Trümmer einer Rakete auf einem Feld in der Nähe von Kiew, Ukraine. | EPA

Krieg gegen die Ukraine Große Verluste bei Weizenernte befürchtet

Stand: 13.05.2022 17:30 Uhr

Wegen des russischen Angriffskriegs befürchtet der ukrainische Agrarminister Solskyj große Verluste bei der diesjährigen Ernte. Bundesagrarminister Özdemir sagte beim G7-Treffen Hilfe zu - auch bei der Suche nach alternativen Exportwegen.

Der ukrainische Agrarminister Mykola Solskyj befürchtet wegen des russischen Angriffskriegs große Verluste bei der diesjährigen Weizenernte in seinem Land. "Die Situation bei Mais ist ein bisschen besser", sagte der Ressortchef laut offizieller Übersetzung zum Auftakt des Treffens mit seinen Amtskollegen aus den G7-Industriestaaten in Stuttgart. "Die Situation ist auf jeden Fall nicht einfach." Es gebe noch etwa 20 Millionen Tonnen Getreide aus der früheren Ernte. "Ich gehe davon aus, dass wir zusätzlich 30 bis 40 Millionen Tonnen Getreide haben werden", sagte er mit Blick auf die neue Ernte.

Auch beim Transport von Getreide brauche sein Land Unterstützung. "Im Alleingang können wir die Aufgabe nicht lösen." Die Ukraine nahm Deutschland, die USA und die übrigen führenden Industrienationen der G7 bei der strategisch wichtigen Getreideausfuhr dauerhaft in die Pflicht. "Viele Länder müssen sich engagieren", sagte Solskyj. Die Lage ist heikel, denn die meisten Seehäfen des Landes sind blockiert. Nötig sei nun, dass die Schwarzmeerhäfen entsperrt würden und es müsse nach logistischen Möglichkeiten in den baltischen Häfen geschaut werden, so Solskyj.

Özdemir sagt Ukraine Unterstützung zu

Die Ukraine ist traditionell ein bedeutender Weizenexporteur. Die Getreidemärkte sind wegen des Kriegs weltweit angespannt, die Preise steigen. Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir sicherte als Gastgeber des zweitägigen Treffens Unterstützung zu. Es gehe vor allem darum, alternative Transportwege für ukrainisches Getreide auszuloten, "über den Landweg, über die Schiene, über die Donau", so Özdemir. "Der Hafen von Odessa muss gesichert werden, er darf nicht fallen", sagte der Bundeslandwirtschaftsminister. Es sei gut, wenn die Ukraine militärisch erfolgreich sei.

Ein Aktionsplan der Europäischen Kommission sehe verschiedene Maßnahmen vor, um in den nächsten drei Monaten zunächst 20 Millionen Tonnen Getreide auf dem Landweg aus der Ukraine zu exportieren. "Wir brauchen das Getreide auf dem Weltmarkt und die Ukraine braucht die Silos für die kommende Ernte", sagte Özdemir.

Özdemir habe von Solskyj eine Einladung in die Ukraine angenommen. Einzelheiten dazu blieben zunächst offen. "Wir werden sie nicht alleine lassen", sagte Özdemir mit Blick auf die Ukraine und ihre Bürgerinnen und Bürger.

Özdemir: Hunger als russische Kriegswaffe

Zuvor hatte Özdemir Russland vorgeworfen, Hunger als Kriegswaffe einzusetzen, indem der Getreide-Export durch eine Blockade der Häfen verhindert werde. Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin warf Özdemir vor, gegen die Ukraine auch einen Wirtschaftskrieg anzuzetteln.

Auch die von Bundesaußenministerin Annalena Baerbock geführte G7-Außenministerrunde beriet in Weißenhäuser Strand an der Ostsee darüber, wie ukrainisches Getreide in die Welt gebracht werden kann. Deutschland hat in der Runde der G7 zurzeit den Vorsitz. Der Gruppe gehören neben der Bundesrepublik die USA, Kanada, Frankreich, Großbritannien, Italien und Japan an. Baerbock warnte, dass sich am Himmel eine Ernährungskrise zusammenbraue.

In einem 75-minütigen Telefonat zwischen Bundeskanzler Olaf Scholz und Putin ging es ebenfalls um die globale Lebensmittelversorgung, die wegen des russischen Angriffskriegs angespannt ist. "Der Bundeskanzler erinnerte daran, dass Russland hier in besonderer Verantwortung steht", teilte Regierungssprecher Steffen Hebestreit anschließend mit. Nach Angaben des Kremls kam das Gespräch auf deutsche Initiative zustande.

Sorge vor neuem Hunger

Die Welthungerhilfe warnte anlässlich des Treffens vor einem "noch drastischeren Anstieg" der Zahl der Hungernden. Um das zu verhindern, müssten die Agrarminister schnellstmöglich angemessene Akuthilfen auf den Weg bringen, sagte Welthungerhilfe-Vizepolitikchef Rafael Schneider der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Der Preisanstieg für Lebensmittel durch den Ukraine-Krieg treibe ansonsten die Zahl der Hungernden weiter in die Höhe. Derzeit litten weltweit 800 Millionen Menschen unter Hunger.

Umweltorganisationen riefen die G7-Runde dazu auf, das Welternährungsprogramm finanziell deutlich zu stärken, um die Versorgung in den besonders betroffenen Regionen sicherzustellen. Ernährungssicherung sei auch Friedenssicherung, teilten die Organisationen mit.

Einfuhrpreis für Getreide stark gestiegen

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts stieg der Einfuhrpreis für Getreide nach Deutschland infolge des Kriegs im März gegenüber dem Vorjahresmonat um 53,6 Prozent. Einen stärken Zuwachs habe es zuletzt im Mai 2011 mit damals 74,0 Prozent gegeben.

Nach Einschätzung des Verbandes der Getreide-, Mühlen-, und Stärkewirtschaft (VGMS) spiegelt sich darin der seit Monaten steigende Weltmarktpreis wider. "Getreide wird weltweit teurer und dies schon vor dem Krieg in der Ukraine, der die bereits angespannte Situation am Getreidemarkt weiter drastisch verschärft hat", teilte eine Sprecherin des Verbandes mit.

Für Deutschland spielen die Importe aus der Ukraine mit einem Anteil von 1,9 Prozent sowie aus Russland mit 0,1 Prozent eine untergeordnete Rolle. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr rund 11,4 Millionen Tonnen Getreide im Wert von 3,2 Milliarden Euro eingeführt. Zugleich exportierte Deutschland 11,7 Millionen Tonnen im Wert von 2,8 Milliarden Euro. Dennoch ist auch für Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland der weltweite Preisanstieg spürbar.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 13. Mai 2022 um 17:00 Uhr sowie inforadio um 16:46 Uhr.