Stadtansicht von Genf | picture alliance / imageBROKER

Schweizer Verhandlungsort Der Geist von Genf

Stand: 10.01.2022 05:00 Uhr

Genf hat als Verhandlungsort historische Wenden und dramatische Misserfolge erlebt. Warum zieht es Diplomaten und Staatsleute in Krisenzeiten zu Verhandlungen immer wieder in diese Stadt?

Von Sandra Biegger, ARD-Studio Genf

Am Quai de Mont Blanc reiht sich ein Grand Hotel an das andere. Über der Promenade am Genfer See segeln Möwen durch die Luft, auf dem Wasser tanzen kleine Boote, im Hintergrund sieht man teils schneebedeckten Berge. Keine Frage, Genf ist schön und, wenn man über das nötige Geld verfügt, auch immer eine Reise wert.

Sandra Biegger

Natürlich hätten Spitzenpolitiker aus aller Welt keine Zeit für Spaziergänge am See, sagt Matthias Schulz, Professor für Internationale Beziehungen und Transnationale Geschichte an der Uni Genf. Gerade bei schwierigen Verhandlungen dürfe aber die Bedeutung einer schönen Umgebung nicht unterschätzt werden.

Man lächele eben leichter, wenn das Ambiente schön ist, sagt er und verweist auf den Mont Blanc oder den Genfer See. "Das sind gute Voraussetzungen, um Konfliktparteien es zu ermöglichen, sich in einer angenehmen Atmosphäre anzunähern."

Biden und Putin scherzen zu Beginn eines Gesprächs bei ihrem Treffen in Genf | AP

Biden und Putin kommen selbst nicht nach Genf. Aber den Vorteil des Verhandlungsortes nutzen sie im vergangenen Jahr - und scherzten zumindest vor den Kameras miteinander. Bild: AP

An Verhandlungsorten kein Mangel

Oft, aber nicht immer finden die Gespräche zwischen Regierungen in einem der zahlreichen UN-Gebäude in Genf statt. Oft nutzen die Delegationen aber auch Hotels oder Anwesen wie die Villa La Grange oberhalb des Genfersees. Dort hatten sich zuletzt vor rund einem halben Jahr die amerikanischen und russischen Präsidenten Joe Biden und Wladimir Putin getroffen.

Die riesigen Parkanlagen um die UN-Gebäude lassen sich gut abschirmen, hebt auch Schulz hervor, und das sei "ein wichtiges Kriterium für die Vertraulichkeit der Verhandlungen unter Parteien, die sich misstrauisch gegenüberstehen".

Hinzu kommt, dass wegen des UNO-Sitzes in Genf viele Länder in der Stadt eine Botschaft haben - samt Personal, auch geheimdienstlichem. 

Der US-amerikanische Präsident Ronald Reagan und der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow bei einem Treffen in Genf. (Archivbild: 21.11.1985) | picture alliance/KEYSTONE

Eine wichtige Etappe bei der Beendigung des Kalten Krieges: das Treffen von Reagan und Gorbatschow Im November 1985 in Genf. Bild: picture alliance/KEYSTONE

Der Charme der Neutralität

Berge und Wasser, gut abschirmbare Parks, eine schöne Atmosphäre und ausländische Botschaften - das gibt es natürlich auch an anderen Orten der Welt. Genf habe daneben aber noch den Vorteil, in der politisch neutralen Schweiz zu liegen, sagt Schulz. Das heißt, keiner müsse zur anderen Konfliktpartei oder einem ihrer Verbündeten reisen. Deshalb begebe man sich insbesondere dann nach Genf, "wenn Konflikte schon in einem fortgeschrittenen Stadium sind oder unlösbar scheinen".

Der "Geist von Genf" - er hat schon Großes bewirkt. Das Treffen von US-Präsident Ronald Reagan und dem sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow dort 1985 beispielsweise markierte den Anfang vom Ende des Kalten Krieges.

Doch nicht immer führten die Gespräche in der Stadt am Genfer See zu dem gewünschten Ergebnis. Zum Beispiel 1991, als sich die damaligen amerikanischen und irakischen Außenminister James Baker und Tariq Aziz dort trafen. Das Treffen war der letzte Versuch, den Irak dazu zu bewegen, sich friedlich aus dem zuvor besetzten Kuwait zurückzuziehen. Bekanntlich ohne Erfolg.

Über dieses Thema berichtete WDR5 Morgenecho am 10. Januar 2022 um 06:45 Uhr.