Der Schatten eines Priesters, der am Karfreitag bei einer Zeremonie ein Kreuz trägt, fällt auf das Pflaster | dpa

Katholische Kirche "Eine Schande für die Menschlichkeit"

Stand: 05.10.2021 20:09 Uhr

Frankreich ist erschüttert: Seit 1950 wurden dort in der katholischen Kirche und ihren Einrichtungen 330.000 Kinder und Jugendliche Opfer sexueller Gewalt, wie eine Kommission ans Licht gebracht hat.

Von Linda Schildbach, ARD-Studio Paris

Die Stille im Pariser Pressesaal ist erdrückend, als François Devaux - selbst Missbrauchsopfer und Gründer der Vereinigung "La Parole Libérée" - das Rednerpodium betritt. "Was Sie verstehen müssen, meine Herren, ist: Sie sind eine Schande für die Menschlichkeit", sagt Devaux in Richtung der anwesenden Bischofsvertreter und des Papstbotschafters. In einem fast drohenden Ton fordert er sie auf: "Sie müssen für jedes dieser Verbrechen bezahlen!"

Die meisten Täter und Opfer waren männlich

Um die 3.000 potenzielle Täter hat die unabhängige Untersuchungskommission Ciase im Zeitraum von 1950 bis 2020 ermittelt. Zu 95 Prozent handele es  sich dabei um Männer, meist Priester, Ordensleute und andere kirchliche Mitarbeiter.

Der fast 3.000 Seiten lange Bericht zeigt auch: Die Opfer waren zu 80 Prozent Jungen, im Schnitt zwischen zehn und 13 Jahren alt. Bei fast einem Drittel der Taten handele es sich um Vergewaltigungen.

Systematisches Wegsehen und Vertuschen

Die katholische Kirche habe jahrzehntelang weggeschaut, kritisiert Kommissionspräsident Jean-Marc Sauvé: "Vor allem gab es ein Muster von Nachlässigkeit, Versäumnissen, Schweigen und institutioneller Vertuschung, das einen systemischen Charakter hatte."

Bis Anfang der 2000er-Jahre habe es eine totale und grausame Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern gegeben, so Jean-Marc Sauvé.

Um die Dimension des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche zu beleuchten, wurde 2018 die unabhängige Kommission Ciase von der französischen Bischofskonferenz ins Leben gerufen. Fast drei Jahre lang hat das 22-köpfige Gremium bestehend aus Juristen, Psychologen, Soziologen sowie Historikern, Medizinern und Theologen recherchiert - in Archiven der Kirche, Justiz, Polizei und Presse.

Schlimme Berichte von Betroffenen

Die wichtigste Quelle waren jedoch Tausende Zeugengespräche. Ein schmerzlicher Prozess, zitiert Kommissionsmitglied Alice Casagrande ein Opfer: "Um dieses Schweigen zu brechen, benötigt man einen Mut, den sich niemand vorstellen kann, der diese Hölle nicht selbst erlebt hat. Das ist, als würde man sich von der zweiten Etage des Eiffelturms stürzen", sagte ein Opfer. "Ich habe den ganzen Sommer nicht geschlafen in dem Gedanken, auszusagen."

Für viele Betroffene habe das Mitwirken an dem Bericht bereits eine heilende Wirkung gehabt, sagte der Kommissionleiter Sauvé.

Das unabhängige Gremium legte nun auch einen Maßnahmenkatalog mit 45 Vorschlägen zur Missbrauchsprävention vor. Darin fordert es unter anderem mehr Transparenz, Entschädigungszahlungen für die Opfer und eine Reformation des Kirchenrechts.

Vor allem empfiehlt es der katholischen Kirche, ihre systematische Verantwortung anzuerkennen - und die sozialen wie zivilrechtlichen Folgen zu tragen.

Bischofskonferenz entschuldigt sich

"Die Zeit der Naivität und Zweideutigkeit ist vorbei", versprach der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, Éric De Moulins-Beaufort. Er drückte "Scham und Entsetzen" aus und bat um "Vergebung". Der Bericht sei eine Bestärkung, dass man in der Aufklärungsarbeit nicht nachlassen dürfe, so der Bischof. Zu konkreten Entschädigungssummen wurde jedoch nichts gesagt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. Oktober 2021 um 22:15 Uhr.