Boris Johnson spricht mit Mark Rutte beim G20-Gipfel. | AP

G20-Gipfel in Rom Uneinigkeit bis zuletzt

Stand: 31.10.2021 15:38 Uhr

Ein starkes Signal für die Klimakonferenz wollten die G20 aussenden. Erreicht wurde nach schwierigen Gesprächen wenig: Ein konkretes Datum für das Erreichen von Null-Emissionen fehlt weiter. Auch bei der Erderwärmung bleiben die Staaten vage.

Die großen Wirtschaftsmächte haben sich zum Abschluss ihres G20-Gipfels in Rom nicht auf eine ehrgeizige Erklärung zum Klimaschutz verständigen können. Wie aus dem ausgehandelten Text für das Kommuniqué hervorgeht, gibt es weiter kein klares Zieldatum für die wichtige Kohlendioxidneutralität und den Ausstieg aus der Kohleverstromung. Das Dokument liegt der Nachrichtenagentur dpa vor.

Statt des erhofften "starken Signals" zum Auftakt der Weltklimakonferenz (COP26) in Glasgow, herrschte bis zuletzt Uneinigkeit. Klimaschützer äußerten sich "enttäuscht", weil die G20-Gruppe für 80 Prozent der Emissionen verantwortlich ist. Während anfangs konkret das Jahr 2050 für "Netto-Null-Emissionen von Treibhausgasen oder Kohlendioxidneutralität" festgeschrieben werden sollte, ist als Ziel nur noch allgemein von "bis oder um die Mitte des Jahrhunderts" die Rede. Damit ist gemeint, dass nur so viel Emissionen ausgestoßen werden, wie auch gebunden werden kann.

Rücksicht auf China und Russland?

Der Rückzug erfolgte offenbar aus Rücksicht auf China und Russland, die das Ziel erst 2060 anstreben. Indien möchte sich nicht festlegen. Auch gab es keine Einigung mehr auf "sofortiges Handeln", wie es in einem anfänglichen Entwurf noch geheißen hatte. Jetzt ist weniger dringlich von "bedeutungsvollem und wirksamen Handeln" die Rede.

Nur allgemein bekräftigt die G20, dass sie weiter den Zielen des Pariser Abkommens verpflichtet seien, die Erderwärmung "deutlich unter zwei Grad zu halten und Bemühungen zu verfolgen, sie auf 1,5 Grad zu begrenzen". Experten halten dafür aber eine deutliche Nachbesserung der Aktionspläne der einzelnen Länder für erforderlich. Ein Kohleausstieg wurde nicht einmal direkt erwähnt.

Auch die Zusage, die Investitionen in Kohlekraftwerke auslaufen zu lassen, blieb wenig konkret. Sollte das ursprünglich "in den 2030er-Jahren" geschehen, fehlte im Abschlusskommuniqué die Jahreszahl. Es wird jetzt "so schnell wie möglich" ins Auge gefasst. Damit könnte Rücksicht wieder auf China oder Indien genommen worden sein, die ihre Stromerzeugung stark auf Kohle stützen und dem Bedarf nur schwer nachkommen.

Die G20 bekannte sich aber dazu, bis Ende dieses Jahres im Ausland den Bau der Kohlekraftwerke nicht mehr mit öffentlichen Mitteln zu fördern. Selbst ein Hinweis auf die "alarmierenden Berichte" des Weltklimarates, der vor den Gefahren der Erderwärmung gewarnt hatte, wurde im finalen Text mit "jüngste Berichte" abgeschwächt. Eine erste Formulierung, in den 2030er-Jahren eine "weitgehend kohlendioxidfreie Stromversorgung" anzustreben, fehlt ebenfalls. Vielmehr wird allgemein der Wunsch geäußert, saubere Energien auszubauen.

Kritik an den Ergebnissen

Klimaaktivisten und Entwicklungsorganisationen sind enttäuscht über die vagen Gipfelergebnisse. Das Treffen sei ein "Gipfel der verpassten Chancen" gewesen, so Fiona Uellendahl von "World Vision". Vor wichtigen Entscheidungen, etwa in Sachen Impfgerechtigkeit oder Klimawandel, hätten die G20 "gekniffen". Während man in Deutschland bereits über Booster-Impfungen diskutiere, sei ein großer Teil der Menschen in den armen Ländern noch nicht mal einmal geimpft.

Harsche Kritik gab es auch an den Ergebnissen in Sachen Klimaschutz: "Der G20-Gipfel hätte eine Steilvorlage für die UN-Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow werden müssen", sagte Klimaexperte Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam. "Das ist nicht gelungen." Die G20 hätten es versäumt, die Unzulänglichkeit ihrer Selbstverpflichtungen unter dem Pariser Abkommen anzuerkennen und sich zur "dringend notwendigen, sofortigen Nachbesserung" zu verpflichten.

"Auch Deutschland und die Europäische Union sind nach wie vor nicht bereit, ihren fairen Anteil zu leisten", sagte Kowalzig. So steuere die Welt derzeit auf eine katastrophale Erwärmung um 2,7 Grad zu, obwohl maximal 1,5 Grad als kritische Schwelle gilt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 31. Oktober 2021 um 14:00 Uhr.