Ex-Speaker Bercow in London | dpa

Ex-Speaker Bercow tritt Labour bei

Stand: 20.06.2021 15:43 Uhr

Der mit seinen "Ordeeer"-Rufen berühmt gewordene Ex-Speaker Bercow hat die konservative Partei verlassen und ist nun Labour-Mitglied. In einem Interview rechnete er mit den Tories und Premier Johnson ab.

Der frühere britische Unterhausvorsitzende John Bercow hat die regierenden Konservativen verlassen und ist der oppositionellen Labour-Partei beigetreten. Die Konservativen seien unter Premierminister Boris Johnson zu einer reaktionären, populistischen, nationalistischen und bisweilen sogar fremdenfeindlichen Partei geworden, sagte Bercow dem "Observer". "Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass diese Regierung ersetzt werden muss", sagte er. "Die Labour-Partei ist das einzige Mittel, um dieses Ziel zu erreichen."

Bercow nutzte das Interview für Kritik an Johnson. "Er ist ein erfolgreicher Wahlkämpfer, aber ein lausiger Regierender", sagte Bercow und fügte hinzu: "Ich glaube nicht, dass er eine Vision für eine gerechtere Gesellschaft hat, irgendeinen Hunger für soziale Mobilität oder eine Leidenschaft, das Los der Menschen zu verbessern, denen es nicht so gut geht wie ihm."

Im Streit mit der Regierung

In seiner Zeit als Unterhauspräsident (Speaker of the House of Commons) hatte Bercow die Rechte der Abgeordneten großzügig ausgelegt und damit vor allem der damaligen Premierministerin Theresa May Ärger bereitet. Auf dem Posten war er eigentlich zur Neutralität verpflichtet. Zeitweise konnte damit eine Gruppe von Brexit-Gegnern in der konservativen Regierungspartei mithilfe der Opposition den Gesetzgebungsprozess in die Hand nehmen, um den Weg zu einem No-Deal-Brexit zu versperren.

Als später Johnson das Parlament in eine Zwangspause schickte, fand Bercow deutliche Worte. Es handle sich um einen "Akt exekutiver Ermächtigung", sagte er damals. Später gab ihm das Oberste Gericht Recht und erklärte die Parlamentsschließung für rechtswidrig. 2019 trat Bercow zurück.

"Ordeeer, ordeeer"

Bercow war zwölf Jahre Abgeordneter der Konservativen, bevor er 2009 Unterhausvorsitzender wurde. Vor allem mit seinen Ordnungsrufen ("ordeeeer, ordeeer") im langen Brexit-Prozess erlangte er eine große Bekanntheit. Auch auffällige Krawatten wurden zu seinem Markenzeichen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Juni 2021 um 15:00 Uhr.