G20-Gipfel in Rom | dpa

G20-Gipfel in Rom "Verpasste Chance" oder "großer Erfolg"?

Stand: 31.10.2021 21:29 Uhr

Klimaschützer sind tief enttäuscht, Gipfel-Gastgeber Draghi ist "stolz": Erstmals hätten sich die G20 verpflichtet, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Tatsächlich aber bleiben viele Vereinbarungen unkonkret.

Kein konkretes Datum für CO2-Neutralität, kein klarer Zeitpunkt für den Kohleausstieg. Stattdessen - so sehen es zumindest die Kritiker - Allgemeinplätze und vage Versprechungen. Der Gastgeber des Gipfels, Italiens Ministerpräsident Mario Draghi, bemühte sich auf der abschließenden Pressekonferenz sichtlich darum, angesichts der breiten Kritik Optimismus zu verbreiten.

"Die G20 haben sich erstmals verpflichtet, die Erderwärmung bei 1,5 Grad zu halten. Wir sind stolz auf dieses Ergebnis", so Draghi - fügte aber hinzu, dass dies nur ein Anfang sein könne. Man habe sich darauf verständigt, die Anstrengungen zu verstärken. Unter anderem wollten die G20 den ärmsten Ländern 100 Milliarden Euro für den klimafreundlichen Umbau ihrer Wirtschaft zur Verfügung stellen.

Draghi betonte, dass die G20 nach einer "schlimmen Zeit" nun wieder direkt zusammenarbeiten könnten. Allen Teilnehmern sei klar, dass die "epochalen Herausforderungen" nur gemeinsam bewältigt werden könnten. Daher sei das Treffen ein "Gipfel des Erfolgs" gewesen.

Auch Merkel zufrieden

Eine Sichtweise, der sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel anschloss: "Ich kann nur sagen, dass hier sehr viel erreicht wurde. Und die Glaubwürdigkeit wurde auch noch mal unterstrichen, dadurch dass wir die 100-Milliarden-Dollar-Zusage für Investitionen in den Klimaschutz in den ärmeren Entwicklungsländern, dass wir dieses Ziel zwar etwas verspätet, aber auch 2021 erreichen können. Und ich glaube, der deutsche Beitrag dazu ist sehr, sehr gut und sehr wichtig", so Merkel. Für sie wird es der voraussichtlich letzte große Gipfel ihrer Amtszeit gewesen sein.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Olaf Scholz beim G20-Gipfel | dpa

Die Amtsinhaberin und ihr mutmaßlicher Nachfolger: Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Olaf Scholz zeigten sich auf dem G20-Gipfel in Rom von ihrer harmonischsten Seite - wohl auch, um den Partnern politische Kontinuität zu signalisieren. Zwar nimmt der Finanzminister traditionell am G20-Gipfel teil, aber Scholz begleitete Merkel zu allen politischen Terminen auf Augenhöhe. Sie präsentierte den Sozialdemokraten als ihren wahrscheinlichen Nachfolger. Ein derart einvernehmlich-freundliches Vorgehen gilt dann doch auch im politischen Berlin als außergewöhnlich. Bild: dpa

Uneinigkeit bis zuletzt

Tatsächlich hatten sich die 20 großen Wirtschaftsmächte in Rom - wohl aus Rücksicht auf China und Russland - nicht auf eine ehrgeizige Erklärung zum Klimaschutz verständigen können. So gibt es weiter kein klares Zieldatum für die wichtige Kohlendioxidneutralität und den Ausstieg aus der Kohleverstromung. Während anfangs konkret das Jahr 2050 für "Netto-Null-Emissionen von Treibhausgasen oder Kohlendioxidneutralität" festgeschrieben werden sollte, ist als Ziel nur noch allgemein von "bis oder um die Mitte des Jahrhunderts" die Rede. Damit ist gemeint, dass nur so viel Emissionen ausgestoßen werden, wie auch gebunden werden kann.

Auch die Zusage, die Investitionen in Kohlekraftwerke auslaufen zu lassen, blieb wenig konkret. Sollte das ursprünglich "in den 2030er-Jahren" geschehen, fehlte im Abschlusskommuniqué die Jahreszahl. Es wird jetzt "so schnell wie möglich" ins Auge gefasst. Damit könnte Rücksicht wieder auf China oder Indien genommen worden sein, die ihre Stromerzeugung stark auf Kohle stützen und dem Bedarf nur schwer nachkommen.

Die G20 bekannte sich aber dazu, bis Ende dieses Jahres im Ausland den Bau der Kohlekraftwerke nicht mehr mit öffentlichen Mitteln zu fördern. Selbst ein Hinweis auf die "alarmierenden Berichte" des Weltklimarates, der vor den Gefahren der Erderwärmung gewarnt hatte, wurde im finalen Text mit "jüngste Berichte" abgeschwächt. Eine erste Formulierung, in den 2030er-Jahren eine "weitgehend kohlendioxidfreie Stromversorgung" anzustreben, fehlt ebenfalls. Vielmehr wird allgemein der Wunsch geäußert, saubere Energien auszubauen.

Kritik an den Ergebnissen

Deutlich unzufriedener mit den Ergebnissen als die anwesenden Staats- und Regierungschefs zeigte sich UN-Generalsekretär António Guterres. Er hoffe nun, dass beim Klimagipfel in Glasgow ehrgeizigere Zusagen gemacht würden, sagte Guterres. Die G20 mahnte er zu "größerer Ambition". Nur so sei die Welt zu überzeugen, das 1,5-Grad-Ziel auch einzuhalten.

Auch Klimaaktivisten und Entwicklungsorganisationen sind enttäuscht über die vagen Gipfelergebnisse. Das Treffen sei ein "Gipfel der verpassten Chancen" gewesen, so Fiona Uellendahl von "World Vision". Vor wichtigen Entscheidungen, etwa in Sachen Impfgerechtigkeit oder Klimawandel, hätten die G20 "gekniffen". Während man in Deutschland bereits über Booster-Impfungen diskutiere, sei ein großer Teil der Menschen in den armen Ländern noch nicht mal einmal geimpft.

"Unzulänglichkeiten nicht anerkannt"

Harsche Kritik gab es auch an den Ergebnissen in Sachen Klimaschutz: "Der G20-Gipfel hätte eine Steilvorlage für die UN-Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow werden müssen", sagte Klimaexperte Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam. "Das ist nicht gelungen." Die G20 hätten es versäumt, die Unzulänglichkeit ihrer Selbstverpflichtungen unter dem Pariser Abkommen anzuerkennen und sich zur "dringend notwendigen, sofortigen Nachbesserung" zu verpflichten.

"Auch Deutschland und die Europäische Union sind nach wie vor nicht bereit, ihren fairen Anteil zu leisten", sagte Kowalzig. So steuere die Welt derzeit auf eine katastrophale Erwärmung um 2,7 Grad zu, obwohl maximal 1,5 Grad als kritische Schwelle gilt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 31. Oktober 2021 um 18:00 Uhr.