Auf einer großen Werbefläche an einem Haus in Tiflis wird die Flagge der Ukraine gezeigt. | Christina Nagel
Reportage

Russen in Georgien Neustart-Versuche im Nachbarland

Stand: 12.04.2022 04:06 Uhr

Mehr als 35.000 Russinnen und Russen sind seit Ende Februar nach Georgien gekommen. Viele wollen bleiben und sich dort ein neues Leben aufbauen - aus politischen Gründen und um den Sanktionen auszuweichen.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Immer wieder leuchtet das Display von Polinas Handy auf: eine weitere SMS, ein neuer Anruf. Es hat sich herumgesprochen, dass sie jenen hilft, die aus Russland raus wollen. Die junge Frau, die im Team des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny gearbeitet hat, ist selbst in die georgische Hauptstadt Tiflis geflohen - vor gut einem Jahr, als der Druck zu groß wurde. "Bei mir gab es drei Hausdurchsuchungen. Meine Technik wurde beschlagnahmt. Einmal hat uns die Polizei fünf oder sechs Stunden festgehalten, ohne dass wir unseren Anwalt oder jemanden anrufen konnten", erzählt sie.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Polina, die ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen will, entschied sich, nach Georgien zu gehen, um sich hier ein neues Leben aufzubauen - in Sicherheit und in Freiheit. Dass sie ihre Erfahrungen nun weiter gibt, ist für sie keine große Sache: "Was heißt helfen? Ich koordiniere, beantworte Fragen: wo und wie man eine Wohnung mieten kann. Was es kostet. Wie man herkommt", sagt sie. "Und wenn jemand kommt und nicht weiß wohin, dann bringe ich ihn für ein paar Tage auf meinem Sofa unter."

Tausende Russen wollen bleiben

Mehr als 35.000 Russinnen und Russen sind seit Beginn der russischen Militäroperation in der Ukraine nach Georgien gekommen. Zum einen, weil man hier kein Visum und im ersten Jahr auch keine besonderen Meldepapiere braucht. Zum anderen, weil das Kaukasusland trotz aller Sanktionen mit dem Flugzeug noch relativ gut zu erreichen ist.

Für einige ist das Land nur eine Zwischenstation. Andere wollen bleiben - rund 14.000 seien das zurzeit, schätzen die Behörden. Unter ihnen viele junge Leute, die angesichts des Krieges und des Drucks auf alle und alles, was nicht auf Linie ist, keine Zukunft mehr in ihrer Heimat sehen. Weil schon ein falsches Wort, ein Post in den sozialen Medien gravierende Folgen haben kann. "Es ist psychologisch extrem schwer", sagt ein junger Russe kopfschüttelnd. "Wie ein Alptraum, der nicht endet. Und trotzdem unterstützen 65 Prozent der Leute das alles."

Ukrainische Nationalfarben omnipräsent

Umso wichtiger scheint es vielen, sich in Tiflis klar zu positionieren: durch ein blau-gelbes Band im Haar, einen Sticker in den ukrainischen Nationalfarben oder durch bewusstes Vermeiden der russischen Sprache. "Wir wollen, dass jeder weiß, dass auch wir Russen uns Gedanken machen, über das, was in der Ukraine passiert, dass es auch für uns eine Tragödie ist", betont ein junges Paar, das vorerst in Georgien bleiben will.

Leute wie sie, oder auch jene, die neben dem Parlament für ein freies Belarus und eine freie Ukraine demonstrieren, seien nicht gemeint, wenn an Häuserwänden stehe: "Russen, geht nach Hause", vermutet die Petersburgerin Sofija, die seit drei Jahren in Tiflis studiert. "Gemeint sind die Russen, die nicht aus politischen Gründen ausgereist sind, sondern wegen der Sanktionen." Gemeint seien alle, die ihr Business retten und um Unannehmlichkeiten herumkommen wollten, ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten des Gastgeberlandes zu nehmen. Die vergäßen, dass Russland nach dem Krieg 2008 zwei georgische Regionen kurzerhand als selbstständig anerkannt hat.

Die Fenster eines Pubs in Tiflis sind mit der ukrainischen Flagge und dem Schriftzug "Ruhm der Ukraine!" verdeckt. | Christina Nagel

"Ruhm der Ukraine!": Ein politischer Gruß bedeckt die Schaufenster eines Pubs in Tiflis. Bild: Christina Nagel

"Pläne hab ich keine mehr"

Dass sie hin und wieder aufgefordert werden, Stellung zu beziehen, finden weder Sofija noch ihre Mitstudentin Maria schlimm. Anders als ihre Freunde in Russland, sagt Maria, könne sie wenigstens offen über ihre Haltung reden. Wenn auch nicht mit ihren Eltern, die auf Kreml-Linie seien. Und ihre Pläne? "Pläne hab ich keine mehr", sagt sie und lacht. "Die sind alle hin. Ich bleibe in Georgien und studiere weiter."

Eine Zukunft in Russland sieht sie zurzeit ebenso wenig wie Polina, die ihre ganz eigenen Erfahrungen mit den russischen Sicherheitsbehörden gemacht hat - und die für sich ausschließt, jemals in dieses System zurückzukehren.

Über dieses Thema berichtete das Europamagazin im Ersten am 10. April 2022 um 12:45 Uhr.