Der britische Premier Johnson empfängt die Teilnehmer der COP26 in Glasgow | AFP

Klimakonferenz in Glasgow "Es ist eine Minute vor Mitternacht"

Stand: 01.11.2021 10:21 Uhr

Am zweiten Tag der Klimakonferenz reist die Polit-Prominenz in Glasgow an. Die Erwartungen sind hoch - vor allem, nachdem der G20-Gipfel enttäuschend endete. Gastgeber Johnson macht Druck auf die Gäste.

"Ambition, action and acceleration" - unter dieser Überschrift will Boris Johnson auf der Klimakonferenz den Staats- und Regierungschefs heute ins Gewissen reden. Der britische Gastgeber der COP26 möchte für mehr Ehrgeiz, für konkretes Handeln werben - und dafür, die Maßnahmen für den Klimaschutz zu beschleunigen. So dürfte sich der britische Premier unter anderem für einen schnelleren Kohleausstieg und einen zügigeren Umstieg auf die E-Mobilität aussprechen.

Zwei Wochen lang verhandeln 197 Nationen auf der UN-Klimakonferenz in Glasgow über die weitere Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens von 2015. Es sieht die Begrenzung der Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad, idealerweise 1,5 Grad, im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter vor.

"Beim Klima zu lange auf Zeit gespielt"

Johnson will den Versuch starten, das 1,5-Grad-Ziel am Leben zu erhalten, also dafür zu sorgen, dass es nach wie vor die Möglichkeit geben wird, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Dafür reichen die derzeitigen Klimaschutzvorhaben der Länder aber nicht aus. "Es ist eine Minute vor Mitternacht und wir müssen jetzt handeln", wird Johnson laut vorab verbreiteten Redetextauszügen an die Teilnehmer der COP 26 appellieren. Die Menschheit habe beim Klima lange auf Zeit gespielt.

Bevor es so richtig an die Verhandlungen über mehr Klimaschutz geht, wird es erstmal feierlich: Mit Ansprachen Dutzender Staats- und Regierungschefs geht der Gipfel in seinen zweiten Tag. Neben Johnson wenden sich auch UN-Generalsekretär António Guterres sowie der britische Thronfolger Prinz Charles an das Plenum. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt nachmittags ein Statement im Namen Deutschlands ab.

Putin und Xi kommen nicht nach Glasgow

Die Präsidenten von Russland und China, Wladimir Putin und Xi Jinping werden allerdings nicht vor Ort sein. Damit fehlen auf der Klimakonferenz die Lenker zweier Staaten, die zu den größten Treibhausgas-Emittenten der Welt gehören. Xi hat immerhin ein schriftliches Statement angekündigt. Mit Spannung wird erwartet, ob der indische Regierungschef Narendra Modi am Nachmittag ehrgeizigere Klimaziele für sein Land ankündigt. Dies könnte den Druck auf China erhöhen.

Die COP26 hatte gestern mit eindringlichen Appellen begonnen. Die Klimakonferenz sei die "letzte" Hoffnung, um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen, sagte ihr Präsident Alok Sharma. IWF-Chefin Kristalina Georgieva warnte in einem Internet-Beitrag vor der "großen Bedrohung für die makroökonomische und finanzielle Stabilität" durch den Klimawandel und forderte von allen ehrgeizigere Maßnahmen.

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen sprach von einem "Moment der Wahrheit". Das globale Rennen für Klimaneutralität bis Mitte des Jahrhunderts sei eröffnet, schrieb von der Leyen auf Twitter. Europa habe sich dazu verpflichtet, als erster Kontinent in der Welt klimaneutral zu sein und sich für einen ehrgeizigeren Klimaschutz mit seinen Partnern zusammenzutun. "COP26 ist ein Moment der Wahrheit für unsere Pläne, den Klimawandel zu stoppen."

Allerdings hatte der G20-Gipfel am Wochenende in Rom der COP26 nicht das Aufbruchssignal geliefert, welches sich viele gewünscht hätten. So hatte sich die G20-Gruppe, die für 80 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich zeichnet, nur auf einen Minimalkonsens einigen können.

Das Ziel, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, wurde zwar bekräftigt, ein Zieldatum wurde aber nicht genannt. Auch bei der angestrebten CO2-Neutralität konnten sich die Staaten nicht auf ein konkretes Datum einigen. Diese soll nun "bis zur oder um die Mitte des Jahrhunderts" erreicht werden.

Enttäuschung nach G20-Gipfel

UN-Generalsekretär Guterres äußerte sich deshalb enttäuscht: "Ich verlasse Rom mit unerfüllten Hoffnungen - aber wenigstens sind sie nicht beerdigt", schrieb er auf Twitter.

Auch der renommierte deutsche Klimaexperte Mojib Latif zeigte sich nach dem G20-Gipfel pessimistisch. "Ich habe das Gefühl, dass sich die Welt dem Kampf gegen den Klimawandel einfach verweigert", sagte der Experte im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF.

Er habe deshalb wenig Hoffnung auf ein positives Ergebnis in Glasgow. "Wir dürfen ja nicht vergessen, das ist die 26. Weltklimakonferenz. Die sitzen seit über einem Vierteljahrhundert zusammen und haben wirklich nichts geschaffen", sagte der Kieler Wissenschaftler. Die Treibhausgasemissionen stiegen weiter. Er erwarte daher nichts. Es werde am Ende "wieder schöne Worte geben, aber an konkreten Maßnahmen wird nichts beschlossen werden", so Latif.

Fortschritt sei eine Frage des Willens und der Führung, meinte auch Johnson gestern leicht verärgert. "Wenn Glasgow scheitert, dann scheitert die ganze Sache", sagte er. Heute hat er nun die Chance, selbst Führung und Willensstärke zu zeigen.  

Mit Informationen von Imke Köhler, ARD-Studio London, z. Zt. in Glasgow

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. November 2021 um 09:55 Uhr.

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Moderation 01.11.2021 • 14:55 Uhr

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