Ein Unterstützer von Frankreichs Präsident Macron hängt ein Wahlplakat auf | AFP
Reportage

Frankreich vor der Wahl Macron setzt auf die Jugend

Stand: 06.04.2022 13:48 Uhr

Im Endspurt des Wahlkampfs baut Frankreichs Präsident Macron auf die Unterstützung der jüngeren Wähler. Im Straßenwahlkampf ist ihr Engagement eine wichtige Stütze - zumal sich ein knappes Ergebnis ankündigt.

Von Sabine Rau und Susanne-Kathrin Wildhagen , ARD-Studio Paris

Es war ein kurzer Wahlkampf. Denn der französische Präsident konzentrierte sich ganz auf den Ukraine-Krieg, präsentierte sich als internationaler Krisenmanager und fand so wenig Zeit für Wahlkampfauftritte und Debatten - sehr zum Ärger seiner Herausforderer. Erst kurz vor Fristablauf verkündete Emmanuel Macron seine erneute Kandidatur und es gab nur eine einzige große Wahlkampfveranstaltung mit ihm - perfekt inszeniert, auf der großen Bühne, vor knapp 30.000 Anhängern.

Sabine Rau ARD-Studio Paris

Im Pariser Headquarter der "Jeunes avec Macron", der Jugendorganisation der Macron-Partei "La République en Marche", herrscht konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Die Reihen im Großraumbüro sind ausgedünnt, viele hat das Coronavirus erwischt. Die 17-jährige Consuelo Arkwright Arcilla ist hingegen topfit. Obwohl sie kurz vor dem Abitur steht, verteilt sie jeden Tag Flyer und klebt Plakate - für ihren Präsidenten. Gerade holt sie Nachschub.

"Unser Engagement ist sehr wichtig, denn selbst wenn wir in den Umfragen vorne liegen, ist noch nichts gewonnen", sagt sie. "Marine Le Pen holt auf. Wir müssen unsere Werte verteidigen. Und Emmanuel Macron ist der Präsident der Jugend!"

Die junge Macron-Unterstuetzerin Consuelo im Hauptquartier der Macroniste in Paris | Studio ARD Paris

Sorgt sich um den Wahlausgang: Macron-Unterstützerin Consuelo Arkwright Arcilla Bild: Studio ARD Paris

Die jungen Wähler - Macrons erste Unterstützer

Seiner Jugendorganisation hat Macron einiges zu verdanken. Die "Jeunes avec Macron" waren die Ersten, die entschieden hinter ihm standen, lange bevor er seine eigene Bewegung "La République en Marche" gründete und zur Präsidentschaftswahl 2017 antrat.

Schon 2015 hatten sich vier junge Sozialisten zusammengeschlossen, um das Gesetz des damaligen Finanzministers Macron zur Liberalisierung des Arbeitsmarktes zu unterstützen. Sein Reformkurs führte damals innerhalb der sozialdemokratischen Regierung unter Präsident Francois Hollande zu heftigen Debatten.

Die Spannungen wurden so groß, dass Macron im Sommer 2016 aus der Regierung austrat und drei Monate später seine Kandidatur zu den Präsidentschaftswahlen verkündete. Es war der Anfang vom Ende der traditionsreichen Parti Socialiste.

Eine französische Flagge | AFP
Frankreich vor der Wahl

Frankreich wählt am 10. und am 24. April einen neuen Präsidenten. Vor der Wahl ist Korrespondentin Sabine Rau für die tagesthemen im Land unterwegs und berichtet über Themen, die die Menschen im Land bewegen. Ihre bisherigen Reportagen beschäftigten sich mit der Sicherheitspolitik Frankreichs, der Energiepolitik des Landes sowie den Lebensverhältnissen in den Vorstädten.

Generation Erasmus steht zur Macron

Die jungen Ex-Sozialisten um Macron waren 2016 in Eroberungsstimmung. Ihre eigene Partei schien ihnen nicht mehr schlagkräftig genug. Macron war das Symbol einer neuen Generation: Jeder konnte mitmachen, bald hatten die "Jeunes avec Macron" mehrere Tausend Anhänger. Europa stand für sie von Anfang an im Zentrum.

Für die Erasmus-Generation ist Macrons entschiedener Einsatz für Europa im sonst eher europaskeptischen Frankreich von großer Bedeutung. Damit hatte Marcon vor fünf Jahren auch Maxime Hérault überzeugt. Heute betreut der junge Parteifunktionär im Headquarter der "Jeunes avec Macron" die Pressearbeit in den sozialen Medien:

Europa ist unsere DNA und Emmanuel Macron ist der Einzige, der sich wirklich für Europa einsetzt. Unsere Generation steht vor so vielen Herausforderungen: das Klima, die Demokratie, die Gleichstellung von Frauen und Männern. Wir können diese Herausforderungen nur bewältigen, wenn wir gemeinsam auf europäischer Ebene tätig werden und Lösungen finden.

Macrons Stärke: Menschen für sich einnehmen

Die sozialen Unruhen während der Gelbwesten-Bewegung und der Rechtsruck der Regierung unter Macrons Präsidentschaft versetzten der Begeisterung der jungen Macronisten einen Dämpfer. In einem beispiellosen Kraftakt zog Macron 2019 mehrere Wochen durch ganz Frankreich und stellte sich der Kritik. In seiner landesweiten "Grand Débat" zeigt er erneut, was er am besten kann: Reden halten, Menschen für sich gewinnen.

Seine umstrittene Rentenreform - Einführung der Rente mit 65 - kassierte er vor dem Hintergrund anhaltender Kritik. Schließlich führte der Ausbruch der Corona-Epidemie dazu, dass seine Reformpolitik insgesamt ins Stocken geriet.

Die Mühen des Straßenwahlkampfs

An der Metro-Station "La Motte-Piquet Grenelle" unweit des Eiffelturms trifft die Macron-Anhängerin Consuelo ein halbes Dutzend Mitstreiter. Es ist 18 Uhr, die Pariser eilen von der Arbeit in den Feierabend. "Bonjour Madame, das Programm des Präsidenten …" Nicht wenige lehnen den Flyer mit dem Foto eines lächelnden Emmanuel Macron und der Aufschrift "Nous tous" ("Wir alle") ab.

"Ich kann nicht verstehen, dass Macron für arrogant gehalten wird", sagt Consuelo. "Seine Bilanz ist gut, die Arbeitslosigkeit war schon lange nicht so niedrig wie heute, die Kaufkraft steigt trotz der Covid-Krise. Es ist doch absurd, von ihm als Präsident der Reichen zu sprechen!"

Unterstützer von Frankreichs Präsident Macron verteilen in Paris Flugblätter

Nicht jeder ist an den Flugblättern der Macron-Unterstützer interessiert. Ihr Engagement kann das nicht dämpfen.

Martialische Ansprache zu Krisenbeginn

Macron stilisierte sich in der Tat zum Krisenmanager: "Nous sommes en guerre", "wir sind im Krieg" - seine erste Fernsehansprache zur Corona-Epidemie, ließ sich an martialischer Rhetorik kaum überbieten; die Franzosen sollten auf die neue Gefahr mit allen Mitteln eingeschworen werden. Aber es wirkte: Macron steuerte Frankreich entschieden besser durch die Krise als fast alle seiner europäischen Kollegen.

Im Ukraine-Konflikt zeigt er sich ein weiteres Mal als Krisenmanager. Die Franzosen vertrauen in diesem beispiellosen Konflikt ihrem Präsidenten und setzen auf ihn als auch international respektierten Akteur.

Keine Antwort auf Wut- und Frustgefühle

Macron bleibt unbestritten der Favorit der Präsidentschaftswahlen. Auch für die jungen Franzosen. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts IFOP wollen ihm 33 Prozent der 18- bis 24-jährigen ihre Stimme geben. Aber dennoch: Auf die Wut und Frustration derjenigen, die sich von der Gesellschaft abgehängt fühlen, hat Macron keine Antwort.

Das Image "Präsident der Reichen" haftet fest an ihm und die rechtsextreme Rivalin Marine Le Pen steht nach wie vor hoch im Kurs. Laut Umfragen könnte ein Duell "Macron - Le Pen" im zweiten Wahlgang sehr eng ausgehen. 2017 haben sich 66 Prozent der Wähler für Macron entschieden. Dieses Mal könnte es vielleicht nur knapp über die Hälfte werden, sagen Umfragen.

Bis Freitag läuft der Wahlkampf noch. Am Sonntag wird sich entscheiden, wer das Duell um die Präsidentschaft bestreiten wird.

Die Reportage von Sabine Rau sehen Sie auch in den tagesthemen - heute um 22.15 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 06. April 2022 um 22:30 Uhr.