Ein Mann verfolgt das TV-Duell | REUTERS
Analyse

Frankreich vor der Wahl Macron attackiert, Le Pen pariert

Stand: 21.04.2022 08:18 Uhr

Das TV-Duell vor der Stichwahl um das französische Präsidentenamt ist respektvoll und ruhiger verlaufen als vor fünf Jahren. Für Macron und Le Pen geht es um viel - auch Deutschland wurde mehrfach zum Thema.

Von Stefanie Markert, ARD-Studio Paris

"Ein mit Spannung erwarteter Moment im demokratischen Leben unseres Landes!" "Sie können Ihre Vision von Frankreich darlegen und Ihre Persönlichkeit zeigen!" So beginnen die Moderatoren das von mehreren Fernsehsendern, im Radio und online übertragene TV-Duell. Der sozialliberale Emmanuel Macron und die Rechtsaußen-Politikerin Marine Le Pen sitzen zweieinhalb Meter voneinander entfernt vor einem großen Foto des Elysée-Palastes. Die Redezeit wird sekundengenau abgerechnet.

Stefanie Markert ARD-Studio Paris

Kaufkraft und Ukraine-Krieg sind wichtige Themen

Thema Nr. 1: die Kaufkraft. Die studierte Juristin gibt sich als Anwältin des Volkes. "Meine absolute Priorität in den kommenden fünf Jahren: den Franzosen ihr Geld zurückgeben." Doch ausgerechnet beim wichtigsten Wahlkampfthema für ihre Landsleute und sie selbst patzt die 53-Jährige, verheddert sich im Detail.

Präsident Macron geht sie an: "Ich komme nochmal auf die von uns blockierten Energiepreise zurück. Schön, dass Sie das jetzt beibehalten wollen. Aber Sie haben dagegen gestimmt. Warum?" Der 44-Jährige stellt ihr mehrere direkte Fragen und plädiert für Vollbeschäftigung als Kaufkraft-fördernd.

Debatte mit Respekt

Die Debatte, vor der sich beide die Hand gaben, verläuft durchaus mit Respekt und ruhiger als vor fünf Jahren. Beim Thema Außenpolitik aber dürfte es im TV-Studio heißer als die 19 Grad geworden sein, auf die die Klimaanlage einvernehmlich eingestellt worden ist.

"Sie hängen von Russland, von Monsieur Putin ab", greift Macron Le Pen an. "Denn einige Monate, nachdem Sie die Annexion der Krim anerkannt haben, haben Sie einen Kredit bei einer kremlnahen russischen Bank aufgenommen. Sie reden mit Ihrem Bankier, wenn Sie von Russland sprechen, das ist das Problem. Gestehen Sie es doch ein", so Macron weiter.

Sie habe in Frankreich keinen Kredit bekommen, reagiert Marine Le Pen erzürnt auf Macrons Angriff und punktet unerwartet: "Ich bin eine absolut und total freie Frau und verteidige als Patriotin mein ganzes Leben lang Frankreich und die Franzosen."

Und weiter: "Wir zahlen den Kredit zurück, aber das dauert, denn wir sind eine arme Partei und das ist keine Schande!" Die Sanktionen gegen Russland trage sie mit, ein Gaslieferstopp wäre aber Harakiri.

Unterschiedliche Vorstellungen in Sachen Europa

Mehrfach ist Deutschland Thema. Macron glaubt an Europa und das deutsch-französische Tandem. Er wirft Le Pen vor, weiterhin aus der EU austreten zu wollen, es nur nicht mehr zu sagen. Falsch, entgegnet Le Pen, spricht aber von einer anderen EU, einem Europa der Nationen. Im Übrigen: "Warum schafft es Frankreich nie seine Interessen zu verteidigen, während Deutschland das Schritt für Schritt macht?"

Weitere Themen: die Rente ab 65 bei Macron, ab 60 bis 62 bei Le Pen. Auch Gesundheit, Schule, Jugend stehen zur Debatte. Oft ist es eine Zahlenschlacht. Marine Le Pen malt ein düsteres Frankreich, in dem die "Barbarei" schon auf dem Lande angekommen sei und Dünger gestohlen werde.

Ihr Einwanderungsreferendum und das Verbot des Schleiers im öffentlichen Raum verteidigt sie. Macron fährt groß auf: "Damit vertreiben Sie Millionen unser Mitbürger wegen ihrer Religion aus dem öffentlichen Raum. Das gibt einen Bürgerkrieg in den Stadtvierteln", sagt er und fragt: "Wie viele Polizisten sollen einem Schleier oder auch einer Kippa nachlaufen?"

"So viele, wie die Masken kontrolliert haben", kontert die Herausforderin, die Macron breit anlächelt, wenn sie sich sicher fühlt. Der knabbert mal am Fingernagel, wirkt gelangweilt und teils belustigt. Etwa wenn die Rechtspopulistin erklärt, er wolle doch alle Küsten Frankreichs mit Windrädern zubauen, außer den Badeort Le Touquet, wo er sein Sommerhaus habe.

Umfrage sieht Macron vorn

Die Donnerstagszeitungen titeln: "Macron dominiert, Le Pen hält dagegen" oder "Macron attackiert, Le Pen defensiv". Das hatte man anders herum erwartet. Denn die Bilanz des Präsidenten umfasst nicht nur weniger Arbeitslosigkeit, sondern auch gestiegene Staatsschulden und gescheiterte Reformen. Dennoch belegt eine Blitzumfrage: 59 Prozent der Zuschauer fanden den Präsidenten, nur 39 Prozent seine Herausforderin überzeugender.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. April 2022 um 07:08 Uhr.