Blick auf die Ecole Nationale d'Administration | REUTERS

Frankreichs Kaderschmiede Macron will Elitehochschule ENA schließen

Stand: 09.04.2021 15:54 Uhr

In Frankreich gibt es kaum einen Top-Beamten-Job ohne ENA-Abschluss. Jetzt will Präsident Macron die umstrittene Elitehochschule endgültig abschaffen - und damit für mehr Chancengleichheit sorgen.

Von Christina Erdkönig, ARD-Studio Paris

Mehr als die Hälfte aller Präsidenten der Nachkriegszeit in Frankreich hat auf der Verwaltungshochschule ENA, der Ecole Nationale d’Administration, eine Ausbildung absolviert. Auch der Mann, der vor zwei Jahren angekündigt hatte, sie abzuschaffen: Emmanuel Macron.

Noch unter dem Eindruck der monatelangen Proteste der Gelbwesten in seinem Land - die Demonstrationen wurden von Woche zu Woche gewalttätiger - erklärte der französische Präsident Ende April 2019: "Wir müssen unter anderem die ENA abschaffen. Wir müssen etwas aufbauen, was besser funktioniert." Und weiter sagte er: "Wir werden die Räumlichkeiten, die Angestellten dort belassen, weil sie sehr engagiert und gut ausgebildet sind. Ich glaube aber nicht an kleinere Änderungen und zerstückelte Reförmchen. Das haben meine Vorgänger schon probiert. Wenn man die Strukturen nicht verändert, tut sich nichts, dann bleibt alles beim Alten."

Macron macht Nägel mit Köpfen

Die Gelbwesten hatten unter anderem gefordert, dass die ENA schließen muss: Die Verwaltungshochschule in Straßburg war und ist für viele ein Symbol für die kleine Elite, die den Staat lenkt, für einen geschlossenen Kreis.

Was er damals ankündigte, will Präsident Macron jetzt wirklich durchziehen. Inmitten der Pandemie verkündete der Präsident vor 600 höheren Beamten gestern in einer Videokonferenz, die ENA abzuschaffen und durch eine neue Verwaltungshochschule, das Institut du Service Public, zu ersetzen.

Abschluss künftig kein Freifahrtsschein für Spitzenposten

Macron selbst äußerte sich dazu nicht öffentlich, aber sein Berater Frédéric Thiriez. Der Jurist hatte für den Präsidenten in den letzten Monaten einen Bericht zu möglichen Veränderungen der ENA verfasst "Wir werden das ganze System unserer Ausbildung der Spitzenbeamten in Frankreich neu aufstellen. Es geht ja nicht nur um die ENA. Wir werden 13 andere Hochschulen in das neue Institut in Straßburg integrieren. Es ist eine umfassende Reform, eine sehr ambitionierte", erklärte Thiriez.

Geplant ist auch eine engere Zusammenarbeit mit Universitäten. Und: Einmal den bislang hochgehandelten Abschluss in der Tasche, soll es für Absolventen nicht mehr möglich sein, sofort in Spitzenpositionen der staatlichen Verwaltung zu kommen. Macron will, dass die Berufsanfänger sich zuerst an der Basis in einfacheren Verwaltungsaufgaben ihre Sporen verdienen müssen.

Unterstützung von Absolventen

Dazu meint der ehemalige ENA-Schüler Boris Walbaum im französischen Radiosender France Info: "Das ist eine sehr, sehr wichtige Maßnahme. Junge Leute direkt nach der ENA mit Mitte zwanzig gleich in hohe Positionen zu katapultieren, nur weil sie ein besonders hohes Analysevermögen haben, das war in der Vergangenheit schwierig. Sie müssen an der Basis ihre Erfahrungen sammeln, vielleicht auch in Bürgerbüros, nicht sofort in den verantwortlichen Positionen."

Eine Frau geht vor dem Eingang der Ecole Nationale d'Administration entlang. | EPA

Die Tür zur ENA stand nicht allen Franzosen und Französinnen offen Bild: EPA

Mehr Durchlässigkeit geplant

Walbaum, der eine Organisation für mehr Chancengleichheit in der Bildung gegründet hat, findet auch gut, dass Macron das strenge Auswahlverfahren für die neue Verwaltungshochschule öffnen will. Bislang waren da Bewerber aus gehobenen sozialen Verhältnissen im Vorteil. Mehr als zwei Drittel der Schüler der ENA sind Kinder von Spitzenbeamten.

Der Direktor der ENA, Patrick Gérard, erklärt sich das so: "Es ist ein sehr schwieriges Auswahlverfahren mit 1700 Bewerbern. Es reicht schon, dass einer in Englisch besser ist, weil er zum Beispiel mit seinen Eltern Reisen nach England gemacht hat und vielleicht durch das Elternhaus mehr Allgemeinbildung hat." Und er berichtet: "Vor über zehn Jahren haben wir reagiert und haben Vorbereitungsklassen für Schüler aus einfacheren Verhältnissen eingeführt."

Zugang für weniger Privilegierte blieb Ausnahme

Bislang haben diese Vorbereitungsklassen kaum Wirkung gezeigt. Denn Schülerinnen wie Alix, die aus einem nicht gerade privilegierten Vorort von Nantes stammt und 2019 anfing, an der ENA zu studieren, bleiben eine Ausnahme.

Die junge Frau hätte sich früher nie träumen lassen, an der ENA zu studieren: "Die ENA war für mich unerreichbar, als ich jünger war. Da, wo ich herkam, da ist man einfach nicht zur ENA gegangen. Den Concours, das Auswahlverfahren, auch nur zu versuchen - undenkbar!"

Alix kam über das Programm für Unternehmen in die ENA. Acht der 80 Plätze pro Jahr sind für junge Berufstätige reserviert, die bereits Erfahrung in Firmen gesammelt haben. Das mehrstufige Auswahlverfahren musste sie aber genauso durchlaufen. Nach zehn Jahren bei der französischen Bahn SNCF hatte sie schließlich das Selbstbewusstsein, sich zu bewerben. Denn die ENA, das weiß die junge Frau, bietet viel: "Die ENA gibt einem wirklich viele Möglichkeiten. Einmal den Abschluss, kann man in wirklich viele Bereiche gehen: vor allem in Bereiche der öffentlichen Verwaltung."

Gründung nach dem Krieg

Die ENA wurde von Charles de Gaulle 1945, nach dem Zweiten Weltkrieg, gegründet. Er war damals der Präsident der provisorischen Regierung Frankreichs. De Gaulle hatte sich zum Ziel gesetzt, mit der neuen Hochschule frischen Nachwuchs für die höhere Verwaltung zu gewinnen. Allen Französinnen und Franzosen sollte eine Karriere als Spitzenbeamte offenstehen. Nicht mehr nur diejenigen mit guten familiären Beziehungen sollten die Chance haben, in den hohen Staatsdienst einzusteigen. Mit der ENA setzte de Gaulle auf einen Neuanfang.

Mehr als 70 Jahre später funktioniert das Konzept nicht mehr, denn die ENA bietet längst keine Chancengleichheit mehr. Macron selbst, so sagte er bei seiner Rede gestern, sei zwar dankbar für seine Ausbildung an der ENA, sehe aber keine andere Möglichkeit, als sie komplett umzukrempeln. 

Es wird sich in den nächsten Monaten oder besser Jahren zeigen, ob die bisherige Prestigehochschule in Straßburg mit dem neuen Namen "Institut du Service Public" wirklich zu einer Schule wird, die allen Gesellschaftsgruppen in Frankreich offensteht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. April 2021 um 01:00 Uhr.

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Moderation 09.04.2021 • 23:28 Uhr

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