Kiew, die Kämpfe im Donbass, die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland... um Gorbatschow hingegen wurde es still. Was wissen wir darüber, wie er die letzten Jahre verbracht hat und was er über die Ereignisse dachte?

Gurkov: Der Tod seiner Frau Raissa Gorbatschowa war offenbar ein schwerer Schlag für ihn; seitdem war es ziemlich still um ihn. Er hatte seine eigene Stiftung, die als Denkfabrik konzipiert war, aber letztendlich eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für einen Teil seiner früheren Mitarbeiter war... Ich musste selbst googlen, um mir in Erinnerung zu rufen, was Gorbatschow in den letzten Jahren gesagt hat - erstens, weil es irrelevant war, zweitens, weil es eigentlich keine großen Statements gegeben hat.

Er verhielt sich letztlich entweder stillschweigend oder loyal gegenüber der politischen Macht - jener Macht Putins, die Russland von der Demokratisierung immer weiter zurückführte in einen autoritären und mittlerweile diktatorischen Staat.

tagesschau: Aus den Büchern, die Gorbatschow in den vergangenen Jahren veröffentlicht hat, geht hervor: Er muss bis zuletzt an Russlands Weg zu einer Demokratie geglaubt haben. Wie sieht sein Vermächtnis aus?

Gurkov: Über sein Vermächtnis werden wir noch viel diskutieren müssen - denn es ist noch nicht ganz klar, worin es bestehen wird. Die Perestrojka und Glasnost der Sowjetunion, die er geformt hat und die etwa in den Köpfen der Deutschen lebt, ist ja zerstört. Es gibt sie nicht mehr. Es gibt ein Russland, das sich immer mehr auf die brutalsten, schlimmsten Eigenheiten der Sowjetunion zurückbesinnt und einen großen, seit dem Zweiten Weltkrieg nie dagewesenen Krieg in Europa führt.

Deshalb muss man sich fragen: War es ein Fehler Gorbatschows, dass es jetzt dazu gekommen ist? Oder war Gorbatschow ein Reformer, der die Welt verändert hat, aber sein eigenes Land nicht hat verändern können?

Das Interview führte Jasper Steinlein, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 31. August 2022 um 15:00 Uhr.