Bild der eingestürzten Brücke in Genua | dpa

Prozessbeginn in Genua Drei Sekunden fehlten zum Überleben

Stand: 07.07.2022 10:27 Uhr

Im August 2018 brach in Genua der Ponte Morandi ein, 43 Menschen stürzten in den Tod. Jetzt hat der Prozess gegen 59 Angeklagte begonnen, die für die jahrelangen Wartungsmängel verantwortlich sein sollen.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Seit heute läuft im Genueser Gerichtspalast die Operation Wahrheitsfindung zum Einsturz der Morandi-Brücke. Ein Prozess, wie ihn Italien logistisch noch nicht erlebt hat, sagt der Präsident des Genueser Gerichts, Enrico Ravera: "Es ist wirklich beispiellos. Wir haben noch nie ein solches Verfahren gehabt, das uns als Vorbild für die Organisation des Prozesses dienen könnte."

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

59 Angeklagte, mehr als 200 Anwälte, bis jetzt schon fast 180 Zeugen, Gutachter, Journalisten und bis zu 500 Zuschauer. Sie alle verteilt auf drei Gerichtsaulen, die per Videoschaltung verbunden sind. Richter und Staatsanwälte sitzen in einem schmucklosen, großen weißen Veranstaltungszelt, aufgestellt im Innenhof des Gerichts.

Sie sollen die Fragen klären: Wie konnte die Katastrophe passieren, eine der größten in der Geschichte der Republik Italiens? Und vor allem: Wer sind die Schuldigen? Für Italien ist der Einsturz der Morandi-Brücke immer noch ein Trauma.

Luftaufnahme der eingestürzten Morandi-Autobahnbrücke in Genua | dpa

Luftaufnahme der eingestürzten Morandi-Autobahnbrücke in Genua Bild: dpa

Die eingestürzte Brücke in Genua | dpa

Brücke ins Nichts: So ragten die Überreste der Ponte Morandi nach dem Einsturz in die Landschaft. Bild: dpa

Drei Sekunden fehlten zum Überleben

Die Überwachungskameras der Autobahn A 10 zeigten am 14. August 2018 genau 11.35 Uhr und 55 Sekunden, als das Mittelteil der Brücke zusammensackte. Die darauf fahrenden Menschen hatten keine Chance, stürzten mit ihren Autos und Lastwagen 90 Meter in die Tiefe. Ein Alptraum. 43 Frauen, Männer und Kinder kamen ums Leben - darunter auch Claudia Possetti, die mit ihren beiden Kindern und ihrem Ehemann auf dem Weg zurück aus dem Urlaub war.

Zum Überleben, erzählt Claudias Schwester Egle Possetti, fehlten ihnen nur wenige Augenblicke:

Sie waren fast schon an dem Teil der Brücke angekommen, der nicht eingestürzt ist. Das hat uns monatelang gequält. Ich weiß nicht, wie häufig ich zu meinem Mann gesagt habe: Eins, zwei, drei. Eins, zwei drei. Drei Sekunden haben gefehlt, damit sie auf der anderen Seite angekommen wären.

Possetti ist die Gründerin und Präsidentin des Komitees "Erinnerung an die Opfer der Morandi-Brücke", sie wird beim Prozess dabei sein.

Gutachten offenbarte Wartungsmängel

Gegenüber auf der Anklagebank sitzt unter anderem Giovanni Castellucci, der ehemalige Chef der damals verantwortlichen Autobahngesellschaft Autostrade per l’Italia. Zusammen mit 29 weiteren Managern und Angestellten des Unternehmens, aber auch Mitarbeitern aus Ministerien und Behörden, die für Kontrollen oder deren Organisation zuständig waren.

Ein für den Prozess in Auftrag gegebenes Gutachten geht davon aus, dass über Jahre mangelnde Wartung und Überprüfung der Brücke zum Einsturz geführt haben. Angehörigenvertreterin Possetti betont, ihre gehe es in dem Verfahren nicht um persönliche Rache: "Wir wollen alles tun, was möglich ist, um die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen", sagt sie. "Wir machen das für unsere Angehörigen. Aber wir machen das auch aus Bürgersinn. Denn das, was ihnen passiert ist, hätte jedem anderen Bürger passieren können."

Denn es war offensichtlich nur eine Frage der Zeit, bis wann die viel befahrene, aber marode Autobahnbrücke einstürzen würde. Am Tag zuvor wäre die Dimension des Unglücks wahrscheinlich noch größer gewesen. Zur selben Uhrzeit befanden sich aufgrund eines Staus mehrere hundert Autos auf der Brücke.

Prestigeprojekt neue Brücke

In Genua mittelbar auf der Anklagebank sitzt Italiens genereller Umgang mit seiner Brückeninfrastruktur. Noch heute, erklärt Brückenexperte Settimo Martinello, seien 60 bis 70 Prozent der Brücken im Land ohne regelmäßige Kontrollen.

Die Suche nach den Verantwortlichen für den Einsturz der Morandi-Brücke wird dauern. Wahrscheinlich bis 2024, sagte Richter Ravera dem Genueser Fernsehsender Primocanale: "Aufgrund der großen Zahl an Prozessbeteiligten, aber auch wegen der Komplexität des Verfahrens. Voraussichtlich wird es ein bis zwei Jahre gehen."

Blick auf die neugebaute Autobahnbrücke in Genua | LUCA ZENNARO/EPA-EFE/Shutterstoc

An der Stelle der eingestürzten Ponte Morandi wurde im Eiltempo eine neue Brücke errichtet - und schon 2020 eingeweiht. Bild: LUCA ZENNARO/EPA-EFE/Shutterstoc

Schneller als das Strafverfahren war der Bau einer neuen Brücke anstelle des eingestürzten Ponte Morandi. Die Regierung in Rom hatte dies zum Prestigeprojekt erklärt, so als wollte man das Drama vergessen machen. Im Sommer 2020, nach nicht einmal zwei Jahren, konnte die neue Brücke einweiht werden. Entworfen hat sie der Genueser Stararchitekt Renzo Piano. Der verspricht: Seine Brücke werde mindestens 1000 Jahre halten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Juli 2022 um 08:00 Uhr.