Éric Zemmour kündigt auf YouTube seine Präsidentschaftskandidatur an. | AFP
Porträt

Präsidentschaftskandidat Zemmour Wie Trump, nur intellektuell

Stand: 06.12.2021 08:03 Uhr

In Frankreich weckt Präsidentschaftskandidat Zemmour Erinnerungen an Donald Trump. Außenpolitisch zeigt er sich ähnlich konfrontativ. International bleiben Politiker auf Abstand - nicht aber Frankreichs Konservative.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

"Unser Trump" - betitelte das französische Wochenmagazin "Challenges" seine Ausgabe Ende Oktober zu einem Foto von Éric Zemmour. Darunter die Zeile: "Seine Lügen - Seine Provokationen - Seine Medienverbindungen". Im Artikel dazu beschreiben die Autoren, wie sich der Politiker von Ex-US-Präsident Donald Trump inspirieren lasse, wie er ebenfalls auf eine Mischung aus Stimmungsmache gegen das "System", gegen Immigration und Provokation setze.

Silvia Stöber tagesschau.de

Ende November erklärte Zemmour seine Präsidentschaftskandidatur. Schon in den Wochen zuvor tourte er durch das Land, im Gepäck sein Buch "Frankreich hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen". Dessen Cover ähnelt nicht zufällig dem von Trumps Buch "Great Again": Beide posieren vor der Nationalflagge ihre Landes.

Zu Zemmour in einem Interview mit der Zeitung "Le Parisien" befragt, sprach Trumps ehemaliger Wahlkampfchef Steve Bannon von einem "interessanten Phänomen". Jedoch unterschieden sich beide Männer in einer Sache: Zemmour sei "ein Intellektueller", im Gegensatz zu Trump. Letzterer halte sich zwar für einen sehr intelligenten Geschäftsmann, aber nicht für einen Intellektuellen.

Unterwegs in Alt-Right-Netzwerken

Zemmour ist als Journalist und Autor bekannt. Er studierte am renommierten Institut d'Études Politiques in Paris, scheiterte aber zweimal an den Aufnahmeprüfungen der Elite-Universität École Nationale d'Administration (ENA). Er schrieb Bücher über konservative Politiker und eines mit dem Titel "Der Selbstmord Frankreichs". Er war lange Kolumnist der konservativen Zeitung "Le Figaro".

Allerdings wurde er wegen Aufrufs zu rassistischer Diskriminierung verurteilt und kann so rüpelhaft auftreten wie Trump. Kürzlich zeigte er einer Frau in Marseille den Mittelfinger, den sie ihm zuvor ebenfalls gezeigt hatte. Auch Zemmour sucht Unterstützung in sozialen Medien. Sehr aktiv ist er auf Gettr - einer Alternative zu Twitter, gegründet von Trumps Ex-Sprecher Jason Miller. Gettr zieht vor allem Rechtsextreme und Rechtspopulisten an. Präsent sind dort Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro und Marine Le Pen, Chefin der rechtsextremen Partei Rassemblement National in Frankreich; Trump selbst allerdings nicht.

Von Politikern bislang gemieden

So wie sich Trump mit vielen internationalen Partnern der USA und früheren Mitstreitern entzweiht hat, sind auch Zemmours Einlassungen geeignet, andere Staaten vor den Kopf zu stoßen: Er meint etwa, die USA hätten keine Verbündeten, sondern Vasallen. Die US-Amerikaner und Deutschland bevormundeten Frankreich. Sein Land müsse aus dem Militärkommando der NATO austreten. Während die USA die NATO dominierten, habe Deutschland bei der EU in Brüssel alles in der Hand, kritisierte er vor Jahren. Die Grenzen zu Spanien und Italien will er schließen, um irreguläre Migration Richtung Frankreich zu beenden.

Bei einem Besuch in London im November lobte er die Briten für den Brexit: Sie ließen sich nicht länger von europäischen Richtern und Technokraten unterwerfen. Allerdings wollte sich in London kein Politiker öffentlich mit ihm zeigen. Einen Aufenthalt in Brüssel verschob Zemmour aus "terminlichen Gründen".

Anders in Budapest: Dort nahm er im September auf Einladung von Ungarns Premier Viktor Orban an einem internationalem "Gipfel zur Demographie" teil. Zemmour revanchierte sich mit einem Lob: Orban habe die Entwicklung der Welt verstanden, er verteidige die Identität seines Landes und Europas.

Stärkste Konkurrentin: Le Pen

Russische Medien zitieren begeistert Zemmours Aussagen, vor allem jene, bei denen er sich gegen eine "Konfrontation mit Russland" ausspricht, die Vision einer eurasischen Achse entwirft und Bewunderung für Russlands Präsident Wladimir Putin zum Ausdruck bringt. Kreml-nahe Politiker und Think Tanks halten sich allerdings bislang zurück, was ein Bekenntnis zu Zemmour angeht: Einerseits zeitigten Kampagnen gegen Emmanuel Macron und Unterstützung für den Konservativen François Fillon und die Rechtsextreme Le Pen in vorangegangenen Präsidentschaftswahlkämpfen keinen Erfolg. Zum anderen ist unklar, wie weit Zemmour bei der Wahl kommen wird.

Die stärkste Konkurrenz kommt mit Marine Le Pen aus dem gleichen Lager. Zwar erwog Le Pens Vater Jean-Marie öffentlich, den radikaler auftretenden Zemmour zu unterstützen, und offenbar stellen sich potente Geldgeber hinter ihn. Doch stand sie in Umfragen zuletzt besser da als er. Zusammen kommen beide etwa auf ein Drittel der Wählerstimmen.

Bedrängt von diesem Wählerpotenzial fühlen sich vor allem die konservativen Republikaner. Während ihrer Vorwahlrunden grenzte sich niemand der Kandidaten deutlich von Zemmour ab. Stattdessen waren vergleichbare Töne beim Thema innere Sicherheit, Migration und hinsichtlich Frankreichs Souveränität in der EU zu hören.

Wie auch immer Zemmour abschneiden wird - er beeinflusst auch die außenpolitische Stimmung in Frankreich.

Über dieses Thema berichtete am 30. November 2021 BR24 um 16:51 Uhr und Deutschlandfunk um 23:31 Uhr in der Sendung "Das war der Tag".