Klimagipfel im schottischen Glasgow | REUTERS

Halbzeit bei Klimakonferenz Es geht ans Eingemachte

Stand: 08.11.2021 03:23 Uhr

In der zweiten Woche des Klimagipfels müssen die Experten und Fachminister ran. Denn die Absichtserklärungen müssen nun ausgestaltet werden, sollen sie Wirkung entfalten. Und da sind sich die Staaten ganz und gar nicht einig.

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Am Freitag und Samstag noch hatten mehr als 100.000 Demonstrierende an Protestaktionen in Glasgow teilgenommen. Nun wird es ruhiger werden auf der Klimakonferenz in Glasgow: Die Staats- und Regierungschefs sind längst abgereist, jetzt geht es um die Details - das Kleingedruckte. Der Vorsitzende der Konferenz, der Brite Alok Sharma, betonte noch einmal sei Verständnis für die Kritik der Straße: Er verstehe die Frustration, die er von jungen Leuten gehört habe. Diese Konferenz müsse liefern, so der Chef-Organisator. Und auch der britische Premier Boris Johnson mahnte zur Halbzeit weitere Zusagen der knapp 200 Staaten an.

Christoph Prössl ARD-Studio London

Auf dem Programm steht nun beispielsweise das Thema Klimahilfen: Nicht-Regierungsorganisationen wie Greenpeace fordern, dass reiche Staaten drastisch aufstocken. Der Finanzbedarf der weniger entwickelten Länder, um erneuerbare Energien auszubauen und Anpassungsmaßnahmen zu finanzieren, gehe in die Billionen. Diskutiert wird auch die Forderung, dass Industrieländer als Verursacher des Klimawandels für Schäden und Verluste durch den Klimawandel zahlen sollen. Weil das Ausmaß aber enorm und nur schwer kalkulierbar sein dürfte, sind gerade die Industrieländer zurückhaltend.

Ungeklärte Fragen werden zurückgestellt. Ab Dienstag verhandeln dann die zuständigen Minister auf höchster Ebene, sagt David Ryfisch vom gemeinnützigen Verein Germanwatch: "Die werden die extrem schwierigen Fragen, die nur auf politischer Ebene gelöst werden können, lösen. Das heißt, die zweite Woche ist extrem wichtig, zu definieren, wie stark das Ergebnis des Gipfels sein wird."

Zahlen für eigene Klimasünden?

Dabei wird es auch um die Frage gehen, wie Staaten beim Klimaschutz zusammenarbeiten können. Denn: Manchmal ist es wirksamer, wenn ein Staat in einem anderen Land Klimaschutzmaßnahmen finanziert und nicht im eigenen Land. Aber welche Regierung darf sich dann die eingesparten Tonnen CO2 gutschreiben? Auch hier ist der Erfolg vom Detail abhängig - sonst hemmen entsprechende Vereinbarungen die Finanzierung weiterer Klimaschutzmaßnahmen.

Ein Beispiel: Im Juni haben die Schweizerinnen und Schweizer bei einer Volksabstimmung gegen ein Klimaschutzpaket gestimmt. Öl- und Gasheizungen in Gebäuden bleiben ohne Einschränkungen erlaubt, eine Flugticketabgabe entfällt. Für die Schweiz wird es nahezu unmöglich, die eigenen Klimaziele mit Maßnahmen im eigenen Land zu erreichen, sagt das Schweizer Bundesamt für Naturschutz. Die Folge: Es gibt Bestrebungen, dass die Schweiz internationale Klimaprojekte unterstützt, um CO2-Einsparungen auf die eigenen Klimaziele anrechnen zu dürfen.

"Gegenteil von dem, was wir eigentlich erreichen wollen"

"Jetzt hat die Schweiz Projekte vorgeschlagen, die die Schweiz in anderen Ländern umsetzen will. All diese Projekte haben die Länder schon in der Pipeline, wollen sie schon lange umsetzen", sagt Niklas Höhne, Professor und Gründer des New Climate Instituts. Und das ist ein Problem, so Höhne weiter: "Also auch da erhöht es die Ambition nicht. Wenn jetzt die Schweiz diese Projekte fördert, die Emissionszertifikate selbst nimmt und für sich anrechnet, hat der ganze Mechanismus die Ambition erniedrigt. Also weniger Ambition hervorgerufen. Das ist das Gegenteil von dem, was wir eigentlich erreichen wollen."

Und Länder wie Brasilien fordern sogar: Entsprechende Einsparungen in Projekten, die aus dem Ausland finanziert werden, sollen sich beide Staaten anrechnen dürfen - was die CO2-Emissionen insgesamt weniger deutlich sinken lassen würde.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. November 2021 um 06:00 Uhr.