Journalist liest das Buch "La familia grande" von Camille Kouchner | dpa

Frankreichs neue MeToo-Debatte Das Ende des Schweigens

Stand: 16.02.2021 08:52 Uhr

Kindesmissbrauch, sexualisierte Gewalt, Pädokriminalität: Frankreich erlebt seine Version eines MeToo-Aufschreis. Fast täglich werden neue Enthüllungen und erschütternden Vorwürfe öffentlich. 

Von Friederike Hofmann, ARD-Studio Paris

"Es passierte nachts in meinem Zimmer, wenn meine Mutter schlief oder tagsüber, wenn ich mit ihm alleine war", erzählt Guillaume, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. Er war vier Jahre alt, als sein persönlicher Albtraum begann. Mehr als 15 Jahre lang wurde er von seinem Vater missbraucht. 

Friederike Hofmann ARD-Studio Paris

"Er sagte mir, wenn ich darüber rede, würde ich Probleme bekommen." Aus Angst schwieg Guillaume jahrelang, hat mehrere Selbstmordversuche hinter sich. "Ich bin mit der Belastung dieser Geschichte aufgewachsen - und mit der Belastung des Schweigens", sagt er. Erst mit 27 Jahren findet er die Kraft, dieses Schweigen zu brechen.  

Bekannt, aber ignoriert? 

Das Schweigen brechen, das passiert in Frankreich momentan fast täglich. Angestoßen hatte das die sogenannte Affäre Duhamel. Im Januar wurde der bekannte Politologe und Verfassungsrechtler Olivier Duhamel von seiner Stieftochter Camille Kouchner in ihrem Buch "La familia grande" beschuldigt, seinen Stiefsohn als Kind regelmäßig sexuell missbraucht zu haben. In elitären Pariser Kreisen sei das längst bekannt gewesen, aber ignoriert worden. Auch der Chef der Pariser Universität Sciences Po, für die Duhamel tätig war, trat zurück. Er hatte zugegeben, von den Vorwürfen gewusst zu haben. 

Seit Beginn der Affäre Duhamel berichten zahlreiche Menschen von ihren Erfahrungen in der Öffentlichkeit. Kinder von Politikern, Mächtigen, Prominenten. Zuletzt ging die Tochter des beliebten Schauspielers und Regisseurs Richard Berry an die Öffentlichkeit, die ihren Vater anklagt, sie sexuell missbraucht zu haben. Unter dem Hashtag #metooinceste berichten auch weniger Prominente in sozialen Netzwerken über ihre Erfahrungen.

Ein Grafitti in Paris verkündet: "Duhamel und die anderen - Ihr werdet niemals in Frieden leben" | AP

Ein Grafitti in Paris verkündet: "Duhamel und die anderen - Ihr werdet niemals in Frieden leben" Bild: AP

"Ein gesellschaftlicher Wandel"

"Wir erleben in Frankreich gerade die Fortsetzung der MeToo-Debatte", sagt der Philosoph Marc Crépon, der sich intensiv mit der Debatte auseinandergesetzt hat. Bei MeToo hätten Frauen, die Opfer von sexuellen Aggressionen waren, eine Stimme bekommen, sagt er. "Bisher spielten die, die als Kinder vor zehn, 15 oder 20 Jahren Opfer geworden sind, noch keine Rolle. MeToo hatte das Tabu beim Thema Pädokriminalität noch nicht gebrochen", sagt er. Das ändere sich jetzt.

Jetzt fühlten sich Opfer bestärkt, ihr Schweigen zu brechen, die Täter zu benennen und die gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. "Ich glaube, wir erleben gerade einen gesellschaftlichen Wandel", sagt Crépon. Die Gesellschaft lerne durch diese Debatte, bestimmte Dinge nicht mehr zu tolerieren, vor denen man lange die Augen verschlossen habe. "Das ist eine Veränderung der Toleranzschwelle", so Crépon. 

Studenten in Straßburg demonstrieren vor der Science-Po-Universität | AFP

Sie wollen nicht still bleiben: Studenten in Straßburg demonstrieren vor der Science-Po-Universität. Bild: AFP

Science Po im Kreuzfeuer 

Die Debatte in Frankreich zieht noch weitere Kreise. Die angesehenen französischen Hochschulen Sciences Po geraten unter Beschuss. Studentinnen und Studenten berichten über sexuelle Gewalt an ihren Unis, die von der Führungsebene nicht verfolgt würden. An der Sciences Po in Toulouse wird inzwischen wegen Vergewaltigungsvorwürfen ermittelt. Auch auf dem Campus in Grenoble und Straßburg wird Fällen nachgegangen.  

Die französische Regierung strebt nun Gesetzesänderungen an. Die sexuelle Penetration von unter 15-Jährigen durch einen Erwachsenen soll laut Justizminister Eric Dupond-Moretti grundsätzlich unter Strafe gestellt werden. Anders als in Deutschland gibt es in Frankreich ein sogenanntes Schutzalter bislang nicht. Wer in Deutschland zum Beispiel einvernehmlichen Sex haben möchte, muss mindestens 14 Jahre alt sein.

Junge Missbrauchsopfer müssen in Frankreich nach aktueller Rechtslage nachweisen, dass die sexuellen Handlungen nicht einvernehmlich gewesen seien. Die Debatte geht weiter. Erst am Wochenende haben sich 160 Prominente mit einem Aufruf für die Verschärfung der Regelungen in Frankreich ausgesprochen.